Paul Achleitner

Sanfter Österreicher übernimmt Deutsche-Bank-Posten

Branchenkenner halten Achleitner für die richtige Wahl für den Aufsichtsrat-Posten bei der Deutschen Bank. Er erfüllt sich einen Lebenstraum.

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Dass die Chemie stimmt, sah man auf den ersten Blick. Es war schon zu später Stunde, als Paul Achleitner und Anshu Jain im Januar dieses Jahres gemeinsam mit ihren Frauen beim Empfang der Deutschen Bank beisammen standen und herzlich lachten. Niemand hatte bei diesem Anblick daran gedacht, dass wenige Monate später der eine als Vorstandschef und der andere als Aufsichtsratschef des Unternehmens nominiert sein würden.

Dass sich der umtriebige Österreicher in der angelsächsischen Welt wohl fühlt, ist nicht verwunderlich: Er spricht akzentfrei Englisch – im Deutschen ist der österreichische Klang hingegen unverkennbar. Mit einem Abschluss vom US-Elitecollege Harvard in der Tasche begann er seine Karriere in Boston bei der Unternehmensberatung Bain.

Erst zehn Jahre später kehrte er nach Europa zurück, um für seinen neuen Arbeitgeber Goldman Sachs das Deutschlandgeschäft auszubauen. Die junge Mannschaft des US-Investmenthauses brachte sich bei den Privatisierungen Ostdeutschlands in Spiel und Achleitner erwarb sich den Ruf eines begnadeten Netzwerkers.

Dresdner-Deal wurde Achleitner zum Verhängnis

Schon damals galt er als Banker, der sich tief in die Details komplizierter Finanzkonstrukte hineinfressen kann. Das bewies er gleich nach seinem Wechsel zur Allianz im Jahr 2000. Die Übernahme der Dresdner Bank durch den Versicherungskonzern trägt seine Handschrift. Die Transaktion, die mit einer Bereinigung etlicher verzwickter Beteiligungsverhältnisse der alten Deutschland-AG einherging, gilt bis heute als die wohl komplizierteste Übernahme in Deutschland. So richtig ging dieses Kalkül freilich nicht auf.

Die Kooperation zwischen Allianz und Dresdner Bank im Kundengeschäft kam nicht richtig in Schwung, und für das Investmentbanking der Dresdner fand man über Jahre weder eine überzeugende Strategie noch einen Käufer, was wiederum viele dem gelernten Banker Achleitner anlasteten.

Kritiker sehen Achleitner deshalb als Kapitalvernichter an, auch wenn eine oberflächliche Betrachtung des Dresdner-Deals in die Irre führt – schließlich hätten die Aktien anderer Konzerne, die die Allianz im Gegenzug für den Dresdner Kauf loswurde, beim Börsencrash 2001 ebenfalls enorm an Wert verloren.

Dennoch bleibt der Dresdner-Deal ein Makel in der beruflichen Biographie des Finanzvorstands. Erst am Ende bewies er ein glückliches Händchen: Anfang September 2008 verkaufte die Allianz die Dresdner Bank an die Commerzbank – nur zwei Wochen später ging die US-Bank Lehman Pleite und riss die Dresdner Bank tief in die roten Zahlen.

Banker mit sanfter Stimme und feinem Humor

Die Commerzbank musste daraufhin Hilfe beim Staat suchen – während die Allianz ohne größere Blessuren durch die Finanzkrise kam. Erst die aktuelle Staatsschuldenkrise macht auch dem Versicherer zu schaffen.

In den vergangenen Woche erlebte die Öffentlichkeit Achleitner dann in einer neuen Rolle: Er mischte sich aktiv in die politische Debatte zur Rettung Griechenlands ein, warb öffentlich für seine Idee einer Anleihenversicherung – die nun tatsächlich Teil der geplanten „Hebelung“ des Euro-Rettungsfonds EFSF werden soll.

Nicht von ungefähr gilt der Banker mit der sanften Stimme und dem feinen Humor als wesentlich besser in der Politik verdrahtet als der eher öffentlichkeitsscheue Allianz-Vorstandschef Michael Diekmann.

Mit dem Aufsichtsratsposten bei der Deutschen Bank hat sich Achleitner einen Traum erfüllt. Schon länger hatte der 55-Jährige im Hintergrund an diesem Schritt gearbeitet. Bislang war er als Nachfolger des RWE-Aufsichtsratschefs Manfred Schneider gehandelt worden, doch diese Pläne dürfte er nun ad acta legen.

Dass er durch den Wechsel Ende Mai 2012 weniger verdienen wird als bisher, ist aus Achleitners Sicht kein Hindernis: Er hat in seiner bisherigen Karriere genug verdient, um sich finanziell unabhängig zu machen.

Aus seinem Umfeld ist zu hören, dass er schon länger für sich entschieden hat, lieber Aufsichtsratschef als Vorstandschef werden zu wollen. So entkommt er der Tretmühle des operativen Geschäfts, kann seine diplomatischen Fähigkeiten weiter ausbauen – und hat mehr Zeit für seine Frau und seine beiden Kinder.