Nach Skandalen

Lebensmittelbranche attackiert Verbraucherschützer

Hersteller wollen nicht länger der Prügelknabe von Organisationen wie Foodwatch sein. Der BVE-Vorsitzende Abraham weist Skandal-Vorwürfe zurück.

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Die internationale Ernährungswirtschaft trifft sich ab Samstag auf der Branchenleitmesse Anuga in Köln. Knapp 6600 Aussteller präsentieren dort die neuesten Trends rund ums Essen und Trinken. Bei der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) ist man froh, dass damit die Innovationskraft der Branche in den Fokus rückt. Denn in den vergangenen Monaten waren es vornehmlich Skandale, mit denen die Branche in den Schlagzeilen stand, mit Themen wie Ehec und Dioxin. Im Interview erklärt der BVE-Vorsitzende Jürgen Abraham, warum er diese Darstellung für den eigentlichen Skandal hält.

Morgenpost Online: Herr Abraham, der Dioxin-Skandal ist neun Monate her, Ehec ganze fünf Monate – wann kommt der nächste Lebensmittelskandal?

Jürgen Abraham: Wir arbeiten dran. Es macht ja auch so viel Sinn, die eigenen Kunden zu vergiften. So wie die Lufthansa am liebsten ohne Passagiere fliegt.

Morgenpost Online: Diese Ironie klingt verbittert. Wie lebt es sich in der Rolle des Bösen?

Abraham: Ganz ehrlich? Die Branche hat es satt, immer der Prügelknabe zu sein. Zumal Lebensmittel in Deutschland noch nie so sicher waren wie heute. Und ich kann das sagen, ich bin seit 40 Jahren in der Branche. Aber einige vermeintliche Verbraucherschutzorganisationen leben halt davon, Dinge aufzubauschen und zu skandalisieren. Das ist deren Geschäftsmodell.

Morgenpost Online: Vermeintliche Verbraucherschützer?

Abraham: Ich habe großen Respekt vor den Verbraucherschutzzentralen der Bundesländer und dem Verbraucherzentrale Bundesverband. Die sind in meinen Augen demokratisch legitimiert und haben eine wichtige Aufgabe. Für die selbsternannten Schutzorganisationen wie Foodwatch, Peta oder Greenpeace dagegen gilt das nicht.

Von denen werden Sachverhalte völlig überzogen dargestellt, Einzelfälle zu einer verallgemeinernden Skandalisierung genutzt und dann geschäftsmäßig vorgetragen. Leider fällt die Politik immer wieder auf das Geschrei herein und lässt sich zu Reaktionen wie dem Internetpranger „Lebensmittelklarheit“ hinreißen. Das ist enttäuschend. Die Branche fühlt sich von der Politik im Stich gelassen.

Morgenpost Online: Warum? Hat die Politik nicht eine Fürsorgepflicht für den Verbraucher?

Abraham: Selbstverständlich – indem sie den rechtlichen Rahmen setzt und kontrolliert, ob die Wirtschaft ihn einhält. Was wir übrigens tun. Alle Produkte, die auf den Markt kommen, entsprechen Recht und Gesetz. Zudem steht auf jeder Verpackung eine Zutatenliste, in der genau aufgeführt ist, was in einem Lebensmittel drin ist. Legale Täuschungen wie sie bei „Lebensmittelklarheit“ aufgelistet werden sollen, kann es nicht geben.

Entweder ist etwas legal oder es ist illegal. Mit der Plattform stellt der Staat letztlich seine eigenen Regelungen infrage. Subjektives Empfinden Einzelner wird durch beifällige Kommentare der Plattformbetreiber zum Maßstab für das erhoben, was rechtens sein soll. Ich halte das für sehr gefährlich. Zum einen wird das Recht der Beliebigkeit preisgegeben, zum anderen können damit Existenzen zerstört werden, noch dazu mit staatlichen Fördergeldern.

Die Politik muss vernünftige, den Verbraucher wirksam schützende Rahmenbedingungen setzen, die der Industrie aber auch Luft lassen. Dazu gibt es transparente rechtliche Verfahren, Politik via Internetplattform ist eine Bankrotterklärung des Rechtsstaates. Wir setzen auf die mündigen Verbraucher. Wenn ein Kunde sich betrogen fühlt oder ihm Produkte nicht schmecken, kauft er sie nicht ein zweites Mal. Im Übrigen gibt es eine effiziente staatliche Lebensmittelkontrolle.

Morgenpost Online: Dass es regelmäßig Skandale gibt, ist doch unstreitig.

Abraham: Da muss ich gegenfragen: Sind das denn auch wirklich Skandale der Ernährungsindustrie? Ehec war kein Skandal, sondern eine schreckliche Tragödie mit 50 Toten und Hunderten Schwerkranken. Und beim Dioxin war kriminelle Energie in einem Unternehmen auf einer Vorstufe der Auslöser. Letztlich ist der Fall ja sogar noch durch Eigenkontrollen der Wirtschaft aufgedeckt worden.

Verstehen Sie mich nicht falsch, es gibt in der Branche sicherlich auch schwarze Schafe, so wie überall. Mittlerweile wird in der Öffentlichkeit aber von interessierter Seite ganz bewusst das Bild erzeugt, die komplette Branche sei kriminell. Dieser Generalverdacht verunsichert völlig zu Unrecht die Verbraucher und diffamiert unsere Industrie in übelster Weise. Diese Anfeindungen werden wir uns künftig nicht mehr bieten lassen.

Morgenpost Online: Was wollen Sie dagegen tun?

Abraham: Wir starten eine Informations- und Kommunikationsoffensive, und zwar nicht allein als Lebensmittelindustrie, sondern gemeinsam mit dem der gesamten Wertschöpfungskette von den Bauern, über das Handwerk bis hin zum Lebensmittelhandel. Wir werden wissenschaftlich basiert über die Produktion und Distribution von Lebensmittel informieren und unsere Leistung für die Gesellschaft allgemeinverständlich darstellen.

Morgenpost Online: Was wissen die Verbraucher denn noch nicht?

Abraham: Wir haben nichts zu verbergen. Und das werden wir deutlich machen. Es geht dabei nicht um Werbung , wir wollen nur unsere Arbeit darstellen. Denn viele wissen heute gar nicht mehr, wie ein Kalb geschlachtet oder ein Fisch ausgenommen wird. Es ist eine Errungenschaft unserer Gesellschaft, dass alles immer und nahezu unbegrenzt verfügbar ist. Man kann an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr Lebensmittel einkaufen. Und dennoch wird die Arbeit der Ernährungswirtschaft nicht wertgeschätzt.

Morgenpost Online: Hat die Lebensmittelindustrie ein Imageproblem?

Abraham: Von Problem würde ich nicht sprechen. Denn trotz des allgemeinen Fachkräftemangels in Deutschland finden wir nach wie vor genügend Nachwuchs. Fakt ist aber auch, dass die Branche nicht gerade beliebt ist, ähnlich wie zurzeit wohl die Atomindustrie. Gleichzeitig werden die günstigen Preise, für die wir gemeinsam mit dem Handel sorgen, gerne angenommen. Gehen Sie mal im Ausland im Supermarkt einkaufen. Da reiben Sie sich die Augen über den Preisunterschied zu Deutschland. Nirgends sind gute Lebensmittel so günstig wie in der Bundesrepublik.

Morgenpost Online: Wie groß sind bei den exportierenden Unternehmen die Sorgen wegen der aktuellen Euro-Schuldenkrise?

Abraham: Sorgen haben derzeit vor allem die exportierenden Firmen. Wer Kunden in den EU-Krisenländern hat, sorgt sich natürlich um die Zahlungsfähigkeit seiner Abnehmer. Gefahr besteht aber auch für die Branche insgesamt.

Denn wenn unsere Nachbarstaaten weiter in die Krise rutschen, wird auch die Konjunktur in Deutschland darunter leiden. Bekommt die Europäische Union die Schuldenkrise nicht in den Griff, wird auch die Lebensmittelwirtschaft in Deutschland Schaden nehmen. Wir versuchen uns daher über Exporte nach Asien, Amerika und Russland von den EU-Staaten etwas unabhängiger zu machen. Deswegen ist die Anuga als Schaufenster der Branche auch so wichtig.

Morgenpost Online: Wie entwickeln sich die Preise in den kommenden Monaten?

Abraham: Wir werden Preissteigerungen sehen. Das geht nicht anders, weil die Rohstoffkosten geradezu explodieren. Aktuell sind wichtige Grundmaterialien 50 Prozent teurer als im Vorjahr.

Morgenpost Online: Wie lautet der Ausweg?

Abraham: Wir müssen die Ernteergebnisse steigern und dementsprechend effektiver anbauen. Da es aber kaum neue Flächen geben kann, muss in diesem Zusammenhang auch die Frage erlaubt sein, ob wir in Deutschland Gentechnik weiterhin so vehement ablehnen, ja sogar verteufeln sollten wie bisher. In anderen Ländern sieht man stärker die Vorzüge dieser Technologie. Selbst wenn die Gentechnik nur einen kleinen Beitrag zur weltweiten Ernährungssicherung leisten könnte, muss man bei der Suche nach Lösungen auch diesen Bereich im Auge behalten.

Morgenpost Online: Unterstützung in der Politik werden Sie für diese Position nicht finden.

Klar, weil Populismus einfach und beliebt ist. Umfragewerte scheinen wichtiger als ein verantwortungsbewusster Umgang mit Zukunftsfragen.

Morgenpost Online: Sie sparen nicht mit Kritik an der Politik.

Abraham: So ist nun mal die Stimmungslage in der Branche. Wir wollen, dass die Politik objektiv bleibt und sich nicht wie bislang von NGOs treiben lässt. Teilweise ist es schon haarig, wie die Lebensmittelindustrie gegängelt werden soll und auch schon wird. Immer neue Meldepflichten, die nichts zur Sicherheit beitragen, belasten die Unternehmen, immer wieder ins Spiel gebrachte Werbeverbote sind dafür ein weiteres Beispiel oder auch die jahrelangen Diskussionen um die Lebensmittelampel.

Morgenpost Online: Die Ampelkennzeichnung konnten Sie mit reichlich Lobbyarbeit verhindern.

Abraham: Das hört sich jetzt wieder so negativ an. Fakt ist, dass diese Regelung in keiner Weise sinnvoll ist. Bei einem so komplexen Thema reichen drei Farben nicht aus, um eine sinnvolle Orientierung für Kaufentscheidungen zu geben. Zumal gesunde Lebensmittel wie Olivenöl, Vollkornbrot oder bestimmte Fische ausnahmslos einen roten Punkt bekommen hätten.

Abgesehen davon bin ich mir sicher, dass der Verbraucher ganz genau weiß, was er tut und was er braucht. Die Ernährungsindustrie ist jedenfalls nicht Schuld daran, dass es dicke Menschen gibt. Wer zu viel wiegt, weiß genau warum. Das Problem sind nicht die Lebensmittel, sondern die fehlende Bewegung. Abgesehen davon sind die Regale voll mit fett- und kalorienreduzierten Produkten. Der Verbraucher hat die freie Wahl.

Morgenpost Online: Warum landen so viele Lebensmittel auf dem Müll? Schätzungen zufolge wirft jeder Deutsche jährlich Essen im Wert von 310 Euro weg.

Abraham: Das ist eine bedauerliche Entwicklung. Als Industrie versuchen wir mit kleineren Packungsgrößen gegenzusteuern. Aber das wird uns dann gleich wieder als Versuch ausgelegt, für weniger Ware mehr Geld zu verlangen.

Man darf dabei aber nicht vergessen, dass wir Handlings- und Verpackungskosten haben und der Preis nicht entsprechend der Grammzahl sinken kann. Dass die Verbraucher dann lieber die größere Packung kaufen, das als Schnäppchen ansehen und am Ende die Hälfte wegwerfen, ist nun wirklich nicht die Schuld der Hersteller. Der Kunde kann selbst viel dafür tun, damit weniger Lebensmittel auf dem Müll landen.