Rekapitalisierung

Deutsche Großbanken brauchen 5,2 Milliarden Euro

Die deutschen Geldhäuser wollen sich nicht vom Staat helfen lassen. Die Institute planen, ihre Kapitallücken aus eigener Kraft zu stemmen.

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„Die öffentliche Begleitung war damals wenig motivierend“, erzählt Martin Blessing aus der Zeit, als die Commerzbank den staatlichen Bankenrettungsfonds SoFFin um Hilfe bitten musste. „Ich gehe da nicht noch mal hin“, schickt er bei seinem Besuch des Clubs Hamburger Wirtschaftsjournalisten trotzig hinterher.

Seine Bank werde die von der EU geforderten höheren Kapitalanforderungen ohne den Staat meistern. Er könne ja schließlich auch Beteiligungen verkaufen, Risikopositionen verringern oder bestimmte Kredite nicht verlängern.

Zu diesem Wort wird der Bankchef nun auch nach den Beschlüssen der EU stehen müssen. Während Blessing über die Hamburger Landungsbrücken blickte, beschlossen die EU-Politiker am Mittwochabend, dass die 70 größten europäischen Banken insgesamt 106 Milliarden Euro an frischem Kapital beschaffen sollen. Auf Deutschland entfallen 5,2 Milliarden Euro – allein die Commerzbank muss 2,9 Milliarden Euro stemmen. Daneben sind auch die Deutsche Bank, die NordLB und die LBBW betroffen.

Ackermann will kein Geld vom Staat

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat bereits mehrfach betont, dass er kein Staatsgeld nehmen würde. Noch am Dienstag hatte das Institut bei der Vorlage seiner Quartalszahlen errechnet, dass die Kapitallücke etwa 100 Millionen Euro betragen dürfte und dass man sie aus eigener Kraft schließen könne. Ob diese Angaben mit dem von der EBA errechneten Bedarf übereinstimmen, wollte das Institut an diesem Donnerstag nicht kommentieren.

Die beiden betroffenen Landesbanken waren da klarer: Die LBBW gab bekannt, dass sie einen Kapitalbedarf von 364 Millionen Euro hat, und die NordLB gab eine Lücke von 660 Millionen Euro an.

Errechnet wurde der Bedarf in einem so genannten Mini-Stresstest, bei dem die Europäische Bankenaufsicht (EBA) alle europäischen Staatsanleihen zu Marktwerten angesetzt hat. Unter diesen Bedingungen sollten die Institute zum Stichtag 30.6.2012 eine harte Kernkapitalquote von mindestens neun Prozent vorweisen können.

Um die Lücke zu schließen, haben die Aufseher den Instituten also acht Monate Zeit eingeräumt. Wer es nicht aus eigener Kraft schafft, wird vom Staat nach Ablauf dieser Frist zwangsbeglückt. Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt: Bis dahin sind die Hauptversammlungen abgehalten, auf denen sich die Banken die notwendigen Maßnahmen absegnen lassen können.

Die EBA hat sich nur auf jene Banken konzentriert, die am Stresstest teilgenommen haben. Doch durch die beim EU-Gipfel ausgehandelte Beteiligung privater Gläubiger an einem Schuldenschnitt für Griechenland könnte auch an anderer Stelle Kapitalbedarf entstehen: Dass nun die griechischen Staatsanleihen mit einem Abschlag von 50 Prozent behandelt werden sollen, hat Auswirkungen auf alle Institute in Deutschland.

Griechische Anleihen müssen abgewertet werden

„Wir gehen für alle Banken in Deutschland von einem Abwertungsbedarf auf 50 Prozent des Nominalwertes aus“, sagt Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer (idw) „Morgenpost Online“. Das sei von den Gremien des Instituts bestätigt worden. Die Auswirkungen dieser Empfehlung sind gravierend : Denn sie bedeuten, dass alle Banken ihre Bestände griechischer Staatsanleihen mindestens auf 50 Prozent abwerten müssen.

Die Bilanzsaison der Banken zum dritten Quartal ist bereits angelaufen. Einige Banken werden durch diese Aussagen noch in letzter Minute ihre Bilanzzahlen verändern müssen: „Die aktuellen Beschlüsse müssen zum Stichtag 30. September ihren Niederschlag in den Bilanzen finden“, so Naumann weiter. Betroffen seien dieses Mal nicht nur die Bestände mit Laufzeiten bis 2020, sondern das Gesamtportfolio, so der Wirtschaftsprüfer weiter.

Will ein Institut am Griechenland-Paket nicht teilnehmen, so muss es nach Ansicht der Wirtschaftsprüfer trotzdem die Abwertungen vornehmen. „Niemand kann sich herumdrücken“, so Naumann.

Verluste sind bewältigbar

In den Augen der Experten sind die Abschreibungen auf griechische Staatsanleihen kein großes Problem. „Die Verluste sind lästig, aber bewältigbar“, sagt etwa Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim.

Sparkassen sowie Raiffeisen- und Volksbanken sehen die Gipfelbeschlüsse gelassen. „Die Sparkassen haben kaum griechische Anleihen im Portfolio“, sagt DSGV-Sprecher Stefan Marotzke. Auch die Genossenschaftsbanken seien kaum berührt, heißt es bei ihrem Verband bvr.

In größerem Ausmaß sind jedoch die so genannten „bad banks“ von WestLB und Hypo Real Estate betroffen. Beide haben ihre Engagements bisher nur um 21 Prozent nach unten korrigiert – nun müssen sie den Rotstift nochmals ansetzen. Die Düsseldorfer EAA, in der die toxischen Papiere der WestLB lagern, hat ein Portfolio von 1,1 Milliarden Euro an Griechenland-Anleihen.

Probleme für die HRE

Beim HRE-Ableger FMS Wertmanagement in München liegen sogar 7,2 Milliarden Euro. Eine Korrektur auf 50 Prozent würde einen Milliardenverlust verursachen, der direkt vom Steuerzahler getragen wird. Denn die Abwicklungsanstalt ist mit einer Garantie des staatlichen Bankenrettungsfonds SoFFin ausgestattet.

Die meisten Großbanken haben ihre Bestände bereits auf den Marktwert korrigiert. „Mit Ausnahme der griechischen Banken sind jedoch nicht diese Abschreibungen der Auslöser für den Kapitalbedarf, sondern die höheren Anforderungen an die Eigenkapitalausstattung“, sagt Bankenexperte Stefan Best von der Ratingagentur Standard & Poor’s.

Um der EBA gerecht zu werden, müssen die Großbanken nun einige Anstrengung unternehmen: Sowohl die Commerzbank, als auch LBBW und die NordLB wollen die Kapitalquote aus eigener Kraft stärken. „Wir können die geforderte Kapitalquote zum Beispiel durch den Abbau von Risikoaktiva in Nicht-Kernbereichen, den Verkauf von nichtstrategischen Assets oder einbehaltene Gewinne sicherstellen. Eines ist jedoch klar: Wir haben nicht vor, öffentliche Mittel in Anspruch zu nehmen“, stellte Eric Strutz, Finanzvorstand der Commerzbank, klar.

26 Milliarden für Spaniens Banken

Das Bestreben, das Geld aus eigener Kraft aufzubringen, ist auch von Banken aus anderen EU-Ländern zu hören. Spaniens Instituten fehlen 26,2 Milliarden Euro – und dennoch sagte Finanzministerin Elena Salgado, dass sie davon ausgeht, dass die spanischen Banken keine öffentliche Hilfe brauchten.

Experten sehen das durchaus kritisch. „Es ist zu befürchten, dass dadurch weniger Geld ins System kommt, als gedacht“, sagt Thomas Stögner, Bankenexperte des Investmenthauses Macquarie. Zudem befürchtet er, dass so manche Bank versuchen könnte, an den Risikomodellen zu schrauben, anstatt ehrlich die Bilanz zu schrumpfen. „Wenn das passiert, drehen wir uns im Kreis“, warnt er. Klar sein müsse, dass durch das Schrumpfen der Bilanz bei den Banken Verluste entstehen würden.

Um zu verhindern, dass die Banken an der falschen Stelle sparen und Kredite an Unternehmen und Privatkunden streichen, lässt sich die Aufsicht das Maßnahmenbündel der Banken vorlegen. „Wir haben den klaren Hinweis der Aufseher bekommen, dass sie darauf achten, dass zuerst bei den Boni und den Gewinnen angesetzt wird und das Kreditbuch geschont werden soll“, sagt ein Insider.

Bankenprofessor Burghof gibt hier Entwarnung: Derzeit würden sich so viele Landesbanken auf die Unternehmensfinanzierung stürzen, dass eine Kreditklemme keine Gefahr sei.