Schuldenkrise

Werden die Schwellenländer den Europäern helfen?

Lange profitierte Europa von günstigen Importen aus den Schwellenländern. In der Schuldenkrise braucht nun der alte Kontinent ihre Hilfe.

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Lange boomten die Schwellenländer, weil die Industriestaaten sich um ihre Waren rissen. Heute steckt Europa in einer tiefen Verschuldung, viele aufstrebende Mächte sitzen auf Geldbergen. Helfen nun die neuen Riesen der alten Welt? Meist ist die Antwort: Ja, aber nicht ohne Gegenleistung.

China

China hat das Vertrauen in Europa verloren. Die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Erde glaubt nicht mehr, dass die Schuldenkrise rasch gelöst werden kann. Der Tenor in den Medien heißt derzeit: Abwarten und verhindern, dass die Krise auf Chinas Banken oder die reale Wirtschaft übergreift.

Die in Millionenauflage erscheinende „Kantoner Tageszeitung“ warnt vor einer langen Leidensstrecke: „Manche Experten sehen stabile europäische Währungsverhältnisse erst in 15 Jahren“, schreibt das Blatt. Der Höhepunkt der Eurokrise komme im nächsten halben Jahr. Auch die „China Economic Times“, ein regierungsnahes Presseorgan, warnte ausdrücklich vor dem Ankauf von europäischen Staatsanleihen.

Zugleich gibt es auch in Peking eine Debatte, wie der jüngste Streit zwischen Brüssel und Berlin über die Emission von Euro-Bonds zu werten sei. Während viele chinesische Ökonomen angesichts der konfusen Gemengelage nun erst recht vor Euro-Investitionen warnen, schreibt etwa der Leiter des Finanzinstituts an Chinas Außenhandelsuniversität Ding Zhijie, dass das derzeitige Ringen notwendig sei.

„Europa steht an einer Kreuzung.“ Verschiedene Staaten, Regierungen, Märkte und Interessengruppen rängen miteinander mit ungewissem Ausgang. Am Ende seien sie aber doch gezwungen, von der monetären Union zur Fiskalunion und schließlich zur wirtschaftlichen und politischen Union zu gelangen. „Europa steuert auf eine wirtschaftliche Einheit zu, die eine Fiskalunion einschließt. Das ist dann der Punkt, wo auch Eurobonds auf den Markt kommen.“ Immerhin druckte die Auslandsausgabe des Parteiorgans „Volkszeitung“ diese Überlegungen Ende vergangener Woche auf ihrer ersten Seite.

Von der „ausgestreckten Hand Chinas“, die Premier Wen Jibao noch vor wenigen Wochen dem Westen zur Euro–Rettung anbot, ist so deutlich keine Rede mehr. In Europa selbst sei die „Nervosität über die Lage gerade besonders groß. Das hat sich bis Peking herumgesprochen“, sagte der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), Wolfgang Ischinger, „Morgenpost Online“. Er zeigte sich erstaunt, wie „riesengroß dennoch das Interesse an Europa und dem Euro ist.“ Dies sei „die gute Nachricht“. Ischinger leitete ein erstmals in Peking tagendes regionales Strategie-Forum der Münchner Konferenz.

Die Vorsicht Chinas, sich in Europa zu engagieren, kommt auch vor dem Hintergrund neuer Schwächezeichen für seine Volkswirtschaft. Wirtschaftsinstitute unter Pekings Staatrat rechnen inzwischen ebenso wie die Weltbank mit einer Wachstumsdelle, verstärkt durch die Auswirkungen der Eurokrise. Die Weltbank legte nun neue Wachstumszahlen vor: Nach 10,4 Prozent im vergangenen Jahr und 9,1 Prozent 2011 werde sich das Wachstum kommendes Jahr auf 8,4 Prozent abkühlend. Andere rechnen bereits pessimistischer mit Werten weit unter acht Prozent.

Die Botschaft der Chinesen zur Euro-Krise bei der Klausurtagung: Europa müsse erst seine Hausaufgaben machen, bevor Länder wie China in seine Währung investierten. Dies sieht auch Li Daokui so, Mitglied des geldpolitischen Beratergremiums der Zentralbank. Öffentlich zählte er gerade mehrere Anforderungen auf. Politische Vorbedingungen – etwa jene, Chinas Euro-Investitionen an die Verleihung des Status als Marktwirtschaft zu knüpfen – stellte er nicht.

Es gehe um Finanzgeschäfte im gegenseitigen Interesse. Peking erwarte einen „praktikablen und effizienten Euro-Rettungsplan“ vorgelegt zu bekommen und Mitsprache- und Kontrollrecht über seine Anlagen zu erhalten. Das könnte etwa ein Aufsichtsrat für alle Großinvestoren sein, wo sie Rechenschaft erhalten, wie ihre Anlagen verwendet werden.

Chinesische Investitionen in Euro-Anleihen, in europäische Industrieanlagen oder in eine Aufstockung seines IWF-Anteils werden aber nicht nur als Finanzgeschäfte debattiert. „Wenn Peking mithilft, die Stabilität des Euro zu erhalten, hilft es sich selbst“, schreibt die Zeitschrift „Shenghuo Zhoukan“. Europa „ist unser größter Exportmarkt, Handelspartner, Technologielieferant und drittgrößter Investor, von dem sehr viele Arbeitsplätze abhängen.“

Die EU-Länder kauften 2010 chinesische Waren im Wert von 282 Milliarden Euro. Das waren 18,9 Prozent mehr als 2009. Peking zieht zugleich erste Lehren aus der Eurokrise für die eigene Entwicklung. Die Debatte schob Chinas „Jugendzeitung“ an. China müsse genau hinschauen, was in Europa passiert. Peking müsse etwa die Inlandsnachfrage wie geplant rasch erhöhen, um nicht nur vom Außenhandel abhängig zu sein. Es dürfe auch nicht zulassen, dass seine produktive Realwirtschaft zugunsten des Finanzsektors zu schnell verschwindet.

Und vor allem: Es könne sich kein hochentwickeltes Sozial- und Wohlfahrtswesen auf der Grundlage von Schulden leisten. Gerechtigkeit und effiziente Sozialnetze müssten immer seinem Entwicklungsstand entsprechen, schrieb das Blatt.

Indien

Anfang des Monats hatte Indien erwogen, der schuldengeplagten Euro-Zone finanziell unter die Arme zu greifen. Eine solche Hilfe wollte die Regierung in Neu-Delhi allerdings an strenge Bedingungen knüpfen. Finanzminister Pranab Mukherjee erklärte rundheraus, die Europäer müssten zuallererst ihre Misere klar selbst beurteilen, bevor Delhi überhaupt daran denke, sich bei der Lösung des Problems zu engagieren. Außerdem mahnte er Europa zur Eile: „Es ist wichtig, dass die schweren Entscheidungen zu den wirtschaftlichen Herausforderungen zügig getroffen werden”, betonte Mukherjee.

„Unsere Einschätzung der Situation sieht folgendermaßen aus: Lasst die Euro-Zone eine glaubwürdige Beurteilung der Solvenzlage liefern und versuchen, diese Probleme zu lösen. Danach können ergänzende Finanzierungen erwogen werden”, erklärte Mukherjee. Die Schuldenkrise, fügte er hinzu, bremse das indische Wirtschaftswachstum und werde bei den Exporten in den kommenden Monaten weiterhin schmerzlich zu spüren sein.

Schon jetzt ist das Wachstum in dem Land mit der zweitgrößten Bevölkerung der Erde auf den tiefsten Stand seit anderthalb Jahren gesunken. Die einst boomenden Exporte gehen deutlich zurück, die Rohstoffpreise steigen – das alles sind unmittelbare Folgen der Krise. Die indische Reserve Bank (RBI) hatte das Wachstum für das Finanzjahr 2011/12 ursprünglich noch auf acht Prozent angesetzt. Nun wurde die Prognose allerdings bereits auf 7,6 Prozent heruntergestuft, was für die Verhältnisse des aufschwungsverwöhnten Subkontinents sehr bescheiden ist.

Nicht nur der Finanzminister, auch Indiens Premierminister Manmohan Singh trieb Europa zur Eile an. „Wir müssen im Hinblick auf eine Ansteckungsgefahr für die heimische Wirtschaft und auf den Inflationsdruck wachsam sein”, warnte Singh. „Indien wünscht sich eine florierende Euro-Zone, denn in Europas Wohlstand liegt auch unserer eigener Wohlstand.” Schließlich gehören die Länder in Europa zu den wichtigen Kunden der indischen Wirtschaft.

Viele Konzerne aus Deutschland und anderen europäischen Ländern expandieren in Indien und investieren dort, bauen Fabriken und schaffen Arbeitsplätze. Viele Unternehmen sehen auf dem Subkontinent nach ihrer Expansion in China das nächste wichtige Land im boomenden Asien. Indische Analysten sind allerdings nicht nur tief besorgt über das verlangsamte Wirtschaftswachstum – sondern auch über die schleppenden politischen Initiativen angesichts der Euro-Krise im eigenen Land.

„Die Euro-Schuldenkrise ist die größte Bürde für Investoren, und wir haben genug heimische Probleme”, sagt Finanzexperte Ambareesh Baliga. In der vergangenen Woche war der indische Aktienindex um 4,8 Prozent gesunken – das war der tiefste Absturz des Marktes in über drei Monaten. Sophie Mühlmann

Brasilien

Nicht einmal zehn Jahre ist es her, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) Brasilien unter die Arme greifen musste, weil Investoren wie George Soros gegen die Währung Real spekulierten. Man schrieb das Jahr 2002 und ein angeblich neokommunistischer Gewerkschaftsführer namens Luiz Inácio „Lula“ da Silva schickte sich an, Präsident zu werden. Inzwischen ist Brasilien einer der Stars der Schwellenländer, hat gesunde Staatsfinanzen, 350 Milliarden Dollar Devisenreserven und ist vom Schuldner zum Gläubiger des IWF avanciert.

Geld wäre also genug da, um dem kränkelnden Europa unter die Arme zu greifen, etwa mit dem Kauf von Schuldscheinen oder durch Beiträge in den Euro-Rettungsfonds. Alleine am politischen Willen fehlt es. „Não“, war die trockene Antwort der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff kürzlich auf das Werben ihrer europäischen Kollegen beim G-20-Gipfel. Also: „Nein.“ Sie habe nicht das geringste Interesse.

Die Brasilianer meinen, ihr eigener Wirtschafts- und Konsumboom belebe die Weltkonjunktur, was ein ausreichender Beitrag zur Krisenbekämpfung sei. Was nicht ausgesprochen wurde: Für die Brasilianer bringt die Krise Europas Vorteile – die schleichende Abwertung des überbewerteten Real etwa.

Und die Möglichkeit, den finanzpolitischen Einfluss in der Welt auszuweiten – und zwar über den IWF. Deshalb das Versprechen Rousseffs, die Kriseneinlagen beim IWF zu erhöhen – statt in europäische Fonds einzuzahlen. Mehr Einlagen gleich mehr Stimmen – zu Lasten der Europäer. Und was rät das südamerikanische Land den europäischen Staaten? Da ist der ehemalige Bittsteller kühl. Sie hätten ja die Europäische Zentralbank, so Finanzminister Guido Mantega. Tenor: Was die sich eingebrockt haben, sollen sie auch selber auslöffeln. Sandra Weiss

Russland

Die erste Krisenwelle hat Russland 2009 empfindlich auf den Boden zurückgeholt. Wie aber ist das Land, das sich im Unterschied zu anderen Schwellenländern zuletzt nicht als Lokomotive der globalen Konjunktur erwies, auf einen zweiten Konjunkturabschwung vorbereitet? Wäre dann überhaupt noch Luft, um das taumelnde Europa zu stabilisieren? Zunächst einmal leugnet das Land den drohenden Abschwung offenbar schlicht. Anders lässt sich Russlands neues Dreijahresbudget 2012-2014 schwer erklären. Für 2012 ist lediglich ein Haushaltsdefizit von umgerechnet 20,9 Milliarden Euro veranschlagt, das sind 1,5 Prozent des BIP.

Fragwürdig ist die Planung des Defizits, das sich nach westlichen Maßstäben gering ausnimmt, vor allem aufgrund einer Prämisse: So wird dem Budget 2012 ein Ölpreis von 100 Dollar je Barrel unterlegt. Das scheint gelinde gesagt sehr optimistisch. In der ersten Krisenwelle war der Ölpreis zeitweise deutlich unter 50 Dollar pro Barrell gestürzt.

Damals war auch die russische Wirtschaft mit einem Minus von 7,9 Prozent ungleich stärker abgesackt als viele andere Schwellenländer. Und auch für 2012 droht das alte Muster wieder: Bricht der Ölpreis ein, klafft aufgrund der Abhängigkeit vom Rohstoffexport ein tiefes Loch im Staatshaushalt.

Solch ein taumelnder Riese wäre kaum eine große Hilfe für Europa, sondern würde die Abwärtsspirale weiter beschleunigen. Gewiss, weil Russland die Staatsschulden während der Boomjahre bei etwas mehr als zehn Prozent des BIP einpendeln ließ und Währungsreserven angehäuft hat, hat es heute Spielraum, um sich zu verschulden. Darauf wird das Land 2012 auch zurückgreifen.

Die Wirtschaft wird in diesem Jahr immerhin um wohl 4,1 Prozent wachsen. Lassen die Schuldenländer die Welt in die Krise taumeln und sinkt der Ölpreis, wären solche Zahlen aber Vergangenheit. Die einzige Rettung für Russland wären neue Impulse für die Wirtschaft. Das Klima dafür ist freilich genauso wenig da wie die Klarheit darüber, welcher Kurs nach den Wahlen 2012 eingeschlagen wird.

In jedem Fall sei Russland heute stabiler, weil die Wechselkurspolitik seit der ersten Krisenwelle geändert worden ist, meint der Moskauer Ökonom Jewgeni Gawrilenkow: Bei einer neuen Rezessionswelle würde der Rubel sofort abwerten. Und die Reserven der Zentralbank würden nicht so verbraucht werden wie 2008. Eduard Steiner

Südafrika

Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise 2009 sind in Südafrika noch allgegenwärtig. Beinahe eine Million Arbeitsplätze gingen verloren. Betroffen war vor allem der wichtige Bergbausektor, der unter der sinkenden globalen Nachfrage nach Rohstoffen litt. Aber auch andere zentrale Industrien brachen ein, ebenso wie der Tourismus am Westkap, der seine schlechteste Sommersaison seit zehn Jahren erlebte.

Entsprechend nervös beobachten die Entscheidungsträger in dem aufstrebenden Land nun die Euro-Krise. Zwar hat Südafrika seine Handelsbeziehungen mit den anderen großen Schwellenländern intensiviert, was zuletzt zur Aufnahme in das BRICS-Staatenbündnis (Brasilien, Russland, Indien, China und nun Südafrika) führte. Doch der wichtigste Handelspartner bleibt auch für den boomenden Staat am Kap die Europäische Union.

Der Handelsanteil mit den am stärksten von der Schuldenkrise betroffenen Ländern Griechenland, Italien, Irland, Portugal und Spanien beträgt zwar nur fünf Prozent. Doch die Auswirkungen der Krise auf das gesamte Europa bekommt Südafrika schon heute zu spüren.

Weitet sich die Krise aus, wären die Schäden für die Wirtschaft im südlichsten Staat des schwarzen Kontinents noch größer. Eine Flut komme auf das Land zu, mahnte Präsident Jacob Zuma vor einigen Tagen: „Wir sollten realisieren, dass wir von der Krise betroffen sind.“ Man unterstütze internationale Anstrengungen zur Lösung, versprach der Staatschef. Südafrika hatte mehrfach die Untätigkeit der EU kritisiert und auf weltweite Auswirkungen dieser Passivität hingewiesen.

Für direkte Hilfe fehlen der mit Abstand kleinsten BRICS-Volkswirtschaft aber die Ressourcen. Es geht vor allem darum, die eigene Wirtschaftskrise und die hohe Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen. Die Regierungspartei African National Congress (ANC) kündigte an, seine Handelspartner weiter „zu diversifizieren“ – in den vergangenen Jahren hat Südafrika vor allem den Handel mit der Volksrepublik China vorangetrieben. Zugleich trägt Südafrika aber die Position der BRICS-Staaten mit, Hilfen für die Euro-Krisenländer über den IWF laufen zu lassen.

Südafrika ist sich dabei seiner Macht sehr bewusst, auch wenn dies teils diplomatisch formuliert wird. „Diese Offenheit, Unterstützung beim IWF für die Herausforderungen der globalen finanziellen Nachhaltigkeit zu suchen, hat eine Identitätsveränderung zwischen traditionellen Geber- und Nehmerländern verdeutlicht“, sagte der südafrikanische Finanzminister Pravin Gordhan. Auf Deutsch: Es sind die ehemaligen Geber, die plötzlich nehmen müssen.