Philanthropen

Wie unsere Welt von Superreichen profitiert

Die Reichen werden immer reicher – genauso wie die Armen. Warum Karl Marx völlig falsch lag und wie die Welt von Superreichen profitiert.

Ein gewisser deutscher Privatgelehrter aus Trier stellte sich die Spätphase des Kapitalismus so vor: Unten in der Dunkelheit schuftet eine Masse von Proletariern, die immer brutaler verarmt. Die Mittelklasse? Hat sich aus der Geschichte abgemeldet. Oben sitzt eine dünne Schicht von Bourgeois, die den gesellschaftlichen Reichtum, der längst kollektiv erarbeitet wird, als Individuen konsumieren.

Diese Bourgeois haben den ganzen Tag nichts zu tun, als die Coupons von ihren Aktien abzuschneiden und sich vom Erlös noch eine Villa bzw. ein weiteres Brillantencollier für die teure Frau Gemahlin zu kaufen. Kaum etwas könnte weiter von der Wirklichkeit entfernt sein als diese Schreckensvision des Dr.Karl Heinrich Marx. Doch ehe wir die marxistische Theorie mit sanftem Nachdruck korrigieren, wird eine Anmerkung zu einem beliebten Gemeinplatz fällig. Er lautet: „Die Armen werden immer ärmer, und die Reichen werden immer reicher.“

Dieser Satz ist eine halbe Wahrheit – und im Ganzen eine Lüge. Richtig müsste er lauten: „Die Reichen werden immer reicher, und die Armen... werden auch immer reicher.“ Das Proletariat ist in den hundert Jahren seit dem Tod von Karl Marx eben nicht immer weiter verelendet. Es hat den Aufstieg in die solide Mittelklasse geschafft.

Das Lumpenproletariat trägt keine Lumpen mehr

Sogar das Lumpenproletariat, das Marx so verachtete, trägt heute keine Lumpen mehr. Der Kapitalismus hat auch nicht dazu geführt, dass die armen Länder immer schlimmer ausgebeutet werden – im Gegenteil: Viele von ihnen haben Wege aus der Armut gefunden, siehe etwa weite Teile Asiens. Und die Reichen? Sie sind unterdessen zu Superreichen geworden. Wenn ein 30- oder 40-Jähriger in den 80er-Jahren zwei oder drei Millionen Dollar im Jahr abfischte, galt das als ungeheuer, beinahe schon obszön; heute können seine Kollegen nur darüber lächeln. Heute macht man zehn, 20, 30, 40 Millionen per annum.

Das Paradigma, mit dem man sie beschreiben könnte, stammt indessen nicht von Marx, sondern von Roald Dahl. Der beschrieb in seiner „Wunderbaren Geschichte von Henry Sugar“ einen jungen Nichtsnutz und Tunichtgut, der mithilfe von indischen Yogatechniken die Fähigkeit erlangt, durch Spielkarten hindurchzusehen.

Henry Sugar verbringt daraufhin den Rest seines Lebens damit, in wildem Zickzack um den Erdball zu hetzen, von einem Casino zum nächsten, und die Spielhöllenbetreiber im Blackjack abzuzocken. Doch die indischen Yogaübungen haben ihn tief im Inneren verwandelt; sie haben einen guten Menschen aus ihm gemacht. Also verbrät Henry Sugar die Gewinne aus den Casinos nicht für seine egoistischen Zwecke, sondern gründet eine Stiftung, die Waisenhäuser unterstützt.

"Hart arbeitende, hochgebildete Jetset-Meriokraten"

Das Statussymbol des heutigen Superreichen ist nicht der Luxus – obwohl die 126 Meter lange Yacht von Paul Allen, dem Mitbegründer von Microsoft, natürlich sehr beeindruckend ist. Das Statussymbol des Überbourgeois ist die gemeinnützige Stiftung, die in seinem Namen betrieben wird. Und es kann keine Rede davon sein, dass der heutige Kapitalist seine Zeit mit dem Abschneiden von Coupons vertrödelt.

Es handelt sich bei den Mitgliedern der Finanzelite vielmehr – wie Chrystia Freeland, die Chefin der Nachrichtenagentur Reuters, in einem faszinierenden Artikel für die Zeitschrift „The Atlantic“ festgehalten hat – um „hart arbeitende, hochgebildete Jetset-Meritokraten, die davon überzeugt sind, dass sie die rechtmäßigen Gewinner eines harten, weltumspannenden ökonomischen Wettbewerbs seien“.

Und womit beschäftigt sich der moderne Multimilliardär so? Mit der Rettung der Menschheit, versteht sich. Er braust mit dem Privatflieger von Konferenz zu Konferenz, um mit anderen Multimilliardären kluge Ideen auszutauschen: beim jährlichen Treffen des Weltwirtschaftsforums in Davos, beim Boao-Forum auf der Insel Hainan in China oder bei den TED-Konferenzen in Kalifornien.

Die heutigen Superreichen sind heimatlos

Manche Texte sind auf dermaßen großartige Weise falsch, dass es schon wieder schön ist. Hier ist ein Passus aus dem „Manifest der kommunistischen Partei“ von Marx und Engels, veröffentlicht im Februar 1848: „Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben... Die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr... Die Herrschaft des Proletariats wird sie noch mehr verschwinden machen.“

Die geschichtliche Erfahrung war eine andere: Im Falle des Falles, also im Ersten Weltkrieg, hat sich bekanntlich niemand patriotischer gezeigt als die Arbeiterschaft der verschiedenen Länder. Hätte es je eine wirkliche „Diktatur des Proletariats“ gegeben, wäre sie wahrscheinlich xenophob oder sogar offen rassistisch gewesen. Wahr wird der Befund von Marx und Engels erst dann, wenn man ein kleines Wort austauscht. Dann steht da: „Die Kapitalisten haben kein Vaterland.“

Die heutigen Superreichen stammen aus vielen Nationen. Sie sind Inder und Russen und Amerikaner und Chinesen und Ägypter. Sie haben jede Hautfarbe und gehören allen Religionsgemeinschaften an, die man sich denken kann. Und sie kennen sich häufig in den Orten, wo sie sich zu ihren Weltrettungskonferenzen treffen, besser aus als in ihren jeweiligen Heimatländern, wo sie nur widerwillig Steuern zahlen. Sollte man, um zum letzten Mal einen marxistischen Begriff zu bemühen, sagen, dass die heutigen Kapitalisten eine entfremdete Existenz führen?

Superreiche haben sich meist von ganz unten hochgearbeitet

Beinahe alle Mitglieder der Überbourgeoisie sind Leute, die es ganz von selber nach oben geschafft haben. Es handelt sich, wie Chrystia Freeland energisch festhält, nicht um eine Geldaristokratie, sondern um eine Tüchtigkeitselite. Darum blicken die Superreichen häufig mit einer gewissen Verachtung auf uns Normalheinis herab, die keine Milliardäre sind: Seht her, scheinen sie zu denken, wenn ich – der Sohn eines kleinen Postbeamten, der unbekannte Erfinder aus der Ukraine – mich an die Spitze der Einkommenspyramide gearbeitet habe, dann hätte das jedem anderen auch gelingen können.

Also: Gönnen wir den Superreichen ihre Fantastilliarden. Mögen muss man die vaterlandslosen Gesellen mit den Privatjets allerdings trotzdem nicht. Dumm nur, dass wir sie dringend benötigen. Durch den Reichtum, den sie produzieren, werden Arbeitsplätze geschaffen (wenn auch nicht notwendigerweise bei uns, sondern eher in Bombay), ihre philanthropischen Einrichtungen kommen vielen Bedürftigen zugute, und wer soll uns demnächst helfen, den öffentlichen Haushalt halbwegs zu sanieren, ehe er ins Bodenlose stürzt, wenn nicht sie?