Konjunktur

Deutsche Konzernchefs sind optimistisch für 2012

Die deutsche Industrie erwartet für 2012 kein Kracher- aber auch kein Krisenjahr. Ein Land könnte es aber zu einem Katastrophenjahr machen.

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Sie mussten sich – wieder einmal – korrigieren. Das Münchner Ifo-Institut erwartet nun für Deutschland nur noch ein Wachstum von 0,4 Prozent. Erst im Oktober waren die Forschungsinstitute in einem gemeinsamen Gutachten von 0,8 Prozent Wachstum ausgegangen. Auch das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut senkte seine Prognose auf nunmehr 0,5 Prozent.

Für 2012 würde das bedeuten: Stagnation in Deutschland, in Europa vermutlich gar Rezession. Wäre es da nicht an der Zeit, dass auch die deutschen Unternehmen nachziehen und reihenweise Gewinnwarnungen geben? „2012 wird ein neues Rekordjahr für uns“, sagt fast schon trotzig Adidas-Chef Herbert Hainer. Hainer hält daher an seiner Prognose fest, die da lautet: Umsatzplus von rund fünf Prozent, Gewinnanstieg um zehn bis 15 Prozent.

„Im Gegensatz zu 2008, als der Lkw-Markt unmittelbar aus einer Marktüberhitzung in einen tiefen Nachfragerückgang gestürzt ist, stehen wir derzeit keiner überraschenden Entwicklung gegenüber“, sagt auch MAN-Finanzvorstand Frank Lutz "Morgenpost Online“. Lutz glaubt: „Das Geschäftsjahr 2012 wird für MAN sicherlich schwieriger, aber voraussichtlich ähnlich gut wie 2011.“

Auch im Maschinenbau ist die Lage derzeit unverändert gut. Der Branchenverband VDMA hält noch an seiner Wachstumsprognose von vier Prozent fest. Verbandschef Thomas Lindner gibt sich allerdings auch skeptisch. „Unsere optimistische Prognose bewegt sich in einem zunehmend schwierigen Marktumfeld “, schränkt er ein.

Die Stahlindustrie spürt hingegen schon eine konjunkturelle Eintrübung. Zwar sehen die Konzernchefs bei ThyssenKrupp, Salzgitter & Co. keine Parallelen zu den Krisenjahren 2008 und 2009, als die Kapazitäten zeitweise nur noch zur Hälfte ausgelastet waren. Dennoch produziert ThyssenKrupp seit Sommer 500.000 Tonnen weniger Stahl – und wird Anfang 2012 den Hochofen 9 im Duisburger Stammwerk stillsetzen. Diese Renovierungsarbeiten wären eigentlich erst 2014 fällig gewesen. Man zieht sie nun in einen Zeitraum, in dem voraussichtlich die Nachfrage nach Stahl geringer ausfallen wird.

Fast schon irritierend wirken dieser Tage Meldungen aus der Automobilbranche. So fallen in diesem Jahr die Weihnachtsferien in Werken von BMW, Audi, Mercedes und teilweise auch bei Porsche und Opel kürzer aus. Dennoch, das Umfeld für die Automobilhersteller und ihre Zulieferer wird zunehmend ungemütlicher, was man etwa an höheren Rabatten beim Autokauf sieht.

Crashtest für die Weltwirtschaft

Die Vorbereitungen für den nächsten Crashtest der Weltwirtschaft laufen jedenfalls, auch wenn die Prognosen noch ganz zuversichtlich klingen. Der Wirtschaftsberatungsgesellschaft PwC zufolge werden die deutschen Hersteller 2012 ihre weltweite Produktion um sechs Prozent steigern. In Deutschland wird sich der Absatz von 3,1 auf 3,2 Millionen Autos leicht steigern.

Fasst man all die Prognosen der deutschen Industrie zusammen, kommt man zu dem Schluss: 2012 wird zwar kein Kracher-Jahr, aber auch kein Katastrophen-Jahr. Leben die Wirtschafskapitäne in einer, die Konjunkturforscher in einer anderen Welt?

Er könne nicht, nur weil Konjunkturexperten ihre Prognose wieder und wieder veränderten, im Monatsrhythmus seine Planungen über Bord werfen, sagt dazu der Finanzvorstand eines Dax30-Konzerns. Ihn würden mehr denn je Langfristbetrachtungen interessieren, also die Frage, „ob wir auf einem Wachstumspfad sind oder ihn verlassen haben“. Dazu zählt, ob riesige Absatzmärkte wie Brasilien, Russland, Indien, China (BRIC-Staaten) weiter boomen. Ein Grund, warum die deutsche Industrie sich weiter verhalten optimistisch gibt, sind die Erfahrungen aus der jüngsten Krise.

Infolge der Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers brachen 2008 über Nacht sicher geglaubte Aufträge weg. Es ging ums Überleben wie nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel. Also war Improvisationstalent gefragt. Eine Erfahrung, aus der sich auch das heutige Selbstbewusstsein speist.

Will heißen: Wer eine Apokalypse wie 2008 überstanden hat, den können auch Japan-Katastrophe und Schuldenkrise in Europa und den USA nicht schrecken. „Die deutschen Hersteller sind gestärkt aus der Krise gekommen“, sagt auch Matthias Wissman, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), "Morgenpost Online“. Auf eventuelle Rückschläge könnten sie daher heute schneller reagieren.

Was haben die Unternehmen aus damals gelernt?

Finanzielle Stärke: Eine der Lehren aus der jüngsten Finanzkrise lautet: Wer sich alleine auf die Bankenfinanzierung verlässt, ist geliefert. Eine andere lautet: „Cash is King“, wie das Siemens-Finanzchef Joe Kaeser zusammenfasst. Zwei Beispiele: Betrug die Nettoliquidität bei Volkswagen im Konzernbereich Automobile Ende 2008 noch acht Milliarden Euro, lag sie zum 30. September dieses Jahres bei 21,2 Milliarden Euro.

Auch ein Konzern wie Siemens hat mit 12,5 Milliarden Euro viel Geld auf der hohen Kante. 2008 waren es noch gut sieben Milliarden Euro. Lange Zeit galt es als unsexy, einen großen Bestand an Barmitteln zu haben. Zum einen, weil es als „totes Kapital“ galt. Zum anderen, weil es Firmenaufkäufer anlocken kann, die es auf die Kasse abgesehen haben. Siemens ging sogar weiter als andere und gründete nach der Krise eine eigene Bank – auch um sich von anderen Kreditinstituten unabhängiger zu machen. MAN hat seine eigene Finanzierungsgesellschaft gestärkt, die mithilft, den Absatz von Lkw und Bussen zu finanzieren.

Und BMW gründete eine eigene Europa-Bank, um Einlagen zwischen den Ländern leichter transferieren zu können. Zu einer wichtigen Kenngröße ist die Eigenkapitalquote geworden, also das Verhältnis zwischen eigenem Kapital und Gesamtkapital. So lag die Eigenkapitalquote von 25 Unternehmen aus Handel, Industrie und Dienstleistung aus der Dax30-Liga Mitte des Jahres mit 36,4 Prozent um gut einen Prozentpunkt höher als 2007, wie eine Untersuchung des „Handelsblatt“ ergab.

Eine ähnliche Entwicklung ist beim Mittelstand festzustellen. Der Gesellschaft Creditreform zufolge sind heute 28,7 Prozent der mittelständischen Unternehmen mit einer Eigenkapitalquote von mehr als 30 Prozent ausgestattet. 2002 waren das nur 16,6 Prozent der Mittelständler. Die Unternehmen wirtschaften also konservativer und aus einer größeren finanziellen Stärke heraus.

Verbesserung der Effizienz: Viele Unternehmen haben auch in der Krise ihre Investitionspläne nicht radikal beschnitten und vor allem weiter in Forschung und Entwicklung investiert. Das kommt ihnen und auch dem Standort Deutschland heute zugute. „Deutschland muss um so viel innovativer sein, wie es teurer ist“, sagt dazu Siemens-Chef Löscher, der übrigens für 2012 von einem „moderaten organischen Umsatzwachstum“ ausgeht.

Das ist auch in der Automobilbranche zu beobachten. Um Schwankungen besser ausgleichen zu können, arbeiten die Industriekonzerne inzwischen mit weltweiten Produktionsnetzwerken. So sollen Schwächen in einzelnen Regionen ausgeglichen werden. Effizienzsteigerung als Lehre aus 2008/09 lässt sich auch bei den Lieferketten beobachten. Die haben die Manager der Großkonzerne heute besser im Blick, auch um notfalls einzugreifen und einen Lieferanten zu retten, bevor die eigenen Bänder stillstehen. Aber viel hat sich auch in den eigenen Werken getan, wo die Durchlaufzeiten verringert und die Kosten gesenkt werden konnten.

In der Autobranche setzen die Hersteller auf einheitliche Plattformen bei unterschiedlichen Modellen und auf Baukästen, um effizienter zu wirtschaften. VW etwa hat sich mit seinem sogenannten Modularen Querbaukasten, der die Nutzung identischer Komponenten bei verschiedenen Fahrzeugen möglich macht, zum Ziel gesetzt, die Kosten um ein Fünftel zu senken.

Mitarbeiter: Dass VW, Siemens & Co. derzeit erfolgreich sind und recht guten Mutes ins kommende Jahr blicken, hat auch mit der veränderten Arbeitswelt zu tun. Viel ist von der „atmenden Fabrik“ die Rede, also einem Unternehmen, das sich schnell auf eine sich verändernde Auftragslage einstellen kann.

Diese Fähigkeit könnte auch im kommenden Jahr dringend gebraucht werden. Bewährte Instrumente sind da etwa Arbeitszeitkonten, die nach einem starken Jahr 2011 gut gefüllt sind und die in schlechteren Zeiten auch wieder abgebaut werden können. Dazu zählen auch Leiharbeitskräfte, die in Krisenzeiten gewöhnlich als erste gehen müssen. „Heute könnte MAN auf einen erheblichen Marktrückgang viel schneller und sehr flexibel reagieren“, sagt Finanzvorstand Frank Lutz. So ließe sich das Produktionsprogramm kurzfristig anpassen, etwa über „Stundenkonten, Schichtanpassungen oder Kurzarbeit sowie über die Zahl der Leiharbeitnehmer“.

Ein Grund dafür, dass sich deutsche Unternehmen von der Krise schneller erholten als die internationale Konkurrenz, war die großzügige Kurzarbeiterregelung. Die Unternehmen konnten ihre Stammbelegschaften halten und in der Aufschwungphase gleich loslegen. Die Kurzarbeiterregelung steht auch schon wieder auf der Agenda . So ist sowohl aus Gewerkschafts- wie auch aus Arbeitgeberkreisen die Forderung an die Politik zu hören, dieses Instrument im Bedarfsfall schnell zur Verfügung zu stellen.

Absatzmärkte: Sind heute die Industrieunternehmen vergleichsweise gut gewappnet für 2012, treibt sie vor allem eine Frage um: Brechen die Absatzmärkte weg? Mit einem leichten Rückgang oder Stagnation im Euro-Raum könnten die meisten wohl noch leben. Aber nur, wenn die in den vergangenen Jahren boomenden BRIC-Märkte für das nötige Wachstum sorgen.

„Wenn morgen die Welt in Europa zusammenbricht, können wir das in andern Weltregionen ausgleichen“, ist sich Hans-Joachim Boekstegers, Chef des Verpackungsmaschinenherstellers Multivac, sicher. Sein Unternehmen hat in den vergangenen Jahren seine Internationalisierungsstrategie vorangetrieben.

Mittelständler wie Multivac, Autobauer wie VW und BMW und Industriekonzerne wie Siemens haben gleichermaßen vom Aufschwung in den BRIC-Staaten profitiert. Doch erste Eintrübungen etwa in Brasilien oder Russland sind unübersehbar. Und in China befindet sich das Wachstumstempo noch auf hohem Niveau, lässt aber nach.

Warnsignale wie der überhitzte Immobilienmarkt, aber auch Probleme der einheimischen exportorientierten Industrie, die unter der Lage in Europa und den USA leidet, sind unübersehbar. „Mit einem etwas schwächeren Wachstum in China könnten wir 2012 gut leben“, sagt der Vorstand eines Dax30-Unternehmens.

Aber „richtig finster“ würde es, sollte die dortige Wirtschaft kollabieren. „Falls die BRIC-Staaten wider Erwarten in eine Rezession schlittern, müssen wir uns auch nicht mehr über die Robustheit unserer eigenen Wachstumsprognosen unterhalten“.