Aktienmärkte

Schwellenländer bieten Chancen für Anleger

Die Börsen in kleineren Ländern sind zuletzt ebenso eingebrochen wie jene in Europa und den USA. Doch das bietet auch Möglichkeiten für Anleger.

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Die USA droht in die Rezession abzusinken, die Wirtschaft im Süden Europas ist schon seit einiger Zeit im Schrumpfmodus und Japans Konjunktur dümpelt ohnehin nur vor sich hin. Einzig die Schwellenländer sorgen noch für Wachstum . Auch wenn es etwas geringer ausfällt als zuletzt – hier brummt die Wirtschaft noch.

Doch das half den Aktienmärkten dieser Länder zuletzt auch nichts. Die Kurse fielen dort in den meisten Regionen genau so stark wie in den USA oder Europa. Mehr noch: Die Verkaufswelle der vergangenen Wochen war eine der schlimmsten, die die Schwellenländer je erfasst hat. Selbst während der Mexikokrise 1994/95 oder der Russlandkrise 1998 fielen die Kurse nicht so schnell und so tief. Nur während der Asienkrise 1997 war es noch schlimmer.

Allerdings könnte genau darin jetzt eine Chance liegen. Denn der Kursabsturz in vielen Schwellenländern war übertrieben, zumindest wenn es nicht zu einem weltweiten konjunkturellen Super-GAU kommt wie nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers 2008. Damals waren die Gewinne der Unternehmen in den Schwellenländern im Durchschnitt um 42 Prozent eingebrochen.

Das gegenwärtige Kursniveau der Börsen dieser Länder impliziert, dass die Märkte mit einem Rückgang der Unternehmensgewinne um 20 bis 25 Prozent rechnen. „Ein langsameres weltweites Wachstum ist also eingepreist“ sagt Geoffrey Dennis von der Citibank: „Eine Rezession dagegen nicht.“ Damit rechnet er aber eben – auf die gesamte Weltwirtschaft bezogen – nicht: „Wir kaufen daher.“

Tatsächlich gehen fast alle Ökonomen derzeit davon aus, dass sich die Weltwirtschaft zwar deutlich abkühlt, insgesamt aber dennoch weiter wächst. Die Investmentbank Morgan Stanley rechnet beispielsweise mit einem globalen Wachstum von 3,9 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es zwar noch 5,1 Prozent. Dennoch ist auch der Wert für dieses Jahr meilenweit von den minus 0,7 Prozent des Jahres 2009 entfernt.

Zudem kommt der größte Teil des Zuwachses eben aus den aufstrebenden Ökonomien. „Die Schwellenländer, die derzeit für die Hälfte der weltweiten Wirtschaftskraft stehen, werden 80 Prozent dieses Wachstums erzeugen“, glaubt Morgan-Stanley-Chefvolkswirt Joachim Fels. Warum also sollten die Aktienmärkte in diesen Ländern ebenso heftig leiden wie jene in den Staaten, wo wirklich eine Rezession droht?

Vielleicht, weil für viele Länder die Exporte in die Industriestaaten nach wie vor über Wohl und Wehe der eigenen Wirtschaft entscheiden, mag mancher einwenden. Und in der Tat hängen beispielsweise in Tschechien und Ungarn fast 60 Prozent der Wirtschaftsleistung von Exporten in die Europäische Union oder die USA ab. Auch andere Länder wie Polen, Mexiko oder Malaysia sind über die Exporte stark an die Entwicklung in diesen Regionen gekoppelt.

Ein weiteres Argument gegen die Schwellenländer ist der hohe Anteil von Unternehmen aus den Bereichen Energie und Rohstoffe an ihren Börsen. Denn die Preise für die Grundstoffe kommen stets überdurchschnittlich stark unter Druck, wenn sich das Wachstum verlangsamt. Das zeigte sich 2008 besonders eindrücklich, als der Ölpreis in kurzer Zeit von 147 auf rund 30 Dollar je Barrel abstürzte. Russland und Brasilien sind dabei die klassischen Rohstoff- und Energielieferanten.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass die dortigen Aktienmärkte in den vergangenen Wochen am stärksten verloren haben. Aber auch Aktien in Hongkong oder Südkorea kamen stark unter Druck – hier ist schließlich ein guter Teil der wichtigsten Exportfirmen vertreten. Besser erging es dagegen beispielsweise den Börsen in Thailand oder Indonesien. Dort gaben die Kurse nur wenig nach, notieren sogar immer noch nahe ihrem Allzeithoch. Fonds, die auf die beiden Länder setzen, gehörten in der vergangenen Woche sogar zu den ganz wenigen, die noch frisches Geld anziehen konnten, während fast alle anderen Fonds massive Abflüsse hinnehmen mussten.

Der Grund: In beiden Ländern ist die Binnenwirtschaft wesentlich wichtiger als der Export, und an Thailands Börse hat zwar der Energiesektor ein relativ hohes Gewicht. Dahinter steckt jedoch im Wesentlichen die halb-staatliche PTT, ein Konzern, der nicht nur Energierohstoffe fördert, sondern auch an der Verarbeitung verdient und ein Tankstellennetz betreibt – all das federt sinkende Rohstoffpreise ab.

Das macht Länder wie Thailand und Indonesien zwar generell attraktiv für Anleger. Wenn es jedoch zu einer Erholung der Kurse in den Schwellenländern kommt, dann wohl vor allem dort, wo die Einbrüche zuvor auch am größten waren. Citibank-Stratege Dennis bevorzugt derzeit daher Märkte wie China, Südkorea oder Russland.

Für die meisten Anleger dürfte es jedoch sinnvoller sein , auf einen Fonds zu setzen, der breit anlegt und je nach Lage die Schwerpunkte verschiebt. Wer dabei die Schwankungen etwas geringer halten will, kann auch einen Mischfonds wählen, der sowohl in Aktien als auch Anleihen aus den Schwellenländern setzt. Das federt Verlustphasen an den Aktienmärkten etwas ab. Dafür ist man natürlich auch in Aufschwungphasen möglicherweise nicht voll dabei.