Star-Ökonom Obstfeld

"Kein Land ist mehr sicher vor der Krise"

Maurice Obstfeld warnt vor den Folgen einer europäischen Bankenkrise. Der Star-Ökonom glaubt, dass die Märkte davon ausgehen, dass jeder Staat in der Euro-Zone pleitegehen könnte.

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Maurice Obstfeld ist zu Besuch in Deutschland. Er trifft sich mit anderen Akademikern, Managern und Politkern zum Global Economic Symposium, um nach Lösungen für globale Probleme zu suchen. Dabei geht es vor allem um die Euro-Krise. Und Obstfeld ist ein gefragter Gesprächspartner: Der Star-Ökonom von der Universität von Kalifornien in Berkeley, der unter anderem die japanische Notenbank berät, gilt als Kenner der Europäischen Währungsunion – und als Experte für Finanzkrisen.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass die Europäer die Schuldenkrise noch lösen können?

Maurice Obstfeld: Ich hoffe es. In den vergangenen Monaten hat die Politik die Situation allerdings immer weiter verschlimmert. Die Märkte gehen inzwischen davon aus, dass jeder Staat in der Euro-Zone pleitegehen könnte. Die Behauptung der Politik, dass Griechenland ein besonderer Fall sei, waren nie glaubwürdig, und die Märkte glauben es nicht.

Morgenpost Online: Das klingt nicht sehr optimistisch.

Obstfeld: Das sollte es auch nicht. Schauen Sie sich Italien an, da geht es um fast zwei Billionen Euro, wie sollen wir denn damit umgehen? Den Banken in ganz Europa drohen hohe potenzielle Verluste. Deshalb wird intensiv diskutiert, wie es möglich wäre, die Banken mit frischem Eigenkapital zu versorgen. Das könnte ein sehr teures Unterfangen werden.

Morgenpost Online: Aber daran führt kein Weg vorbei.

Obstfeld: Das stimmt. Wir stecken mitten in einer ausgewachsenen Bankenkrise, und die griechische Krise ist inzwischen die Schuldenkrise aller Europäer. Wenn die europäischen Regierungen die Banken mit neuem Geld versorgen müssen, ist kein Land mehr sicher. Dann sind die öffentlichen Finanzen überall betroffen.

Morgenpost Online: Was können wir denn jetzt noch tun?

Obstfeld: Jetzt müssen die Banken in Europa gestärkt werden. Wenn Griechenland pleitegeht, müssen die Institute stark genug sein, um diesen Schock zu verkraften.

Morgenpost Online: Eine Pleite Griechenlands ist unausweichlich?

Obstfeld: Griechenland braucht eine Insolvenz. Es ist offensichtlich, dass Sparprogramme für Griechenland nicht reichen. Die Sparmaßnahmen dämpfen das Wachstum, und Athen verfehlt alle Haushaltsziele. Die Schulden wachsen deshalb weiter, bis sie 160 Prozent oder sogar 170 Prozent der Wirtschaftsleistung entsprechen. Griechenland wird seine Schulden niemals bezahlen können.

Morgenpost Online: Wann wäre der richtige Zeitpunkt für eine Pleite?

Obstfeld: Vor einer Insolvenz Griechenlands müssen die europäischen Banken abgeschirmt werden, die Euro-Länder müssen überlegen, wie sie Griechenland nach einer Insolvenz unterstützen. Aber dann, wenn die Banken abgesichert sind und Europa geklärt haben, wie es mit Griechenland weitergeht, gibt es keinen Grund mehr, die Staatspleite weiter aufzuschieben. Denn Griechenlands Schulden steigen mit jedem Tag.

Morgenpost Online: Was passiert mit Griechenland, wenn es seine Schulden nicht weiter bedient?

Obstfeld: Griechenland wird weiter europäisches Geld brauchen. Das gilt vor allem für die Banken, die selbst nach einer geplanten Insolvenz frisches Kapital brauchen werden. Eine Möglichkeit wäre, dass der EFSF dann einspringt.

Morgenpost Online: Und der griechische Staat? Der wird doch kein Geld mehr an den Finanzmärkten bekommen.

Obstfeld: Das stimmt, die griechische Regierung wird aber weiter Geld brauchen, weil sie ein Haushaltsdefizit haben wird – selbst wenn sie aufhört, Zinsen zu zahlen. Entweder finanzieren dann die anderen Euro-Staaten die griechische Regierung weiter, oder Griechenland verlässt die Euro-Zone. Es gibt keine andere Lösung. Die Vorstellung, dass Athen das Haushaltsdefizit knallhart auf null senkt, ohne dass es zu sozialen Unruhen kommt, ist naiv.

Morgenpost Online: Damit werfen Sie Bundeskanzlerin Angela Merkel und anderen Politikern vor, dass sie den Sinn dafür verloren haben, was machbar ist.

Obstfeld: Europäische Politiker haben bisher auf jeden Fall kurzsichtig gehandelt. Die Entscheider müssten eigentlich mehrere Schritte vorausdenken, und das haben sie leider während der ganzen Krise kein einziges Mal getan. Jedes Mal, wenn sie eine Maßnahme verkündet haben, dachten sie, damit würde die Krise beendet. Stattdessen hat sich die Situation immer weiter verschärft, und die Summen, die nötig sind, um die Märkte zu beruhigen, sind immer größer geworden. Dabei ist eine Lösung viel weniger teuer, als sie auf den ersten Blick scheint.

Morgenpost Online: Das wäre ja mal eine gute Nachricht. Wie soll das funktionieren?

Obstfeld: Ein großer Teil des Problems ist einfach Panik auf den Finanzmärkten. Die europäischen Politiker müssen den Märkten die Stirn bieten und klarmachen, dass sie bereit sind, eine Menge Geld zu zahlen, um die Währungsunion und alle Mitgliedsländer zu retten. Dann würden die Märkte aufgeben. Diesen Teil der Rettung bekäme man geschenkt.

Morgenpost Online: Das klingt in der Theorie toll, aber machen Sie mal einem deutschen Steuerzahler klar, dass Deutschland mit Hunderten Milliarden ins Risiko gehen soll.

Obstfeld: Sicher, politisch kriegen Merkel und andere europäische Politiker nichts geschenkt. Aber vielleicht müssen sie einfach mehr Mut haben. Wenn es einen Geldgeber gibt, der sehr tiefe Taschen hat und Geld gibt, wenn niemand anders mehr kann, und sehr glaubwürdig vermittelt, dass er dazu bereit ist – das kann die Erwartungen der Märkte ändern. Aber dafür muss die europäische Politik sehr glaubwürdig sein, und das ist ihr bisher schwergefallen.

Morgenpost Online: Als Geldgeber mit tiefen Taschen steht doch nur die Europäische Zentralbank zur Verfügung.

Obstfeld: Eigentlich sollten die nationalen Regierungen handeln. Die Euro-Länder haben aber bisher sehr unglücklich agiert und so langsam, dass die EZB der einzig übrig gebliebene Akteur ist, der schnell auf den Märkten eingreifen kann.

Morgenpost Online: Das bedeutet aber auch mehr Anleihenkäufe der EZB. Das Ziel der Notenbank, den Geldwert stabil zu halten, gerät dabei ins Hintertreffen.

Obstfeld: Wenn die Politik die Probleme lösen würde, könnte die Notenbank sich darauf beschränken, die Inflation unter Kontrolle zu halten. Aber diese ideale Situation haben wir nicht, deshalb muss die Zentralbank handeln.

Morgenpost Online: Dann riskieren wir aber Inflation – die den hoch verschuldeten Staaten ja ohnehin sehr gelegen käme.

Obstfeld: Ihr Deutschen habt diese Angst vor Inflation, aber das sind die Probleme der 70er-Jahre oder sogar der 20er-Jahre. Über Inflation müssen wir uns heute keine Sorgen machen. Wir werden keine Hyperinflation bekommen, und wenn wir eine leichte Inflation haben, ist das gar nicht mal so schlecht. Ganz im Gegenteil; ich habe große Angst, dass wir eine massive Deflation bekommen könnten.

Morgenpost Online: Sie meinen langfristig fallende Preise, so wie in Japan nach dem Platzen der Immobilienblase?

Obstfeld: Ja, und das wäre die katastrophalste aller Entwicklungen. Weil der reale Wert der Schulden dadurch steigen würde. Wenn die Preise durch die Bank fallen, die Schuldenlast aber gleich bleibt, wird sie kontinuierlich erdrückender.

Morgenpost Online: Dann fiele es den Krisenstaaten schwerer, ihre Schulden zurückzuzahlen.

Obstfeld: Nicht nur den Staaten! Die Folge wäre ein weitreichender finanzieller Kollaps. Dann würde auch das Wachstum einbrechen, und dann hätten wir überall Insolvenzen und Pleiten.