Apple-Gründer

Steve Jobs – Genie der Vision und der Präzision

Mit seinem Lebenswerk hat der verstorbene Apple-Chef Steve Jobs die Welt ein bisschen einfacher und ein bisschen schöner gemacht. Mehr geht nicht.

Der Architekt Norman Foster, den manche einen Leonardo da Vinci unserer Zeit nennen, hat mir einmal gesagt, der Bauherr, der ihn im Laufe der Jahrzehnte am meisten beeindruckt habe, sei Steve Jobs gewesen. Foster hat für ihn – und wohl auch sehr stark mit ihm – die neue Apple-Konzernzentrale in Cupertino entworfen.

Was ihn an Jobs so fasziniert hat, konkretisierte Foster genau: Es gebe Menschen, die seien extrem präzise im Detail, absolute Perfektionisten. Und es gebe andere, die seien sehr gut darin, das große Ganze zu sehen, Visionäre mit der Begabung für den großen Wurf. Nur ganz wenige Menschen aber könnten beides. Und er kenne niemanden, der zugleich so genau und so groß denke, wie Steve Jobs – ein Genie der Vision und der Präzision.

Der Chef selbst hat sich in jedes Detail eingemischt

Von dieser Präzision sprechen alle, die mit ihm zu tun hatten. Die Mitarbeiter, die Konkurrenten und die Zulieferer. Ein Hersteller, der die Hälfte des iPad-Gehäuses bauen durfte, berichtet halb genervt, halb bewundernd, wie sich der Chef selbst in jedes Detail eingemischt habe, nie zufrieden gewesen sei.

Auch Foster erzählt, wie er sich stundenlang mit dem Unternehmer aus Kalifornien über seine Entwürfe unterhalten habe. Jobs habe ständig etwas anders gewollt, etwas besser gewusst. Ob ihn das nicht geärgert habe, frage ich Foster. Niemals, sagt er, der große Baumeister: „Steves Ideen waren einfach besser.“

Immer besser sein – das wollen viele. Wirklich fast immer besser sind – nur wenige. Es zu sein und es zu wissen, muss auch als Bürde empfunden werden. Jobs hatte die Begabung wohl immer schon besessen, der brennende Ehrgeiz kam später dazu und verschärfte sich bisweilen ins Missionarisch-Freudlose.

Seine Spaßverweigerung, hatte etwas Unamerikanisches

Ich bin Steve Jobs vor vielen Jahren einmal zu einem persönlichen Gespräch in Berlin begegnet. Er trug seine Uniform – Jeans, Rollkragenpullover – und wirkte, wie es die Marke Jobs vorsah: cool. Er spielte seine anstrengend lockere Rolle. Darunter aber lagen ein tiefer Ernst, eine Askese und Konzentration, die ans Grüblerische grenzten.

Lachen, schalkhafter, leicht abgründiger Humor oder gar Selbstironie waren seine Sache nicht. Amerikaner, die ihn besser kannten, bestätigen das. „He was not a fun guy“, lautet die freundlichste Beschreibung. Jobs' Ernst, seine Spaßverweigerung, hatte etwas sehr Unamerikanisches.

Der Garagenunternehmer aus dem Silicon Valley war hinter der Fassade des kalifornischen Sunnyboys eher deutsch. Ein manisch schaffender Erfinder, Ingenieur und Künstler – eine Mischung aus Edison, Benz und dem egomanen Gesamtkunstwerker Richard Wagner.

Schönheit, Einfachheit und Begehrlichkeit

In der Tat ist Jobs eher im Koordinatensystem eines Künstlers zu verstehen, denn als klassischer Kapitalist – auch wenn er ein ziemlich rücksichtsloser Mechaniker der Macht war. Wie jeder echte Unternehmer träumte er vom Monopol. Sein unternehmerisches Werk, das in seiner weltverändernden Fülle zu den ganz Großen der Moderne gehört, entstand gegen alle Logik und Erfahrung von Controllern, Marktforschern und Marketingroutiniers.

Jobs machte alles anders und besser. Über Grundsätze und Prinzipien heißt es in Richard Wagners „Meistersingern“: „Wie fang ich nach der Regel an? – Ihr stellt sie selbst und folgt ihr dann“. Oder wie Jobs es ausdrückte: „Es ist nicht der Job der Konsumenten zu wissen, was sie wollen. Es ist mein Job.“

Jobs, der Perfektionist und Tüftler, hatte in seinem komplexen Werk eine Grundperspektive und drei Hauptziele. Die Perspektive, aus der er alles erfand und gestaltete, war stets die Sicht des Konsumenten. Nie die des Technikers, des Mitarbeiters. Nur was dem Kunden gut tut, zählte. Die drei Ziele, die Apples Unternehmenserfolg bestimmen, sind: Schönheit, Einfachheit, Begehrlichkeit.

Lange Warteschlangen waren Teil der Produktinszenierung

Begehrlichkeit erzeugte er mit einem Marketing der Verknappung, das der DDR abgeschaut zu sein schien. Damals im Osten nannte man es „Bückware“, wenn ein Produkt nur nach langem Warten, Schlangestehen oder bei guten Kontakten zum Verkäufer zu erhalten war. Jobs achtete stets darauf, dass neue Produkte sich rar machten.

Die Schlangen vor den Apple Stores bei der Einführung des iPhones oder iPads erinnerten an die Schlangen vor Ostberliner Geschäften oder einem angesagten Westberliner Club. Sie waren Teil der Produktinszenierung. Wichtiger aber waren die Prinzipien Schönheit und Einfachheit. Oder besser: Schönheit durch Einfachheit. „Das einzige Problem an Microsoft ist, dass sie keinen Geschmack haben“, ist eines der geflügelten Worte von Steve Jobs.

Das war zu einfach, um gut zu sein

Als ich Mitte der achtziger Jahre meinen ersten Macintosh-Würfel in Betrieb nahm, freute ich mich sehr. Während PCs hässlich waren und nur mit komplizierten Zahlenbefehlen bedient werden konnten, sah mein Mac gut aus, und auf dem Bildschirm geschah genau das, was ich bildhaft vor Augen hatte. Apples Prinzip: „What you see is what you get.“ Oder: Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht?

IT-Nerds waren irritiert. Das war zu einfach, um gut zu sein. Doch der Widerstand brach. Schritt für Schritt gingen die Konkurrenten den gleichen Weg, die Oberfläche der PC-Betriebssysteme näherte sich MacOS zunehmend an. Anfangs wurde Apple wie eine Sekte bekämpft. Im Laufe der Jahre wurde daraus eine Weltreligion.

Schlichte Schönheit schlägt schlechten Geschmack

Die Innovationen von Steve Jobs, der 338 Patente hinterließ, sind viel beschrieben und analysiert worden. Er revolutionierte mit dem Mac den persönlichen Computer, mit iPod und iTunes die Musikindustrie, mit dem iPhone die Telefonie und das mobile Internet und mit dem iPad die Verlags-, Film- und Spielebranche . Seine größte Errungenschaft aber bleibt, dass er zusammen mit Jonathan Ive und anderen das neben Porsche und Braun überzeugendste Industriedesign der jüngeren Wirtschaftsgeschichte geschaffen hat.

Apple-Geräte sehen einfach besser aus, weil sie besser einfach sind. Steve Jobs' ermutigende Botschaft lautet: Schlichte Schönheit schlägt schlechten Geschmack. Intuition, Emotion und Sinnlichkeit sind am Ende kauf- und erfolgsentscheidend, auch in der vermeintlich so rationalen Welt der Computer.

Bleiben Sie hungrig, bleiben Sie verrückt!

Steve Jobs war im Sinne Nietzsches und Schumpeters ein schöpferischer Zerstörer. In seiner großen Rede vor Studenten der Stanford University sagte er 2005: „Der Tod ist wohl die mit Abstand beste Erfindung des Lebens. Er ist der Katalysator des Wandels. Er räumt das Alte weg, damit Platz für Neues geschaffen wird.“ Und dann schärfte er den Studenten ein: „Ihre Zeit ist begrenzt. Verschwenden Sie sie nicht damit, das Leben eines anderen zu leben. (...) Bleiben Sie hungrig, bleiben Sie verrückt!“

Steve Jobs sprach über sich selbst. Er hat so sein Leben gelebt. Auch wenn es kurz war, auch wenn er, je näher das Ende rückte, gegen das Verrinnen der Zeit immer disziplinierter, asketischer, unzufriedener, vielleicht sogar verbissener ankämpfte. Ob es ein glückliches Leben war, wissen wir nicht. Es war erfüllt. Der visionäre Perfektionist und perfektionistische Visionär Steve Jobs hat die Welt ein bisschen einfacher und ein bisschen schöner gemacht. Mehr geht nicht.

Seine Zeit war begrenzt: Steve Jobs starb am Mittwoch im Alter von 56 Jahren.