Armutsrisiko in Deutschland

Wenn Heizung und warmes Essen zum Luxus werden

Die Wohnkosten werden für immer mehr Deutsche zu einer Belastung. Armutsgefährdete Menschen sparen sogar an der Heizung. Das geht aus dem "Datenreport 2011" hervor.

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Die Armut in Deutschland zeigt sich nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes immer deutlicher anhand der Wohnsituation. 2008 waren knapp 16 Prozent der Deutschen armutsgefährdet. Jeder Dritte dieser Bevölkerungsgruppe (32 Prozent) sieht sich nach eigener Einschätzung durch die Wohnkosten "finanziell schwer belastet", wie aus dem " Datenreport 2011" hervorgeht.

Bei dem Anteil der Bevölkerung, die nicht von Armut bedroht ist, empfand noch knapp jeder Fünfte (18 Prozent) dies ebenso. Wie aus der Erhebung weiter hervorgeht, sind 16 Prozent der armutsgefährdeten Frauen und Männer nicht in der Lage, "ihre Wohnung angemessen warm zu halten“. Fast jeder Dritte aus dieser Bevölkerungsgruppe (30 Prozent) sieht sich nicht im Stande, wenigstens an jedem zweiten Tag eine warme Mahlzeit einzunehmen.

Für diejenigen Deutschen, die mit ihrem Einkommen im unteren Fünftel des Bundesdurchschnitts liegen, hat sich zudem das Risiko erhöht, arm zu bleiben. In den 80er-Jahren lag das Risiko bei 57 Prozent, heute bei 65 Prozent, wie Roland Habich vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung erklärte. Der "Datenreport“ ist eine Faktensammlung über die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland. Er wurde vom Statistischen Bundesamt, dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben.

Der Report untersucht Themen wie die Verteilung materiellen Wohlstands oder Erwerbsarbeit, aus denen sich Rückschlüsse über die Lebensqualität und den gesellschaftlichen Fortschritt ziehen lassen. Seit 1985 erscheint er regelmäßig alle zwei Jahre.

Die Erwerbstätigkeit von Frauen hat laut dem Bericht in den vergangenen zehn Jahren zugenommen. Der Anteil der Frauen, die ihren Lebensunterhalt überwiegend selbst finanzieren, wuchs zwischen 2000 und 2010 um vier Prozentpunkte. Im alten Bundesgebiet sind es 42 Prozent der Frauen ab 15 Jahren, in den neuen Ländern 45 Prozent.

Unterschiede zwischen Ost und West

Insgesamt finanzierte 2010 die Hälfte der Bevölkerung ab 15 Jahren laut Bericht ihren Lebensunterhalt überwiegend aus eigener Erwerbstätigkeit. 27 Prozent lebten von Renten, Pensionen oder eigenem Vermögen, 15 Prozent wurden von Angehörigen finanziert. Acht Prozent erhielten Sozialleistungen.

Zwischen Ost und West bestünden weiterhin Unterschiede in der Einstellung zur Erwerbstätigkeit, erklärte Habich. Dies zeigt sich etwa beim Thema Familie und Beruf. 66 Prozent der Westdeutschen bewerteten die Konsequenzen, wenn Frauen erwerbstätig seien, eher positiv, in Ostdeutschland seien dies 92 Prozent.

Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, forderte anlässlich des Berichts mehr Investitionen in die Bildung. Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt sei mit 6,8 Prozent in 2009 "ganz nüchtern betrachtet“ zu gering, um der wirtschaftlichen Relevanz von Bildung gerecht zu werden, kritisierte er.

2009 hatten ein Viertel der deutschen Bevölkerung und 53 Prozent der hier lebenden Ausländer keinen oder noch keinen beruflichen Bildungsabschluss. Zwar wachse die Zahl der jungen Menschen mit Fachhochschul- oder Hochschulzulassung (2009: 43 Prozent).

Laut OECD-Bericht liege Deutschland aber auf einem der unteren Plätze, was die Qualität der Abschlüsse betrifft, dazu fehle es trotz überfüllter Hörsäle an hochqualifizierten Arbeitskräften. Die Familie hat laut Sozialbericht weiterhin einen hohen Stellenwert, das Heiraten dagegen weniger. 2010 lebten 18,2 Millionen Ehepaare in Deutschland, rund 1,3 Millionen weniger als vor zehn Jahren. Dafür gab es 2,6 Millionen gemischt- oder gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, knapp ein Viertel mehr als vor zehn Jahren. Die Zahl der Alleinstehenden nahm um 18 Prozent auf 17,4 Millionen zu, die der Alleinerziehenden um 15 Prozent auf 2,7 Millionen.

Die Mehrheit der Bevölkerung (je nach Altersgruppe zwischen 70 und 80 Prozent) gibt dabei an, dass es Familie zum Glück braucht. Zugleich erhöht Familie tatsächlich die Lebenszufriedenheit, die bei Menschen mit Familienbindung laut Bericht über dem Durchschnitt liegt.