Ökonom Michael Burda

Arbeitsmarktforscher verteidigt Nobelpreisträger

| Lesedauer: 4 Minuten
Tobias Kaiser

Foto: picture-alliance / ZB / picture-alliance

Ökonom Burda wehrt sich gegen die Kritik an den Nobelpreisträgern für Wirtschaftswissenschaften. Er hält die Auszeichnung für verdient.

Michael Burda gehört zu den renommiertesten Arbeitsmarktforschern in Europa. Der Ökonomie-Professor ist Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik, der deutschen Vereinigung führender Ökonomen. Die beiden US-Forscher Christopher Sims und Thomas Sargent wurden mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geehrt . Burda freut die Auszeichnung.

Morgenpost Online: Hat Sie diese Wahl überrascht?

Michael Burda: Überhaupt nicht, ich stehe schon seit Jahren hinter diesem Vorschlag und habe ihn sehr unterstützt.

Morgenpost Online: Kommt er etwa von Ihnen?

Burda: Dazu kann ich leider nichts sagen, sonst befragt mich das Komitee nie wieder zu meiner Meinung. Aber ich habe den Vorschlag unterstützt und habe fest daran geglaubt, dass die beiden den Nobelpreis bekommen werden, vor allem in der Konstellation.

Morgenpost Online: Obwohl Sargant für die Theorie der rationalen Erwartungen steht. Vereinfacht besagt die Idee, dass Menschen immer rational handeln und sich nicht von Gefühlen leiten lassen. Das Konzept wird schon länger kritisiert – vor allem seit Ausbruch der Finanzkrise.

Burda: Ich hätte den beiden den Preis genau für ihre Arbeiten zu den rationalen Erwartungen verliehen. Aber Sie haben Recht, für Kritiker der Ökonomie ist die Theorie der rationalen Erwartungen ein rotes Tuch – und damit auch die Arbeit der beiden. Kritiker werden sich über die Entscheidung des Komitees kaputtlachen.

Morgenpost Online: Kritik an der Auswahl scheint damit beinahe programmiert.

Burda: Trotzdem halte ich die Verleihung für mehr als 100 Prozent gerechtfertigt. Wir stecken mitten in der Finanzkrise Nummer zwei. Und selbst wenn viele Menschen die Fähigkeiten der Ökonomie überschätzen: Seit 1980 haben wir große Fortschritte dabei gemacht, das wirtschaftliche Verhalten von Menschen zu prognostizieren. Beide haben daran großen Anteil.

Morgenpost Online: Trotzdem muss das Gremium sich schwer getan haben.

Burda: Oh ja. Politisch ist die Entscheidung wahrscheinlich delikat gewesen. In der Würdigung tauchen die Arbeiten zu den rationalen Erwartungen auch nur indirekt auf. Beide wurden für ihre Arbeiten zur Zeitreihenanalyse ausgezeichnet. Die waren bahnbrechend.

Morgenpost Online: Was war die Leistung der beiden?

Burda: Sims und Sargant haben gezeigt, wie man statistische Daten nutzen kann, um einschätzen zu können, wie sich Menschen verhalten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: eine der frühen Arbeiten von Sims. Er hat sich angeschaut, wie sich die Geldmenge und die Wirtschaftsleistung der USA seit 1900 verhalten haben. Das es zwischen beiden Größen einen Zusammenhang gab, das hat jeder sehen können. Aber es war statistisch nicht erkennbar, welche Größe sich zuerst verändert.

Morgenpost Online: Ein Henne-und-Ei-Problem.

Burda: Ganz genau. Was war zuerst? Sims konnte statistisch zeigen, dass zuerst die Geldmenge ab- oder zunimmt – und sie damit die Wirtschaftsleistung beeinflusst.

Morgenpost Online: Das kann doch selbst damals keine neue Erkenntnis gewesen sein.

Burda: Sicher, diese Idee hatte Milton Friedman schon formuliert. Aber sie war statistisch nicht belegt.

Morgenpost Online: Nun sind die beiden aber keine Statistiker, sondern Ökonomen.

Burda: Eben! Die Anwendung der Statistik auf die Ökonomie, das ist die Leistung von Sims und Sargant. Die beiden konnten mit ihren Erkenntnissen bestehende Theorien untermauern und natürlich auch eigene Theorien entwickeln. Vor allem dafür werden sie ausgezeichnet.

Morgenpost Online: Kennen Sie die beiden persönlich?

Burda: Kennen? Ich bin mit Sargant groß geworden.

Morgenpost Online: Er ist doch fast 20 Jahre älter als sie.

Morgenpost Online: Ich meine auch groß geworden als Ökonom. Sargant kommt von der Universität Harvard, Sims übrigens auch. Als ich in Harvard meinen Doktor gemacht habe, hat Sargant dort unterrichtet.

Morgenpost Online: Als Forscher war er sicher exzellent. War er auch ein guter Lehrer?

Burda: Oh ja! Er war sehr charismatisch und hat meinen gesamten Jahrgang sehr inspiriert. Er und Sims sind beide sehr ruhige Menschen; überhaupt keine Selbstdarsteller. Damit haben sie bei uns eine Menge Respekt gewonnen.