Deutschlandtrend

Die große Furcht der Deutschen vor der Euro-Krise

Die Mehrheit der Bürger rechnet mit einer Verschlechterung der Lage. Viele denken, dass die Bundesregierung die Übersicht bei der Krise verloren hat.

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Die Deutschen sehen den schlimmsten Teil der Euro- und Schuldenkrise noch auf sich zukommen – und sind mehrheitlich der Auffassung, die Bundesregierung habe die Übersicht bei der Krise verloren. Gut vier von fünf Bürgern (84 Prozent) sind überzeugt, die eigentliche Krise stehe ihnen noch bevor – ein Rekordwert.

Nur zwölf Prozent widersprechen dieser Aussage, so wenige wie noch nie. Dies ergab der Deutschlandtrend für die ARD-"Tagesthemen" und Morgenpost Online. Dazu wurden gut 1000 Bürger befragt.

Die schwarz-gelbe Bundesregierung wird im Kontext der Schuldenkrise zwiespältig betrachtet. Eine Mehrheit der Bürger (58 Prozent) ist der Ansicht, die Koalition besitze keinen Überblick. Ein fast ebenso hoher Anteil (54 Prozent) traut indes der Regierung Merkel/Rösler zu, "mit der Krise fertigzuwerden". Immerhin 50 Prozent bescheinigen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), sie habe in der Krise "richtig und entschlossen gehandelt".

53 Prozent sorgen sich um persönliche wirtschaftliche Zukunft

Die Deutschen reagieren auf die Krise alles andere als hysterisch – vermutlich aufgrund der recht guten Konjunkturentwicklung und der rückläufigen Arbeitslosenzahl im eigenen Land. Jedenfalls macht sich nur eine knappe Mehrheit (53 Prozent) Sorgen um die persönliche wirtschaftliche Zukunft aufgrund der Euro- und Schuldenkrise. 46 Prozent sehen dazu keinen Anlass.

Wichtig bei der Bewältigung der Euro-Krise sind verlässliche Mitstreiter. Trotz eines Ansehensverlusts ist Frankreich in den Augen der Deutschen der wichtigste internationale Partner. Nach Meinung von 82 Prozent der Befragten "kann Deutschland Frankreich vertrauen". Vor zwei Jahren waren sogar 89 Prozent dieser Auffassung. Vertrauen verloren haben ebenso die Amerikaner, sie kommen auf einen Zuspruch von 65 Prozent (2009: 76 Prozent).

Mehrheitlich misstrauisch blicken die Bürger auf Italien und Russland. Rapide an Ansehen hat Italien verloren (36 Prozent, 2008: 76 Prozent). Russland vertraut jeder dritte Befragte (32 Prozent, 2009: 39 Prozent). Einzig die Polen haben bei den Deutschen an Reputation gewonnen, mehr als die Hälfte (51 Prozent) vertraut ihnen. Zuletzt waren es 49 Prozent.

Mit Blick auf die Kompetenzen der deutschen Parteien offenbaren die Bürger eine Sehnsucht nach einer großen Koalition. Auf allen wichtigen Feldern wird entweder Union oder SPD die größte Lösungskompetenz zugesprochen, abgesehen allein vom Thema Energiepolitik, wo die Grünen klar die Nase vorn haben. Der CDU/CSU trauen die Deutschen zu, das Land am besten in der EU zu vertreten, die Stabilität des Euro zu garantieren und eine verlässliche Außenpolitik zu betreiben. Auch bei den Themen Wirtschaft, Haushalt/Finanzen und Arbeitsplätze vertrauen die meisten Menschen den Unionsparteien.

SPD hat das meiste Vertrauen bei den Themen Steuern und Bildung

Bei den Themen Steuern, Bildung, Gesundheit und soziale Gerechtigkeit genießen dagegen die Sozialdemokraten das meiste Vertrauen. Die Sicherung der Energieversorgung und ein schneller Atomausstieg werden am ehesten von den Grünen erwartet. Auf die allgemeine Frage, welche Partei am ehesten die wichtigen Probleme Deutschlands lösen könne, nennen 38 Prozent die Union, 26 Prozent die SPD.

Sechs Prozent sprechen diese Aufgabe den Grünen zu, zwei Prozent den Linken. Die FDP erreicht bei dieser Frage null Prozent. Jeder Vierte (25 Prozent) nennt keine Partei oder antwortet "weiß nicht". Bei den Fachfragen kommen die Liberalen auf ihrem klassischen Gebiet der Außenpolitik auf ein Vertrauen von lediglich drei Prozent.

Steinbrück und Steinmeier besonders beliebt

Die Vorliebe für eine große Koalition zeigt sich auch bei der "Sonntagsfrage". Hier kommt die Union auf 35 Prozent, das ist ein Punkt mehr als vor einem Monat. Die SPD liegt bei 30 Prozent (minus eins). Die Grünen werden mit 16 Prozent taxiert, die Linken mit sieben Prozent (jeweils plus eins). Die FDP liegt bei drei Prozent (minus eins). Federn lassen auch die Piraten (sechs Prozent, minus eins). Auf dieser Basis hätten CDU/CSU und SPD sowie SPD/Grüne/Linke eine Mehrheit im Bundestag. Für Rot-Grün reicht es nicht.

Zwei Sozialdemokraten, der frühere Finanzminister Peer Steinbrück und Bundestagsfraktionschef Frank-Walter Steinmeier, sind die beliebtesten Politiker Deutschlands. Mehr als die Hälfte der Befragten (57 Prozent) ist mit ihrer Arbeit zufrieden. Die "Stones", wie sie in der SPD genannt werden, gelten beide als mögliche Kanzlerkandidaten ihrer Partei für die Bundestagswahl 2013. Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) ist der beliebteste Politiker aus den Reihen der Koalition.

Grünen-Politiker machen Sprung nach vorne

Er liegt mit einer Zustimmung von 56 Prozent auf Rang drei, nachdem er die Liste im November noch angeführt hatte. Es folgen Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU, 55 Prozent), Kanzlerin Merkel (CDU, 54 Prozent) und – mit einem gewissen Abstand – Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU, 47 Prozent).

Zwei Grünen-Politiker haben einen ordentlichen Sprung nach vorn gemacht, womöglich eine Folge des Parteitages und der Castor-Transporte. Fraktionschef Jürgen Trittin ist mit 42 Prozent ziemlich populär. Er gilt als möglicher Finanzminister, sollten die Grünen in Regierungsverantwortung zurückkehren.

In der Liste der beliebtesten Politiker aufgestiegen ist der baden-württembergische Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne) – und dies ausgerechnet wenige Tage nach dem Volksentscheid, der zugunsten von Stuttgart 21 ausging. Kretschmann ist ein Gegner des Bahnprojekts, macht aber klar, dass der Souverän das letzte Wort habe. Er kommt auf eine Zustimmung von 41 Prozent (plus elf Prozentpunkte im Vergleich zum Mai). Am Ende stehen Außenminister Guido Westerwelle (FDP, 24 Prozent) und FDP-Chef Philipp Rösler (22 Prozent), wobei bemerkenswert ist, dass der amtierende Parteichef hinter seinen Vorgänger zurückgefallen ist.

Überraschend klare Antworten geben die Deutschen auf Fragen zum Rechtsextremismus. Eine breite Mehrheit (74 Prozent) spricht sich für ein Verbot der NPD aus. Nur ein Fünftel (20 Prozent) ist dagegen. Die Aufklärungsarbeit der Behörden nach der rechtsextremistischen Mordserie wird verhältnismäßig positiv bewertet.

Nur jeder Fünfte nennt deren Arbeit schlecht, ein Drittel der Befragten lobt die Arbeit der Behörden. Viele Bürger – 81 Prozent nämlich – sagen indes, der Staat lasse Neonazis zu oft eine freie Bahn. 61 Prozent machen sich Sorgen, dass Rechtsextremisten tatsächlich den Staat verändern könnten. Gut jeder Zweite (58 Prozent) meint, Polizei und Verfassungsschutz seien "auf dem rechten Auge blind".