Wer noch nie in einem Saab gesessen hat, wird beim ersten Mal einige Minuten brauchen, um das Auto in Gang zu bringen. Wo denn um Himmels willen lässt sich der Wagen denn nur starten, wird der Fahrer bei seiner Premiere fragen. In der Regel sitzt das Schloss rechts vom Lenkrad, bei Porsche links, aber bei Saab? Da muss der Blick nach unten zur Mittelkonsole schweifen. Abziehen ließ sich übrigens der Schlüssel früher nur, wenn der Rückwärtsgang eingelegt war. Auch das sollte man wissen.

Noch schwerer dürfte die Premiere fallen, wenn die erste Fahrt in der Dunkelheit stattfinden soll. „Night Panel“ gehört zu den weiteren Besonderheiten, die einen Saab ausmachen. Damit lassen sich alle Anzeigen innen bis auf den Tachometer abdunkeln. Keine schlechte Erfindung.

Wer einen Saab besitzt, hat ihn keineswegs aus Zufall oder gar aus Kostengründen angeschafft. Die Ersatzteile waren immer teuer, vor allem die Turbolader gingen früher oft kaputt. Unter 2000 Mark endete fast nie ein Werkstattbesuch.

Mag sein, dass einige Käufer auf die überlegene Sicherheitsausstattung setzten. Umgeben von Schwedenstahl lässt sich mit gutem Gefühl reisen. Aber die Bleche waren zuletzt gar nicht mehr dicker als bei anderen Autos. Das wäre auch wenig sinnvoll gewesen, weil es heute andere Möglichkeiten gibt, einen Aufprall abzumildern. Aber nehmen wir die aktiven Kopfstützen, die das Haupt bei einem Auffahrunfall auffangen und ein Schleudertrauma verhindern sollen: Bei Saab sind sie seit langem Serie. Bei Mercedes musste man sie bis vergangenes Jahr als Extra bezahlen.

Saab-Kunden lieben das Besondere – das besonders Unscheinbare. Die Form der Wagen ist zwar eher sportlich, aber sie war nie aufdringlich, schon gar nicht aggressiv. Die Saabs mit ihren Turbomotoren sind eher Tarnfahrzeuge, die unauffällig sind im Vergleich mit protzigen BMWs oder den Symbolen des Wohlstands von Mercedes. Aber sie haben das Zeug zu Jägern der Landstraße. So gefiel das der Stammklientel: Rechtanwälten, Architekten und Journalisten.

Saab hat nun Insolvenz angemeldet, aber gut ist es den Schweden mit Sitz in Trollhättan eigentlich nie gegangen. 1990 übernahm General Motors (GM) 50 Prozent, zehn Jahre später gehörte dem Autoriesen die kleine schwedische Marke zu 100 Prozent. Saab war ein Anhängsel für den damals weltgrößten Hersteller, und wann immer es um die Marke in Detroit ging, dem GM-Sitz, kann man sich gut vorstellen, dass die Manager bei den Sitzungen bereits im Dämmerschlaf waren, als schlussendlich auch noch über die Schweden gesprochen werden musste.

Ein Gefühl für Saab haben die GM-Manager nie entwickeln können. Die Fließheckform des 9-3 wurde 2001 abgeschafft. Dafür kam es bei diesem Modell zur klassischen Aufteilung in Limousine und Kombi. Amerikaner mögen das so, das Fließheck haben sie immer abgelehnt. Dass europäische Kunden darüber anders dachten, interessierte die neuen Eigentümer wenig. Der alte 9-3 aber war ein wunderbares Cross-over-Auto, es verband die Form eines Coupés mit den Vorzügen eines Kombis. Fabelhaft, vor allem wenn man gern mit viel Gepäck reist oder seine Golfschläger bequem unterbringen möchte. Schluss damit, befand GM. Und die Saab-Kunden? Sie liefen zu Audi über oder zu Volvo.

B2001 ist das Jahr, in dem der Niedergang endgültig unabwendbar war. Am Ende des Jahres stellte sich ein Minus in der Bilanz von 635 Millionen Dollar heraus. Mit dem Restrukturierungsprogramm „Viggen“ kamen dann endgültig die klassischen Markenwerte unter die Räder. Statt individueller Lösungen kamen Autos auf den Markt wie der 9-2X oder der 9-7X. Es handelte sich dabei um einen Subaru und einen Cadillac im Blechkleid von Saab. Es waren derart fürchterliche Misserfolge, die es gar nicht erst bis auf den europäischen Markt schafften.

Langsam verschwinden die Autos der Pleitefirma Rover von den Straßen. Es gibt wenige, die ihnen nachweinen. Sollte es bei Saab so kommen, dass eines Tages keine neuen Modelle mehr der nur zwei Baureihen auf die Straße kommen, wird das anders sein. Saab ist für Individualisten im uniformen Straßenverkehr. Das mag weniger von außen sichtbar sein.

Aber innen vermittelt ein Saab immer noch das Gefühl, aus einer Flugzeug-Kanzel heraus ein Auto zu lenken. Die Frontscheiben sind eigenwillig zu den Seiten hin abgerundet, und die Lüftungsgitter vorn sind über aufgesetzte Drehknöpfe verschiebbar. So muss ein Saab sein. Schade, dass sich diese Werte nie bis Detroit herumgesprochen haben.