Boston Consulting Group

"Griechenland kann ja nicht einfach verschwinden"

Firmen sollten sich in der Schuldenkrise rechtzeitig auf eine Pleite Griechenlands einstellen, rät der Chef der Unternehmensberatung BCG.

Christian Veith ist Deutschland-Chef bei der Boston Consulting Group (BCG). Firmen sollten sich auf extreme Ereignisse vorbereiten, sagt er.

Morgenpost Online: Wir wollten über Management in Zeiten wachsender Komplexität sprechen. Angesichts der Turbulenzen in Europa könnte man auch von Chaos reden.

Christian Veith: Zu bestimmten Zeitpunkten konnte man den Eindruck bekommen, ja, aber mit dem Status Quo bin ich zufrieden. In den letzten Wochen wurde viel erreicht.

Morgenpost Online: Zuletzt flammte immer mal wieder der Wunsch auf, das Volk über ein Referendum in Entscheidungen einzubinden. Gibt es Krisensituationen, in denen so etwas – auch in Unternehmen – sinnvoll wäre?

Veith: Nein, Basisdemokratie ist hier fehl am Platz. Zum einen verliert man zu viel Zeit. Zum zweiten müsste man Menschen Dinge erklären, die in ihrer Komplexität schwer zu vermitteln sind. Und schließlich besteht die Gefahr, dass Populisten die Verunsicherung der Menschen für ihre Zwecke nutzen.

Morgenpost Online: Wäre Griechenland ein von der Insolvenz bedrohter Konzern: Würden Sie ihn retten?

Veith: Die Frage ist müßig: Griechenland kann und wird ja nicht verschwinden – anders als ein Unternehmen, das sehr wohl aus dem Markt ausscheiden kann. Trotzdem – und da passt die Analogie zum Unternehmen – müssen wir uns die Frage stellen, wie das Geschäftsmodell der Griechen so verändert werden kann, dass das Land irgendwann wieder auf eigenen Beinen stehen kann.

Gegenwärtig fehlt es an allem, an administrativer Infrastruktur etwa, an ausreichenden staatlichen Einnahmen in Folge des ineffizienten Steuersystems, auch an zukunftsträchtigen Wirtschaftszweigen. Ich bin aber zuversichtlich, dass Griechenland wieder Perspektiven bekommen kann – zum einen durch die geplante Restrukturierung der Schulden, dann aber auch durch Investitionen. Die werden aber nur dann kommen, wenn sie sich für die Investoren lohnen.

Morgenpost Online: Ganz ausgeschlossen ist ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone noch immer nicht. Ist es für Unternehmen sinnvoll, sich auf so etwas vorzubereiten?

Veith: Unternehmen sind gerade in diesen Zeiten, in denen außerordentliche Entwicklungen möglich erscheinen, gut beraten, verschiedene Szenarien zu prüfen und sich auch auf extreme Ereignisse vorzubereiten. Bei allen diesen Überlegungen sollten sie aber ihre langfristige Strategie nicht aus den Augen verlieren. Hektik, gar Panik sind keine guten Ratgeber.

Morgenpost Online: Ist es vertane Energie, wenn der Tourismuskonzern TUI schon heute Verträge darauf ausrichtet, dass die Drachme wiederkommt?

Veith: Nein. Da ein Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone nicht mehr ausgeschlossen werden kann, ist es für jedes Unternehmen sinnvoll, für diesen Fall Vorkehrungen zu treffen.

Morgenpost Online: Wie gut wären die Unternehmen für eine weitere Rezession gewappnet?

Veith: Zunächst mal: Einen Schock wie nach der Lehman-Pleite 2008 werden wir so schnell nicht wieder erleben. Sollte es aber eine weitere Rezession geben, dann sind die deutschen Unternehmen gut gerüstet. Und unsere Wirtschaft insgesamt profitiert sehr davon, dass wir, anders etwa als Frankreich einen sehr starken Mittelstand mit konkurrenzfähigen Produkten, hohen Eigenkapitalquoten und einer in der Regel konsequenten globalen Ausrichtung haben.