Es geht ins zweite Geschoss unter Straßenniveau. Auf dem Fußboden grüne Auslegeware, laminierte Papierschilder weisen den Weg: „ Task Force for Greece “. Sonne kommt durch einen Lichthof in den Amtsraum, in dem Griechenland gerettet werden soll.

Horst Reichenbach, der Chef der Unterstützungsmission der Europäischen Kommission für Athen , hat mit seiner bislang rund 30 Mitglieder zählenden Truppe hier in einem Verwaltungsbau der Kommission Unterschlupf gefunden. Der deutsche Spitzenbeamte, seit Jahrzehnten im Dienst Europas, sieht sicht nicht als Kontrolleur. Er soll helfen, das griechische Staatswesen zu reformieren. Dazu gehört für eine Bestandsaufnahme – und die ist schonungslos ausgefallen.

Morgenpost Online: Herr Reichenbach, ist Griechenland eigentlich noch das Problem der Euro-Zone?

Horst Reichenbach: Griechenland ist zumindest ein Problem, das lösbar ist. Vielleicht hätte ein entschiedener, klarer Lösungsansatz von Vornherein die Gefahr der Übertragung auf andere Länder weniger virulent sein lassen. Sie haben Recht, wenn in Italien etwas Ähnliches passieren würde, wäre das natürlich quantitativ wie qualitativ ein ungleich größeres Problem. Das würde auch die Frage der europäischen Integration noch entscheidender stellen.

Morgenpost Online: Nach zwei Monaten im Amt haben Sie vergangene Woche eine recht düstere Beschreibung des Zustands des griechischen Staates vorgelegt.

Reichenbach: Der Bericht muss ja den Ist-Zustand zeigen. Er soll aber auch den Arbeitsplan für uns und die griechische Verwaltung aufzeigen. Bis jetzt ging es darum, Prioritäten zu setzen. Die griechischen Stellen mussten ja sagen, welche technische Hilfe sie haben wollen. Den Ist-Zustand wollen wir hinter uns lassen.

Morgenpost Online: Wie lange wird das dauern?

Reichenbach: Ich will eher drei als zwei Jahre bleiben, das ist der Zeitplan.

Morgenpost Online: Sind die Griechen bereit zur Zusammenarbeit?

Reichenbach: Von griechischer Seite besteht großes Interesse, wir arbeiten sehr gut zusammen.

Morgenpost Online: Drei Jahre wollen Sie bleiben. Ist dann die Arbeit auch für Griechenland erledigt?

Reichenbach: Es ist schwer zu sagen, ob der Wunsch-Zustand dann schon eingetreten ist. Wichtiger ist, dass wir Prozesse in Gang setzen, damit nach drei Jahren die weiteren Reformschritte von der griechischen Verwaltung und Politik weitergetragen werden können. Es ist sinnvoll klarzumachen, dass dies keine Unterstützung auf Dauer ist, sondern in einer besonderen, klar umrissenen Krisensituation. Wichtig ist, dass die Griechen die Auflagen der Troika umsetzen und damit die Geldgeber überzeugen.

Morgenpost Online: Hat die Politik das verstanden?

Reichenbach: Die Zustimmung im Parlament für Ministerpräsident Papademos ist eine breite. Diese Akzeptanz ist eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche Arbeit der Task Force , und jetzt ist klar: Strukturreformen sind nicht nur eine Idee von Giorgos Papandreou, sondern finden Zustimmung auf breiter Front.

Morgenpost Online: Reicht das, um die Märkte zu beruhigen und um Investoren anzuziehen?

Reichenbach: Der Standort Griechenland ist im Augenblick mit vielen Unsicherheitsfaktoren behaftet. Gute Investoren gehen rein, wenn die Werte besonders niedrig sind. Aber sie tun das nur, wenn sie glauben, dass es nicht noch weiter runter geht, dass die Talsohle erreicht ist. Das kann man im Augenblick in Griechenland nicht sagen. Die Vorausschätzungen der EU-Kommission für die Wirtschaftsentwicklung besagen auch für 2012 noch kein Wachstum. Deswegen ist es die nächste große Aufgabe der Task Force, das unternehmerische Umfeld im Land zu verbessern.

Morgenpost Online: Wachstum, Strukturreformen, Haushaltsdisziplin. Reicht das aus?

Reichenbach: Für diese Situation hatte ja niemand Patentrezepte in der Tasche. Zunächst einmal musste man sich von einem der Grundprinzipien der Wirtschafts- und Währungsunion, dem No-bail-out, verabschieden. Aus heutiger Sicht ist klar, dass die Hilfe nicht so massiv und schnell bereitgestellt wurde wie vielleicht objektiv notwendig gewesen wäre. Aber aufgrund mangelnder Erfahrung war das nicht einsehbar. Hätte man diese Erfahrung schon einmal gemacht, würde man anders handeln. Spätes Handeln ist kostspieliger als frühes Handeln.

Morgenpost Online: Nun heißt Deutschlands Devise: Nicht nachzulassen beim Druck auf Griechenland, den Haushalt in Ordnung zu bringen. Ist der Druck nötig?

Reichenbach: Es ist unvermeidlich, dass größere Geldbeträge nicht in ein schwarzes Loch gesteckt werden. Diejenigen, die das Geld bereitstellen, erwarten dafür zurecht eine Gegenleistung. Die besteht in zwei Dingen: einmal höhere Haushaltsdisziplin und zum zweiten eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit.

Morgenpost Online: Hat man die Wettbewerbsfähigkeit zu lange vernachlässigt?

Reichenbach: Das Verhältnis zwischen Löhnen und Produktivität darf nicht zu stark auseinanderklaffen. Das ist ein Bereich, dem die Länder vielleicht nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt haben. Sie hätten sich selbst bewusster sein müssen, dass sie nicht über Jahre hinweg die Löhne im Verhältnis zur Produktivität nicht mehr steigern können als andere Länder. An der Wiege der Wirtschafts- und Währungsunion war aber klar, dass solch ein Auseinaderklaffen notwendigerweise zu Spannungen führen wird.

Morgenpost Online: Ist auch das in Griechenland angekommen?

Reichenbach: Ich habe mir die Entwicklung der Arbeitskosten angeschaut. 2008 und 2009 ging die Entwicklung noch nach oben. 2010 aber gab es einen Bruch, die Arbeitskosten sinken seither. Das ist ein Zeichen, dass es in Griechenland zumindest faktisch anders und das Land wettbewerbsfähiger geworden ist.

Morgenpost Online: In Griechenland ist der Protest der Bevölkerung gegen Reformen und Sparen besonders heftig. Warum?

Reichenbach: Weil die Belastung der Bevölkerung ungleich größer ist. Schauen Sie, das griechische Pro-Kopf-Einkommen ist schon durch die bisherigen Strukturreformen dreifach so stark belastet worden wie das spanische und doppelt so stark wie das irische und portugiesische.

Morgenpost Online: Sie wirken mitfühlend. Haben Sie die Griechen ins Herz geschlossen?

Reichenbach: Ich spreche ihre Sprache nicht, das habe ich nach einem erfolglosen Versuch, früher einmal Russisch zu lernen, nicht angefangen. Aber ich will die Rolle der Task Force auch von der der Troika aus EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank trennen. Unsere Task Force ist da, um die Griechen zu unterstützen, die Auflagen der Geldgeber zu erfüllen. Das lässt sich nicht immer ganz scharf trennen, aber wir wollen den Griechen Hilfe anbieten und nicht die Kontrollfunktion ausüben.

Morgenpost Online: Nach Ihrem ersten Besuch in Athen erzählten Sie von Anfeindungen. Hat sich das geändert?

Reichenbach: Beim ersten Mal habe ich nicht an Personenschutz gedacht, ich habe sehr selten in meinem Leben erlebt, dass so etwas nötig war, auch bei Kommissaren, für die ich gearbeitet habe, nur einmal. Beim zweiten Mal, als ich in Athen war, hatte ich Personenschutz. Abends bin ich aber dann zu Fuß zurück ins Hotel gegangen.