Insolvenzverwalter

Was ein Pleite-Experte den Griechen empfiehlt

Er lotste Karmann und Woolworth durch die Krise. Insolvenzverwalter Ottmar Hermann hat eine Checkliste für die Sanierung Griechenlands parat.

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Das alte Management ist gefeuert, die Buchhaltung ein heilloses Durcheinander. Geschäftspartner suchen das Weite, in der Poststelle stapeln sich die Zahlungsaufforderungen. Die Mitarbeiter debattieren auf den Gängen, wie es weitergeht und ob überhaupt. Insolvenz bedeutet Chaos. Und darin ist Ottmar Hermann zu Hause.

Hermann, 60, Volljurist, ist einer der renommiertesten Insolvenzverwalter Deutschlands . Wo er auftaucht, brennt die Hütte längst lichterloh. Wie im April 2009, als der gebürtige Allgäuer seinen Golfurlaub in Faro abbrechen musste, weil in Osnabrück der Autozulieferer Karmann Insolvenz angemeldet hatte. Und fast zeitgleich streckte auch Woolworth die Waffen, 11.000 Jobs standen bei der Billigkaufhaushette auf der Kippe.

Hermanns Kanzlei, über 150 Mitarbeiter, 13 Standorte, übernahm beide Fälle. Damit hatte sie Erfahrung. Bereits bei den Pleiten des Baukonzerns Philipp Holzmann, der Fluggesellschaft Aero Lloyd oder der Beteiligungsfirma Egana-Goldpfeil war sie zu Hilfe gerufen worden. So unterschiedlich diese Firmen auch sind, eins haben sie alle gemeinsam – etwas, das Hermann überall vorfindet, nachdem die Unternehmen in die Zahlungsunfähigkeit gestürzt sind: Chaos in großem Stil.

Tiefrote Zahlen, ein überbordender Schuldendienst, der Verlust von Anlegervertrauen, Investitionsstau, häufige Managementwechsel, ein unprofitabler Geschäftsbetrieb und jede Menge schlechte Presse – für Hermann sind das die üblichen Anfangsvoraussetzungen.

Hätte er da vielleicht ein paar Tipps für Griechenlands neuen Regierungschef Lukas Papademos parat? „Es gibt keine Insolvenzordnung für Staaten“, sagt Hermann: „Zerschlagung ist keine Option.“ Doch sieht der Jurist Ansatzpunkte für eine Sanierung des Landes: „Für Griechenland käme nur eine Planinsolvenz infrage . Und dazu brauchten wir einen Businessplan.“ Im Gespräch mit Morgenpost Online geht er eine Checkliste für die Sanierung des Pleitekandidaten durch.

Verbindlichkeiten

360 Milliarden Euro betragen die Staatsschulden Griechenlands . Nach dem mehr oder weniger freiwilligen Schuldenschnitt privater Gläubiger wären es noch 260 Milliarden, das entspräche gut 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. „Wenn die Schulden eines Unternehmens höher sind als seine Umsätze, ist das natürlich katastrophal“, sagt Hermann.

Doch obwohl es paradox erscheint, sind Schulden bei der Arbeit des Insolvenzverwalters gar nicht der entscheidende Faktor: „Pleite sind sie alle. Wie pleite genau, darauf kommt es dann gar nicht mehr an. Ich interessiere mich nicht für das Unternehmen, das war, sondern für das, was daraus wird.“

Kerngeschäft

Wenn Hermann mit seinem Sanierungstrupp die Geschäftsleitung eines insolventen Unternehmens betritt, ist zweitrangig, bei wem es wie tief in der Kreide steht. Zunächst schaut er sich an, womit das Unternehmen überhaupt sein Geld verdient. Welches sind die Einheiten, die sich ertragsfähig fortführen lassen?

„Bei einem Staat ist das Kerngeschäft die Einnahme von Steuern“, sagt er. Und genau hier müsse auch in Griechenland ein Sanierer zuerst tätig werden. Denn der Staat ist zwar hoch verschuldet – doch er hat seinerseits Forderungen in Milliardenhöhe, weil viele vermögende Bürger seit Jahren Steuern hinterziehen . „Griechenland muss als Erstes seine Forderungen durchsetzen. Es braucht eine schlagkräftige Finanzverwaltung, muss Betriebsprüfungen durchführen und Verstöße auch verfolgen“, sagt Hermann, der selbst jahrelang bei der hessischen Finanzverwaltung gearbeitet hat.

Misswirtschaft

Auch der griechische Staat ließ Rechnungen unbeglichen . Mit der Folge, dass die Finanzverwaltung zuletzt nicht einmal mehr in der Lage gewesen sein soll, gedruckte Steuerbescheide zu verschicken – weil sie ihren Druckerpatronenlieferanten nicht bezahlt hatte.

Für Hermann ist derlei eine Alltagserfahrung: „In insolventen Unternehmen erleben Sie die kuriosesten Dinge. Ein Bauunternehmen zum Beispiel kann keine Schlussrechnung erstellen, weil auch die Geld kostet. Und ohne Schlussrechnung gibt es auch kein Geld vom Kunden.“

Personalkosten

Die unpopulärste und oft entscheidende Sanierungsmaßnahme ist der Personalabbau. Doch anders als bei einem Unternehmen, das mit einer Reduzierung der Personalkosten schlagartig an Profitabilität gewinnen kann, liegt einem Staat das Personal auch dann noch auf der Tasche, wenn er es vor die Tür gesetzt hat, sagt Hermann: „Personalabbau wird zumindest kurzfristig keine Verbesserung der Lage bringen. Denn auch entlassene Beamte belasten den Staatshaushalt, als Arbeitslose oder Frührentner.“

Mitarbeitermotivation

Hermann findet es verständlich, wenn die Griechen auf die Straße gehen, schließlich hätten viele nicht ohne Grund das Gefühl, Opfer eines korrupten und ungerechten Systems zu sein. Auch in insolventen Unternehmen müsse die Belegschaft häufig Managementfehler ausbaden. Dennoch seien Mitarbeiter immer bereit, für eine Rettung der Firma Einbußen hinzunehmen – „aber nur, wenn sie auch daran glauben können, dass es nach einer Durststrecke wieder bergauf gehen wird“.

Verkauf

Zu den Aufgaben eines Insolvenzverwalters zählt es, Unternehmensdivisionen zu verkaufen, wenn diese dauerhaft unwirtschaftlich sind. Oder wenn ein Verkauf dem Konzern unterm Strich mehr einbringt als die Weiterführung. So könnten beispielsweise Häfen oder Flughäfen privat betrieben werden , schlägt Hermann vor. Durch den Verkauf würde kurzfristig die Staatskasse gefüllt und finanzieller Spielraum für eine Sanierung der Verkehrsinfrastruktur geschaffen. Und überhaupt: „Der Staat ist selten ein guter Unternehmer.“

Transparenz

Auf den Schuldenschnitt, wonach die privaten Gläubiger 50 Prozent ihrer Forderungen an Griechenland in den Wind schreiben müssen , haben die Finanzmärkte mit Kursgewinnen reagiert.

Ein Paradoxon, das Hermann aus seiner Praxis kennt: „Nach einer langen Leidensphase wünschen sich die Banken nichts so sehr wie Transparenz. Egal, wie schlimm die Lage ist: Sie wollen wissen, woran sie sind.“ Problematisch werde es allerdings, wenn im Laufe des Verfahrens selbst bei der grundlegenden Faktenbasis immer wieder mit neuen Zahlen hantiert werde und, wie im Falle Griechenlands, immer neue Milliardenlöcher ausgemacht werden: „Das untergräbt das Vertrauen in den Insolvenzverwalter.“

Timing

„Zeit ist bei jeder Insolvenz der entscheidende Faktor“, sagt Hermann. Die liquiden Mittel etwa aus Notkrediten seien begrenzt und damit auch der verbleibende Handlungsspielraum. Umso wichtiger sei es, schnell Kostenlöcher zu stopfen und Einnahmen zu generieren. Was nicht bedeutet, dass ein Insolvenzverfahren schnell vorübergeht.

Obwohl die Philipp Holzmann AG vor neun Jahren Insolvenz anmeldete, beschert der Baukonzern Hermanns Kanzlei noch immer Arbeit. Erst 2011 wurde eine neue Forderung über eine halbe Milliarde Euro angemeldet, die der Insolvenzverwalter zu prüfen hat.

„Zehn Jahre sind für ein Insolvenzverfahren kein ungewöhnlich langer Zeitraum“, sagt Hermann. Und: „Wie lange es dauert, einen zahlungsunfähigen Staat zu sanieren, kann ich nicht ansatzweise beurteilen.“