IG Metall

Aggressive Gewerkschaftskampagnen locken Nachwuchs

Vor allem junge Leute wollen wieder Teil einer Gewerkschaftsbewegung sein. Die IG Metall hofft, den Mitgliederschwund dauerhaft zu stoppen.

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Jill Ingenpaß hat ihren Beitritt zur IG Metall gleich in der ersten Arbeitswoche besiegelt. „Die machten auf mich den Eindruck einer fortschrittlichen Gewerkschaft, die sich für die Jugend einsetzt", berichtet die 20-Jährige vom Auftritt der Metaller beim Edelstahlhersteller ThyssenKrupp Nirosta in Krefeld. Da unterschrieb die Auszubildende zur Industriekauffrau sofort ihren Mitgliedsantrag.

Besonders beeindruckt habe sie die "Operation Übernahme", eine Kampagne der Metaller rund um die Forderung nach unbefristeten Stellen für Azubis nach der Ausbildung. Zwar bekommt Ingenpaß bei Nirosta einen Zweijahresvertrag im Anschluss an ihre Ausbildung. Doch selbst das reicht nicht, um ihr die Angst vor der Zukunft zu nehmen. "Ein Freund von mir ist nach seiner Ausbildung in der Leiharbeit gelandet. Die Unsicherheit hat ihn fertiggemacht", sagt sie. Die junge Gewerkschafterin dagegen will ihr Leben planen können.

Die Gewerkschaft wächst

Für die IG Metall ist die Auszubildende ein Glücksfall von vielen. Die Gewerkschaft wächst wieder. "Das erste echte Mitgliederplus seit 22 Jahren", verkündet der Erste Vorsitzende Berthold Huber stolz. Trotz der vielen jährlichen Abgänge in die Rente rechnet er mit einem Zuwachs von 15.000 Mitgliedern in diesem Jahr. Ein Ziel, von dem die meisten anderen Gewerkschaften nach jahrelangem Schrumpfen weit entfernt sind.

Die Auszubildende ist für die Gewerkschaft besonders wertvoll: Sie ist jung, weiblich und angestellt. Ihre neuen Genossen dagegen sind mehrheitlich noch immer männliche Arbeiter über 40 – obwohl sich die Struktur der Belegschaften in der Industrie radikal wandelt.

Auch deswegen erklärten Huber und sein Vize Detlef Wetzel die Mitgliedergewinnung zum wichtigsten Ziel, als sie vor vier Jahren das Ruder übernahmen. Sie bauten die Organisation um, entwarfen neue Strategien und schärften ihr Profil als undogmatisch, betriebsorientiert und pragmatisch. Vor allem aber investierten sie in Werbung. Mit Erfolg.

Auf dem Gewerkschaftstag, der ab Sonntag eine Woche lang in Karlsruhe stattfindet, wird das Duo Huber/Wetzel deshalb wohl mit großer Mehrheit im Amt bestätigt. Dabei ist nicht klar, ob die Mitgliederwende von Dauer sein wird. Was, wenn Kampagnen wie die "Operation Übernahme" zu teuer werden? Und der Zulauf von Mitgliedern durch die Konjunktur und den demografischen Wandel gebremst wird?

Dann sollen die Arbeiter zumindest nicht durch überkommene Klassenkampfparolen verschreckt werden. "Betonköpfe" sind die Gewerkschafter zumindest nicht mehr: Nach der Jahrtausendwende schwenkte der Industrietanker IG Metall auf einen Kurs in Richtung Moderne. Weg von dogmatischem Denken, pauschalen Rezepten und Stellvertreterpolitik. Inzwischen gehen den Funktionären Begriffe wie Flexibilität, Differenzierung und Mitgliederbeteiligung flüssig über die Lippen.

Die Basis für den neuen Kurs hatte Huber schon 2004 als Zweiter Vorsitzende gelegt. Damals schloss er mit den Arbeitgebern das "Pforzheimer Abkommen", das Betrieben in Krisen Abweichungen vom Flächentarifvertrag erlaubt. Was als Zugeständnis an die Arbeitgeber daherkam, brachte der IG Metall tatsächlich in betroffenen Betrieben neue Mitglieder.

Denn die Gewerkschaft hatte plötzlich wieder ein Argument, das zuvor jahrzehntelang nicht mehr gezogen hatte: "Wenn ihr beitretet, haben wir mehr Macht gegenüber der Geschäftsführung." Ähnlich wie in den Anfängen der Arbeiterbewegung wurden die Vorteile einer Mitgliedschaft wieder greifbar, die Konflikte konkret. Das hatte es in der Welt der Flächentarifverträge eigentlich nicht mehr gegeben.

"Besser statt billiger"

Seit 2007 nutzten Wetzel und Huber die betrieblichen Lösungen verstärkt als Mittel zum Mitgliederfang. Unter der Überschrift "Besser statt billiger" etwa versucht die IG Metall Kostensenkungen in Unternehmen zu verhindern. In betroffenen Betrieben schlagen ihre Mitglieder dann Alternativlösungen vor.

Flankiert werden solche Aktionen von großen, öffentlichkeitswirksamen Kampagnen – wie der "Operation Übernahme", die in einem "Jugendaktionstag" mit 20.000 Teilnehmern in Köln gipfelte. Oder "Gleiches Geld für gleiche Arbeit" zum Thema Zeitarbeit. Zusätzlich setzt die Gewerkschaft nach amerikanischem Vorbild "Organizer" ein, die gezielt auf Kollegen zugehen und sie davon überzeugen, IG-Metall-Mitglied zu werden.

Das Geld für die aufwendigen Aktionen hat sich die Gewerkschaft ausgerechnet über einen radikalen Stellenabbau beschafft: 200 Arbeitsplätze hat Wetzel in der Verwaltung abgebaut, 20 Millionen Euro sind dadurch für Mitgliederwerbung frei geworden. Doch Wetzel machte nicht nur die Verwaltungsstellen effizienter, er führte auch Leistungsanreize ein: Wer mehr Mitglieder wirbt, dessen Budget wächst mit.

In der Wirtschafts- und Finanzkrise ließen sich die Arbeiterführer nicht vom Pragmatismus abbringen – obwohl sich das mancher Gewerkschafter gewünscht hätte. Statt die Krise zu nutzen, um gegen das System Sturm zu laufen, saßen Huber und Wetzel mit Arbeitgebern und Regierung am Tisch und stimmten für Kurzarbeit, Abwrackprämie, Konjunkturprogramme. Die Lohnrunde 2010 verlief geräuschlos, die IG Metall hielt sich mit Forderungen zurück und bekam eine Beschäftigungssicherung. "Wir sind vernunftbegabt", sagt Wetzel.

Auch Jill Ingenpaß gefällt dieser Kurs, in dem der Klassenkampf im Geschichtsbuch bleibt. "In meinen Augen müssen die Interessen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer vernünftig unter einen Hut gebracht werden", sagt die 20-Jährige. Das sehen auch Nichtmitglieder so.

Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach im Mai 2011 ergab, dass 39 Prozent der Deutschen die Gewerkschaften "gerade in der heutigen Zeit für "wichtig halten", sie täten "viel für die Arbeitnehmer". Noch vor fünf Jahren waren nur 30 Prozent der Befragten dieser Meinung, 16 Prozent hielten die Organisationen damals sogar für "generell überholt". 2011 lehnten nur noch zehn Prozent Gewerkschaften generell ab.

Image der Gewerkschaften hat sich verbessert

"Mit dem praxisnahen Umgang mit der Krise hat auch die IG Metall ihr Image verbessert", bestätigt Claus Schnabel, Gewerkschaftsforscher an der Universität Nürnberg-Erlangen. Mit Erste-Mai-Parolen könne man die Leute "nicht mehr hinter dem Ofen hervorlocken". Selbst arbeitgebernahe Ökonomen loben die Schwerpunktsetzung der IG Metall: "Die Themen brennen den Leuten auch außerhalb der Gewerkschaften auf den Nägeln", sagt Hagen Lesch vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

Zahm ist die IG Metall allerdings nicht geworden. Die Arbeitgeber schätzen zwar den Pragmatismus. "Wir haben den Eindruck, dass wir am Verhandlungstisch nicht um Ideologien, sondern um den richtigen Weg ringen", heißt es beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall.

Und auch den Mitgliederzuwachs begrüßen die Tarifpartner : "Mit wem sollen wir denn sonst verhandeln, wenn die IG Metall immer schwächer wird?" Dennoch sehen die Chefs die aggressiven Kampagnen mit Sorge. Gern weist die Verbandsspitze darauf hin, dass die deutsche Metall- und Elektroindustrie die "höchsten Löhne der Welt" zahlt und auch die meisten Lehrlinge unbefristet übernimmt. "Gewerkschafter, die so tun, als würde hier mit einem Arbeitsprekariat produziert", schadeten der Industrie, schimpft Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser im "Handelsblatt".

Trotz der Trendwende bei den Mitgliedern steht die IG Metall stärker denn je unter Druck. "Die teuren Kampagnen und Mitgliederaktivitäten müssen finanziert werden", sagt Schnabel. Aber der demografische Wandel mache es schwer, die in die Rente abtretenden starken Jahrgänge und ihre Beiträge zu ersetzen. Zudem droht die nächste Rezession – in der vielleicht kein Geld mehr für Kurzarbeitprogramme da ist. Hätte die Kurzarbeit nicht die Beschäftigung 2010 gesichert, wäre die IG Metall wohl nicht gewachsen: Wer arbeitslos ist, tritt aus.

Dazu kommt, dass Mitglieder wie Ingenpaß hohe Erwartungen haben. Für sie ist die Gewerkschaft auch Anwalt: "Ich will Fachleute haben im Betrieb, die mir bei Problemen helfen." Um solche Anhänger muss die IG Metall dauerhaft werben – anders als um viele ältere Metaller, die ihre Mitgliedschaft vom Vater geerbt haben. Wenn die Gewerkschaft ihre Erwartungen nicht erfülle und nicht mehr ihren Einstellungen entspreche, sagt Ingenpaß, "dann würde ich auch wieder austreten".