Bosch-Chef Fehrenbach

"Von der Leyens Frauenquote ist weltfremd"

Im Kampf um Fachkräfte brauchen Firmen jede Frau, sagt Bosch-Chef Fehrenbach. Eine Quote sei gerade in der Ingenieursbranche unsinnig.

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Franz Fehrenbach residiert ein ganzes Stück außerhalb Stuttgarts, am Rande des beschaulichen Dörfchen Gerlingen inmitten von Wäldern. Man könnte meinen, der Bosch-Chef betrachtet vom Sitz des Unternehmens die wirtschaftlichen Beben in Europa mit einem gewissen Abstand, aber das ist falsch – Fehrenbach ist mittendrin im Euro-Hexenkessel.

Das Unternehmen mit knapp 260 Standorten in mehr als 50 Ländern ist der größte Automobilzulieferer der Welt. Knickt die Konjunktur ein, dann sieht Fehrenbach das als einer der ersten Manager in seinen Zahlen. Denn wenn die Auftragseingänge nachlassen, stoppen die Autohersteller als Erstes die Bestellungen für Teile.

Lange war Fehrenbach trotz Euro-Krise optimistisch. Er bleibt für Bosch auch bei seiner Prognose, das Unternehmen werde in diesem Jahr 50 Milliarden Umsatz schaffen. Doch ohne Schuldenbremsen in den Staaten, rigide Sparpolitik und schärfere Bankenaufsicht sieht er für die Euro-Zone schwarz.

Morgenpost Online: Herr Fehrenbach, die Euro-Krise schwelt unvermindert weiter, kaum jemand blickt mehr durch. Wie geht es Ihnen?

Franz Fehrenbach: Im Sommer hatte ich davor gewarnt, eine Krise herbeizureden – aus Sorge, dass das irgendwann auf die Stimmung der Konsumenten durchschlägt. Nachdem die Euro-Staaten im Juli ein großes Paket geschnürt hatten, bestand gute Hoffnung, dass sich die Finanzmärkte wieder beruhigen würden. Aber das Gegenteil ist der Fall. Das Chaos ist größer geworden und damit auch die Krise. Inzwischen befürchte ich daher, dass die Krisenstimmung die Nachfrage beeinträchtigt. Wir können heute eine Rezession nicht mehr ausschließen, wenn die Menschen weiter so verunsichert werden.

Morgenpost Online: Stimmungen als Grund für eine Rezession?

Franz Fehrenbach: Ja, das ist ein psychologischer Effekt. Die wirtschaftlichen Rahmendaten sind nach wie vor gut. Die Schwellenländer werden weiter wachsen – wenn auch gedämpft, weil sie die Inflation in den Griff bekommen müssen. Osteuropa fängt an, sich wirtschaftlich zu erholen. Zudem werden die Energiewende oder der Ausbau von Infrastruktur für investiven Schub sorgen. Das heißt, es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die stabilisierend wirken. Wir müssten nicht in eine Rezession geraten.

Morgenpost Online: Wer sorgt für diese Verunsicherung? Die Märkte? Die Politik?

Franz Fehrenbach: Die Ursache liegt darin, dass über Jahre zu viel Geld ausgegeben und über die Verhältnisse gelebt wurde. Europa steckt in einer riesigen Schuldenkrise, und die Politik tut sich schwer, diese Situation in den Griff zu bekommen. Derzeit ist die Schuldenkrise in Europa – wie der G-20-Gipfel gezeigt hat – das wohl größte Problem weltweit. Dahinter können sich sogar die USA verstecken.

Morgenpost Online: Das Krisenmanagement seit Beginn der Euro-Krise vor zwei Jahren hat also nichts gebracht?

Franz Fehrenbach: Offenbar nicht. Die bisherigen Einzelentscheidungen, die von den Politikern gefällt wurden, haben allesamt nicht den Kern der Probleme getroffen. Die nötigen Schritte waren nicht mutig genug, die richtigen Hebel wurden nicht angesetzt. Andernfalls würde doch eine Schuldenbremse in den Verfassungen der Euro-Länder längst verankert sein, andernfalls lägen doch auch bereits Pläne vor, wie die Länder ihre Schuldenberge stufenweise reduzieren könnten.

Morgenpost Online: Was muss jetzt passieren, damit sich die Situation wenigstens entspannt?

Franz Fehrenbach: Bislang hatte ich mich immer dafür ausgesprochen, Griechenland in der Euro-Zone zu halten . Doch angesichts der jüngsten Ereignisse halte ich es für wichtiger, die Währungsunion zu schützen, als Griechenland mit aller Macht in der Euro-Zone zu halten. Jetzt müssen rasch Lösungen gefunden werden. Und es ist höchste Zeit, dass man sich mit Ländern wie Italien beschäftigt. Die Regierung in Rom, unter welcher Führung auch immer, muss einen konsequenten Sparkurs einschlagen, damit das Land von seinem Schuldenberg herunterkommt. Und die Maßnahmen müssen auch von neutraler Stelle überwacht werden.

Morgenpost Online: Besteht nicht die Gefahr, dass eine Pleite Griechenlands die gesamte Euro-Zone erschüttert?

Franz Fehrenbach: Griechenland hat ein jährliches Bruttoinlandsprodukt von 230 Milliarden Euro – die gesamte Wirtschaftsleistung der 27 EU-Mitgliedsländer dagegen beträgt zwölf Billionen Euro. Wir reden hier von weniger als zwei Prozent der Wirtschaftskraft der Europäischen Union. Man sollte also das Problem Griechenland nicht überbewerten. Ich glaube auch nicht, dass die mehr als 300 Milliarden Euro originären Schulden, die Griechenland hat, wirklich ein Problem für Europa sind. Vielmehr stellen sich doch folgende Fragen: Um wie viel haben sich diese 300 Milliarden inzwischen vervielfacht? Welche systemrelevanten Banken wären betroffen, wenn diese Schulden nicht zurückgezahlt würden? Und wie würde sich das auf die Finanzsysteme anderer Euro-Länder auswirken? Das macht die Märkte und natürlich auch die Politiker so nervös.

Morgenpost Online: Vielleicht hätte nicht nur Griechenland, sondern auch Deutschland ohne den Euro weniger Probleme.

Franz Fehrenbach: Das sehe ich anders. Wir brauchen den Euro. Mit der Gemeinschaftswährung haben wir einen starken Binnenmarkt geschaffen. Das ist die Basis für das Gewicht, das Europa im Vergleich zu den anderen großen Wirtschaftsregionen in der Welt hat. Für sich genommen sind die einzelnen Euro-Staaten allesamt kleine Player. Aber das bringt mich auf das Thema: Warum gibt es die europäische Idee heute eigentlich noch? Welches Wertegerüst steckt hinter der Europäischen Union?

Morgenpost Online: Sagen Sie’s uns.

Franz Fehrenbach: Bei Gründung der EU gab es klare Ziele: Frieden und Freiheit. Aber erklären Sie heute mal jungen Menschen, dass sie dafür Opfer bringen sollen.

Morgenpost Online: Das dürfte schwer sein – Frieden und Freiheit klingt für viele Menschen in der Bundesrepublik vermutlich einfach selbstverständlich. Und ein wenig theoretisch.

Franz Fehrenbach: Wir müssen künftig viel mehr um Europa werben und die Vorzüge, die uns die Europäische Union bietet, deutlicher hervorheben. Dies wurde in der Vergangenheit vernachlässigt. Es gibt doch ganz praktische Nutzen: Reisefreiheit, die man so früher nicht hatte, die Möglichkeit zum interkulturellen Austausch. Und was auf den ersten Blick auch gern übersehen wird: Ein einiges Europa stärkt die Demokratien, sorgt für stabile Verhältnisse, bringt Wohlstand?…

Morgenpost Online: …und schafft für die Wirtschaft Absatzmärkte. Wie läuft es derzeit bei Bosch in Griechenland? Sie sind dort mit Siemens durch das Gemeinschaftsunternehmen BSH engagiert.

Franz Fehrenbach: Es ist schwierig. Die Rahmenbedingungen beeinträchtigen eine wettbewerbsfähige Produktion im Land. Die Löhne müssen runter, vor allem die Lohnnebenkosten. Was allein an staatlichen Renten gezahlt wird, steht in keinem Verhältnis zu anderen europäischen Ländern. Deshalb ist Griechenland im Augenblick für Investoren nicht sonderlich attraktiv. Wir sind da, und wir werden dort bleiben. Aber bei den gegenwärtigen Bedingungen würden wir kein Werk mehr dort bauen.

Morgenpost Online: Also wird sich Bosch an der Investitionsoffensive deutscher Firmen, die der Bundeswirtschaftsminister jüngst angeregt hat, nicht beteiligen?

Franz Fehrenbach: Man muss ganz anders an das Thema rangehen. Mit Sparen und Finanzhilfen allein ist es nicht getan, wir brauchen einen europäischen Marshall-Plan, um Griechenland wieder auf die Beine zu bekommen. Sollte man sich beispielsweise für einen Ausbau der Fotovoltaik entscheiden, was sich ja in Griechenland lohnen würde, dann sollten die Firmen, die diese Anlagen aufstellen, auch vor Ort produzieren. Da würden wir mitmachen. Aber zu verlangen, dass Bosch in Griechenland irgendwelche Zulieferteile für die Autoindustrie produziert, und das im Wettbewerb zu Standorten wie Polen, Ungarn oder Rumänien, ist derzeit völlig unrealistisch.

Morgenpost Online: Wie lang plagt uns die Krise noch?

Franz Fehrenbach: Mindestens zehn Jahre, bis die Staatshaushalte wieder einigermaßen konsolidiert sind.

Morgenpost Online: Sind Vorboten des Abschwungs bei Bosch schon angekommen?

Franz Fehrenbach: Ich sehe noch keinen deutlichen Abschwung, aber es gibt bereits leicht abnehmende Auftragseingänge.

Morgenpost Online: Wo?

Franz Fehrenbach: In Europa durch die Schwäche in den südeuropäischen Märkten und in den USA. Dort hat die Konjunktur nicht wie gewünscht gezündet, das Land weist weiterhin ein enttäuschend geringes Wachstum auf. Und in China wird dieses Jahr die Zahl der Autos voraussichtlich nur noch um drei Prozent steigen. Das Wachstum dort wird von der Regierung gezielt gebremst.

Morgenpost Online: Sie haben in der Krise 2009 vor der Kurzarbeit gewarnt, während andere Konzernbosse voll des Lobes waren.

Franz Fehrenbach: Das stimmt so nicht. Ich habe angemerkt, dass Kurzarbeit nicht die alleinige Rettung gewesen ist. Genauso wichtig wie die Kurzarbeit war, dass die Sozialpartner im Vorfeld wirklich gute Tarifverträge abgeschlossen hatten – und zwar mit Weitsicht bereits im Vorfeld einer solchen Krise. Die Möglichkeit, Arbeitszeiten zu reduzieren und das Bruttoeinkommen proportional anpassen zu können, hat uns sehr geholfen, unsere Kosten in der Krise unter Kontrolle zu halten und die Arbeitsplätze zu erhalten.

Morgenpost Online: Nun sagt Gesamtmetall-Chef Martin Kannegießer, die Politik solle sich auf eine Rezession vorbereiten und darauf einstellen, das auslaufende Kurzarbeiterprogramm zu reaktivieren.

Franz Fehrenbach: Da hat er recht. Wir machen uns auch stark dafür, dass man eine Regelung findet, damit die Unternehmen relativ ? kurzfristig das bewährte Instrumentarium nutzen können.

Morgenpost Online: Ein Konzept gegen die Schuldenkrise lautet schlicht: sparen. Würde aber ein rigider Sparkurs die Probleme nicht verschärfen, weil die öffentliche Hand Investitionen abbläst?

Franz Fehrenbach: Sparen müssen wir auf alle Fälle. Allerdings ist es durchaus sinnvoll, auch in Sparphasen zu investieren – zum Beispiel gezielt in Zukunftsprojekte und in Infrastruktur. Über Sparen allein schafft man keine Trendwende, da braucht man ein Langfristprogramm.

Morgenpost Online: Sie haben Hedgefonds und andere Finanzmarktakteure attackiert und gefordert, sie in die Schranken zu weisen. Wie soll das geschehen?

Franz Fehrenbach: Sämtliche Finanzgeschäfte müssten unter Aufsicht passieren und transparent sein. Es gibt immer noch die Möglichkeit, Finanzgeschäfte außerhalb der Börse und der Aufsichtsbehörden abzuwickeln. Das muss verboten werden. Und hochriskante Finanztransaktionen sollten mit einer anderen Eigenkapitalquote hinterlegt werden müssen als das normale Bankgeschäft. Die Forderung nach einer pauschalen Kernkapitalquote von neun oder zehn Prozent geht an der Sache vorbei.

Morgenpost Online: Wenn man immer nur den Bankern die Verantwortung für Krisen zuschiebt, macht man sich es aber zu einfach, oder?

Franz Fehrenbach: Das grundsätzliche Problem ist sicherlich, dass die Staaten zu viel Geld ausgegeben haben. Geld, das sie nicht hatten. Aber die Banken haben genau analysiert, wie sie mit den entsprechenden Finanzprodukten Kapital aus den steigenden Schuldenbergen schlagen können. Ich wäre daher dafür, dass es für Banken wie in der Industrie Kontrollen für neue Produkte gibt, eine Art TÜV für Finanzprodukte.

Morgenpost Online: Können Sie die Occupy-Bewegung verstehen, den Protest der Menschen auf der Straße gegen das Treiben der Banker und Regierungen?

Franz Fehrenbach: Ich warne davor, dass diese Finanzkrise zu einer Vertrauens- und damit zu einer Demokratiekrise auswachsen kann. Die Occupy-Bewegung ist ein Anzeichen dafür. Deshalb sollte man Proteste dieser Art sehr ernst nehmen. Das Ringen um die richtigen Entscheidungen darf aber nicht auf der Straße ausgetragen werden. Das können wir nicht brauchen.

Morgenpost Online: Eine Vertrauenskrise gibt es doch längst. Hat die nicht auch den Wutbürger hervorgebracht?

Franz Fehrenbach: Wenn Sie auf den Protest gegen Stuttgart 21 anspielen, glaube ich nicht, dass man das mit der Schulden- und Euro-Problematik verknüpfen kann. Im Fall des Stuttgarter Bahnhofs geht es darum, dass eine Gesellschaft ihr hohes Lebensniveau halten will und nicht mehr bereit ist, große Änderungen zu akzeptieren. Nach dem Motto: Mir reicht der derzeitige Bahnhof. Wenn unsere Vorfahren so gedacht hätten, hätte es keine Investitionen in die Zukunft, keinen Fortschritt gegeben.

Morgenpost Online: Nun regiert im Kernland von Bosch eine grün-rote Landesregierung, deren Ministerpräsident – was Stuttgart 21 angeht – wie der Teufel gegen den Fortschritt kämpft. Haben sich die Grünen als jenes Schreckgespenst erwiesen, für das man sie bisweilen in der Wirtschaft hält?

Franz Fehrenbach: Ich teile nicht alle Ziele der Landesregierung, aber es gibt Bereiche, da denken wir in dieselbe Richtung.

Morgenpost Online: Und die wären?

Franz Fehrenbach: Bildung, Forschung oder die Frage, wie man die Energiewende angeht.

Morgenpost Online: Das hört sich harmonisch an.

Franz Fehrenbach: Es gibt natürlich auch unterschiedliche Ansichten, zum Beispiel beim Thema Straßenbau. Angesichts des Verkehrsaufkommens in Baden-Württemberg zu sagen, wir bauen die Infrastruktur nicht weiter aus, halte ich nicht für richtig.

Morgenpost Online: Energiewende klingt gut, dann hören die Anti-Atom-Kundgebungen endlich auf. Dafür kriegen wir dann Massendemos gegen den nötigen Ausbau der Stromnetze.

Franz Fehrenbach: Man kann die Atomenergie durch regenerative Energien ersetzen, aber dafür ist tatsächlich ein erheblicher Netzausbau nötig. Das ist allerdings nur ein Teil der Frage, ob wir ausreichend viel Energie zur Verfügung haben. Genauso wichtig, aber deutlich problematischer ist die lückenlose Versorgung mit Strom. Eine Lösung wird in einer dezentralen Energieversorgung liegen, das kann den aufwendigen Ausbau von Überlandnetzen zum Teil begrenzen.

Morgenpost Online: Also für jede Fabrik ein eigenes Kraftwerk?

Franz Fehrenbach: Warum nur für Fabriken? Wenn man das Energiehaus wirklich fördert, könnten manche Wohngebiete fast zu Selbstversorgern werden. Wenn man die richtige Wärmepumpe im Haus hat, eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach und einen vernünftigen Speicher im Keller anstelle eines Öltanks, könnten Haushalte am Ende sogar Energie ins Netz einspeisen.

Morgenpost Online: Das ist Zukunftsmusik. War der Atomausstieg überstürzt?

Franz Fehrenbach: Nein. Aber wir müssen uns jetzt daranmachen, das neue Energiekonzept zu konkretisieren und umzusetzen. Manche in der Politik glauben, dass eine Sache damit erledigt ist, wenn eine Entscheidung gefällt wurde. Dabei fängt jetzt erst die eigentliche, die inhaltliche Arbeit an. Hier erwarte ich noch deutlichere Aussagen seitens der Politik, das ist bisher nicht ausreichend.

Morgenpost Online: Wie viel Industrie ist, unabhängig von der Energieversorgung, dauerhaft in Deutschland zu halten?

Franz Fehrenbach: Unsere Mitarbeiterzahl in Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 20.000 gestiegen. Technologisch führende Produkte werden wir weiterhin in Deutschland entwickeln und die Fertigung hier anlaufen lassen. Wenn die Nachfragevolumina eine entsprechende Grenzgröße erreicht haben, bauen wir eine Produktion in Niedriglohnländern auf. Für uns stellt sich die alte Frage gar nicht mehr, ob wir Beschäftigung aus Deutschland verlagern. Wir setzen auf Leitwerke in Deutschland, die technologisch führend sind und die neueste Entwicklungen machen – mit sicheren Jobs. Dadurch wird die Zahl der Stellen in Deutschland auch in Zukunft zumindest stabil bleiben. Richtig ist allerdings, dass wir immer mehr Höherqualifizierte suchen und die einfachen Jobs in Fertigung und Montage weniger werden.

Morgenpost Online: Die deutschen Konzernchefs klagen laut, dass es immer schwieriger sei, diesen Nachwuchs hierzulande zu finden. Wie lange kann Deutschland angesichts dieser Herausforderung seinen technologischen Vorsprung noch halten?

Franz Fehrenbach: Wir können ihn halten, wenn es uns in der Breite gelingt, das Technikinteresse bei den Kindern und Jugendlichen zu wecken.

Morgenpost Online: Noch finden Sie also genügend geeigneten Nachwuchs?

Franz Fehrenbach: Bosch genießt als Arbeitgeber einen guten Ruf. Daher können wir qualifizierten Nachwuchs für uns gewinnen. Aber es gibt einzelne Segmente, beispielsweise in der Leistungselektronik oder in bestimmten Softwaregebieten, da ist es eng auf dem Arbeitsmarkt.

Morgenpost Online: Da ist es naheliegend, verstärkt auf Frauen zu setzen.

Franz Fehrenbach: Wir brauchen jede Frau. Aber natürlich brauchen wir immer die besten Kandidaten für eine Aufgabe. Wenn Sie da nicht gezielte Frauenförderung betreiben, dann ist dies regelmäßig ein Mann. Aber wir haben das Thema erkannt und die entsprechenden Maßnahmen ergriffen. Bei Bosch waren Mitte der 90er-Jahre drei Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt, heute sind wir bei knapp zehn Prozent, und wir haben uns ein sehr ambitioniertes Ziel gesetzt: Ende 2012 sollen es 15 Prozent sein.

Morgenpost Online: Dann liegt noch viel Arbeit vor Ihnen. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will bis 2018 eine Frauenquote von 30 Prozent bei Vorständen und Aufsichtsräten …

Franz Fehrenbach: … was gelinde gesagt weltfremd ist . Nehmen Sie Bosch, ein Technologieunternehmen. So viele weibliche Studenten gehen in den für uns wichtigen Fachrichtungen doch gar nicht von den Universitäten ab. Beim besten Willen lassen sich vor diesem Hintergrund die angesprochenen Quoten nicht erfüllen. Vor allem würde eine festgelegte Quote bedeuten: Sie müssen Positionen mit Frauen besetzen. Daimler-Chef Dieter Zetsche hat treffend gefragt: Und was mache ich mit den ganzen Männern, die heute diese Stellen besetzen? Noch ein weiterer Punkt ist mir wichtig: Eine Organisation stößt häufig Führungskräfte, die von außen kommen, ab. Mir tun die Frauen leid, die aufgrund der Quote jetzt in irgendwelche Positionen kommen und dann von ihrer Organisation nicht getragen werden, also ein Fremdkörper bleiben.

Morgenpost Online: Was wäre die Alternative zur Quote?

Franz Fehrenbach: Eine Selbstverpflichtung der Unternehmen. Man muss einen verbindlichen Plan einfordern, wie sie das Thema behandeln wollen und welche Ziele sie sich setzen. Damit sollte auch eine Berichtspflicht verbunden werden.

Morgenpost Online: Ist nicht ein ganz zentraler Punkt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Franz Fehrenbach: Absolut. Daher starten wir beispielsweise auch ein Projekt, bei dem es darum geht, dass man einen bestimmten Anteil der Wochenarbeitszeit nicht am Arbeitsplatz ist, sondern zum Beispiel von zu Hause aus arbeitet.

Morgenpost Online: Das wäre doch auch was für Sie: zu Hause ganz in Ruhe arbeiten.

Franz Fehrenbach: (lacht) Ich habe hier im Büro genug Ruhe. Aber es gibt viele Mitarbeiter, die diese Idee interessant finden und mitmachen wollen. Wir hatten uns vorgenommen, 125 Führungskräfte für dieses Projekt zu finden. Am Ende waren es mehr als 200 – das fand ich richtig gut. Wir sind, was neue Arbeitszeitmodelle angeht, auf einem guten Weg. Wir werden immer flexibler. Inzwischen wird die Elternteilzeit bei uns von 30 Prozent der Väter in Anspruch genommen.

Morgenpost Online: Noch einmal zurück zum grünen Ministerpräsidenten. Der hat kritisiert, die Industrie im Ländle setze zu sehr auf Premium-Automobile ...

Franz Fehrenbach: Das Zitat muss man in dem Zusammenhang sehen, in dem es gemacht wurde. Grundsätzlich ist es so, dass sich innovative Entwicklungen über die Premiumklasse durchsetzen. Das gilt auch für umweltfreundliche Technologien. Schon deshalb ist die Premiumklasse so wichtig für uns. Wir sind darüber mit der Landesregierung im Dialog.

Morgenpost Online: Elektroautos sind teuer und werden es bleiben. Kann man Wasserstoff- oder Batteriewagen je zu einem Preis für den Massenmarkt produzieren?

Franz Fehrenbach: Das sehe ich erst 2025, vorher nicht. Entscheidend sind die Kostendegression und die technologischen Entwicklungsgeschwindigkeiten.

Morgenpost Online: Wird das Thema Elektromobilität die Autobranche umkrempeln? Bosch beginnt, Motoren zu bauen, das war bislang die Domäne der Autohersteller.

Franz Fehrenbach: Da werden Sie in den nächsten Jahren die unterschiedlichsten Konstellationen der Zusammenarbeit sehen. Volkswagen setzt stark auf Eigenentwicklung, was aufgrund der hohen Stückzahlen sinnvoll sein kann. Andere schließen sich zusammen, um die geringen vorhandenen Volumina zu bündeln. Das sehen Sie etwa bei der Zusammenarbeit von BMW und PSA oder von Automobilherstellern und Zulieferern wie Daimler und uns. Manche bisherigen Strukturen, wie wir sie kennen, werden sicher aufgebrochen. Das ist ein Prozess über einen längeren Zeitraum.

Morgenpost Online: Dass ein Mercedes einen Motor hat, der nicht von Daimler ist, sondern zum Teil vom Zulieferer Bosch, war lange undenkbar. Wollen Sie noch mehr, wird Bosch Autohersteller?

Franz Fehrenbach: Ich kann alle beruhigen: Wir werden keine Autos bauen.

Morgenpost Online: Aber das Herz des künftigen Elektromobils, der Motor, der Gleichrichter, die werden von Zulieferern kommen.

Franz Fehrenbach: Sie dürfen einen Elektromotor vom technischen Aufwand und daher seiner Bedeutung her nicht mit einem Verbrennungsmotor vergleichen. Aber es ist richtig: Ein großer Teil wird von Zulieferern kommen. Wenn Sie sich heute ein Fahrzeug anschauen, dann machen Elektrik und elektronische Bauteile etwa 40 Prozent der Wertschöpfung aus, und das kommt in aller Regel von den Zulieferern. Beim Elektroauto steigt dieser Anteil auf 75 Prozent.