89 Milliarden Euro

Griechenland braucht "Supertranche" zum Überleben

Griechenland steht vor wegweisenden 100 Tagen. Ende März muss Athen fällige Anleihen zahlen. Der Schuldenschnitt reicht womöglich nicht aus.

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Das neue Jahr beginnt in Griechenland mit den alten, gewaltigen Problemen: Die Wirtschaft ist weiter auf Talfahrt, es wird gestreikt, die Regierung warnt vor der Staatspleite. Außerdem könnte der bislang geplante Schuldenschnitt nicht ausreichen. Die Lage bleibt dramatisch.

Die Griechen sind tief verunsichert. Um bis zu 40 Prozent sei der Konsum über die Feiertage zurückgegangen, berichtete der Restaurant- und Barverband von Athen. Die Hotels in den Urlaubszentren waren halbleer. Am Montag starteten die Apotheker einen 48-stündigen Streik, weil die Zahlungen der staatlichen Versicherungen um Monate hinter ihren Verpflichtungen hinken.

Regierungschef Lucas Papademos machte keinen Hehl daraus , wie schlimm die Lage ist: „Es gibt keine Wunderlösungen“, sagte er bei seiner Neujahrsansprache und kündigte „schwierige Tage“ auch im neuen Jahr an. Alle Bemühungen müssten fortgesetzt werden, damit die Krise nicht zu einer „unkontrollierbaren katastrophalen Zahlungsunfähigkeit“ führe.

Es mehren sich die Berichte, der bislang geplante freiwillige Schuldenschnitt in Höhe von 50 Prozent könnte nicht reichen, das Ziel betrage nun 70 bis 80 Prozent. Das Finanzministerium in Athen wollte dies jedoch bislang nicht bestätigen. Ziel seien „die 50 Prozent“, heißt es immer wieder. Damit würde Athen nach den Worten von Finanzminister Evangelos Venizelos 100 Milliarden Euro seiner Schulden loswerden.

Die nächsten drei Monate bestimmten die Zukunft des vom Bankrott bedrohten Landes für Jahrzehnte, sagte Papademos. Bis Mitte März soll eine, wie die griechische Presse sie nennt, „Supertranche“ für Griechenland in Höhe von 89 Milliarden Euro von den internationalen Geldgebern ausgezahlt werden.

Ende März muss Athen 14,5 Milliarden Euro für fällige Anleihen zahlen. Um diese „Supertranche“ zu bekommen, muss Athen aber zusammen mit seinen Gläubigern den geplanten Schuldenschnitt in Höhe von 50 Prozent unter Dach und Fach bringen. Diese Verhandlungen „verlaufen gut“, sie seien aber nicht „leicht“, hieß es aus Kreisen des Finanzministeriums.

Griechenland-Paket steht noch auf der Kippe

Nur wenn dieser Schuldenschnitt geregelt ist, kann das neue Hilfsprogramm für Griechenland in Höhe von insgesamt 130 Milliarden Euro in die Wege geleitet werden. Andernfalls wären neue Entscheidungen nötig. „Wie schmerzhaft sie sein könnten, darüber wollen wir nicht reden“, hieß es in einem Kommentar des griechischen Fernsehens.

Im besten Fall könnten dann die Gläubiger Athen nur noch die 14,5 Milliarden Euro für die fälligen Anleihen geben, darüber hinaus aber nichts mehr. Dann wäre das Land praktisch pleite. Mitte Januar wird die Gläubiger-Troika in Athen erwartet. Die Experten der EU, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB) wollen erneut in die Bücher schauen.

Griechenlands Wirtschaft auf Talfahrt

Die griechische Wirtschaft aber ist weiter im freien Fall. Finanzminister Venizelos rechnet für 2012 mit einem Minus von 2,8 Prozent, nach einem Rückgang von 5,5 Prozent im vergangenen Jahr. Das Haushaltsdefizit soll 2011 mehr als neun Prozent betragen. Die „Troika“ wird nach Einschätzung der griechischen Presse weitere harte Einschnitte fordern . Erwartet werden Sparmaßnahmen und Entlassungen im staatlichen Bereich. Bis zu 150.000 Staatsbedienstete werden bis Ende 2015 gehen müssen, wie die griechische Presse berichtete. Kürzungen bei sozialen Leistungen gelten als sicher.

Millionen Menschen in Griechenland verbrachten die Feiertage in Sorge im ihre Zukunft. Im Zentrum Athens gab es zum neuen Jahr nur ein kleines Feuerwerk, ein kleines Orchester spielte für zwei Stunden Musik – dann gingen die meisten nach Hause. Von Hoffnung auf bessere Zeiten gab es kein Anzeichen. „Ich bin Chemieingenieur, spreche drei Sprachen und bin seit meinem Studium arbeitslos“, sagte ein 28-jähriger Grieche.

Seine Freundin, eine gleichaltrige Ärztin, will auswandern. Noch schlimmer geht es Rentnern. Die Kirche und humanitäre Organisationen versorgen bereits mehr als 250.000 Menschen mit Lebensmitteln, warmen Mahlzeiten und Medikamenten.