Deutsche Bahn

Im Winter droht erneut Chaos auf der Schiene

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Nikolaus Doll

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Zwar wurden die neuen Regionalzüge zugelassen, doch die Bahn will sie nicht. Ohne Reserven droht im Winter neues Chaos bei der Bahn.

Es müssen 45 quälende Minuten gewesen sein, die die Spitzenmanager der Deutschen Bahn (DB) und des Schienentechnikherstellers Bombardier durchlebt haben. Sie waren zur Telefonkonferenz mit Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) geladen, und der wurde dabei "ziemlich deutlich", wie ein Teilnehmer berichtet.

"Er hat beiden Seiten ordentlich den Kopf gewaschen." Dabei war das Hauptproblem mit den Regionalzügen, das die Bahn, Bombardier und das Ministerium seit Monaten in Atmen hält, eigentlich vom Tisch – so zumindest schien es.

Die Züge, die die Bahn 2007 bestellt hat sind endlich fertig und sogar amtlich zugelassen – mit jahrelanger Verspätung. Nun aber will sie der DB-Konzern nicht mehr so ohne weiteres übernehmen. Zwar seien die Züge nun betriebssicher, dennoch gebe es weiterhin eine lange Mängelliste. Und es handele sich um mehr als Schönheitsfehler.

Ohne die Züge droht aber ein neues Schienenchaos im Winter wenn der erneut kalt und schneereich wird. Es wurde bedeuten, dass die DB im Regioverkehr bei kältebedingten Ausfällen ohne Reserven dasteht. Das möchte Ramsauer um jeden Preis verhindern. "Der Minister will, dass das Thema bis 1. Dezember endgültig abgeräumt ist", hieß es im Anschluss an den Krisengipfel.

Ende Oktober hatte das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) nach monatelangem Prüfen und Verhandeln endlich den ersten der insgesamt rund 300 von der Bahn georderten Zügen vom Typ Talent 2 die Betriebserlaubnis erteilt. Eigentlich sollten die Regiobahnen schon 2009 rollen, aber immer neue Probleme bei der Produktion führten dazu, dass das EBA die Zulassung verweigerte. Dutzende der grundsätzlich fertigen Züge rostet daher seit Monaten auf Halden rund um Berlin vor sich hin.

Bahn spricht von zahlreichen Mängeln

Inzwischen wurden sie von Bombardier so nachgearbeitet, dass sie mit der bestellten Spitzengeschwindigkeit von Tempo 160 fahren dürfen. An den Bremsen hatten die Techniker unter anderem nachgebessert und an der Software, die die Züge steuert. "Der Talent ist nun jederzeit abrufbar", erklärte ein Bombardier-Sprecher daraufhin diese Woche. 42 Züge für das Nürnberger S-Bahn-Netz und weitere acht für die Moseltalbahn könnten kurzfristig in den Regelbetrieb gehen. Bei der Bahn sieht man das anders.

Dort spricht man von "Fortschritten". Und von weiterhin zahlreichen Mängeln, die Bombardier beseitigen müsse. "Die Züge standen zum Teil bis zu zwei Jahre ungenetzt auf Halde, die kann man nicht einfach anknipsen und dann losfahren", sagt ein DB-Manager. Die Bahnen müssten grundüberholt werden, wie neu sein, wenn der DB-Konzern sie übernimmt. Schließlich zahle man für fabrikneue Fahrzeuge. Die Bereitschaft zu Kompromissen bei der Bahn ist inzwischen gering. "Eigentlich sollten wir in diesem Jahr 178 Talent geliefert bekommen. 50 Stück ist ohnehin nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt der DB-Manager.

In den letzten Stunden vor dem Krisengipfel hatte die DB den Druck auf Bombardier noch einmal erhöht. Man könnte die Züge pünktlich zum Winterfahrplan einsetzen, aber nur im Rahmen einer Nutzungsüberlassung, schlug man vor. Das heißt, die Bahn würde die Züge vorerst nur leasen bis alle Wünsche erfüllt sind.

Ramsauer machte bei der EBA Druck

Bombardier würde also weiterhin nicht den vollen Kaufpreise bekommen, und das will der Schienentechnikkonzern natürlich verhindern. Ohnehin haben die Patzer beim Talent 2, der vor Jahren als das neue Rückgrat des deutschen Regionalverkehrs gefeiert wurde, das Unternehmen Millionen gekostet und eine ganz Reihe von Managern aus der zweiten Reihe verschlissen.

Minister Ramsauer hatte der Bahn lange den Rücken gestärkt. Die Industrie müsse liefern, pünktlich und einwandfreie Ware, hatte der CSU-Politiker gepoltert. Seit Februar steht das Thema auf seiner Bahn-Agenda ganz oben.

Ramsauer rügte Bombardier wiederholt und machte dem EBA mächtig Dampf. Gegen die Behörde waren Vorwürfe laut geworden, sie bremse den Zulassungsprozess. Nun aber hat Ramsauer auch mit dem Staatskonzern DB die Geduld verloren. Es sei nun angesichts des heranrückenden Winters nicht mehr die Zeit, über Mängelchen und Schönheitsfehler zu debattieren.

"Wenn der ein oder andere Zug ein paar Kratzer hat, ist das kein Drama und kein Grund mehr, die Bahnen nicht endlich abzunehmen", heißt es aus dem Umfeld des Ministers. "Den Kunden ist es am Ende wurst, ob da ein blankpolierter Zug kommt. Hauptsache, es kommt einer."