Euro-Krise

Wie gefährlich eine Pleite Griechenlands wäre

Die drohende Staatpleite Griechenlands hält Europa und die Märkte in Atem. Sie könnte helfen, die Eurokrise zu lösen, sagen die einen. Die anderen sehen darin den Anfang vom Ende des Euro. Ein Pro und Kontra der Argumente.

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Nein, die Bundeskanzlerin ließ nicht den leisesten Zweifel daran, was sie vom forschen Vorstoß ihres Stellvertreters hält: Nichts, absolut gar nichts. Angela Merkel wahrte aber gerade noch die äußerste Fassade einer geschlossenen Regierung, indem sie FDP-Chef Philipp Rösler nicht unverzüglich persönlich widersprach. Dafür nahmen Merkels Leute allerdings kein Blatt vor den Mund: Man dürfe die Griechen „nicht Pleite reden“, erklärte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe am Montag: „Damit wird niemandem geholfen.“

Der Fraktionsvorsitzende von CDU und CSU im Bundestag, Volker Kauder, hatte sich schon am Sonntagabend im Fernsehen geäußert: „Wir sollten das diskutieren, was möglich ist“. Sein parlamentarischer Geschäftsführer, Peter Altmaier, legte am Morgen nach: „Spekulationen sind kontraproduktiv und gefährlich.“

Der Präsident der EU-Kommission, Jose Manuel Barroso, besuchte am Montag die Kanzlerin in Berlin – und schwieg in der Öffentlichkeit zu dem deutschen Streit. Doch es gibt versteckte Signale dafür, dass die Kommission die Debatte über eine griechische Insolvenz mit Verärgerung registriert. Es werde in Brüssel eben gern gesehen, wenn das wichtigste Land der Euro-Zone mit einer Stimme spricht, und politische Reformen in anderen Staaten nicht infrage stellt.

Die Entscheidung über die Zukunft Griechenlands könnte die schwierigste Entscheidung in der Kanzlerschaft von Angela Merkel (CDU) werden: Wird sie Griechenland irgendwann in die Pleite rutschen lassen müssen, wenn sich die Lage bei den Hellenen nicht bald grundlegend bessert? Zumindest schließt die Bundesregierung die Option nicht mehr aus. Der Schritt könnte zwar helfen, die Schuldenkrise zu lösen. Er könnte sie aber auch richtig eskalieren lassen. Was spricht für und was gegen die geordnete Insolvenz?

Folgen für Griechenland

Pro: Die Athener Regierung kann so viel sparen, wie sie will, den enormen Schuldenberg von mehr als 350 Milliarden Euro wird das kleine Land nie abbauen können. An der Pleite führt kein Weg vorbei. Alle Milliardenüberweisungen zögern das Unvermeidliche nur hinaus und machen es noch teurer. Das Land muss seinen Gläubigern beichten, dass es seine Schulden zumindest nicht vollständig zurückzahlen wird. Nach einem solchen Schnitt wäre ein Neuanfang möglich. Ohne die Last der hohen Zinsen kann wieder investiert werden, der Sparkurs muss nicht ganz so dramatisch ausfallen. Unternehmen und Verbraucher fassen Vertrauen und geben wieder Geld aus. Das Wachstum kehrt zurück.

Contra: Nach der Staatspleite gerät eine ganze Reihe von griechischen Banken in Schieflage. Die Versorgung der Wirtschaft mit Geld bricht endgültig zusammen. Die Rezession verschärft sich weiter. Deshalb schafft es die Athener Regierung trotz Schuldenschnitt nicht, die Staatsfinanzen unter Kontrolle zu bringen. Am Ende bleibt dem Land nur ein Ausweg: Es muss aus der Euro-Zone austreten. Erst durch die Wiedereinführung der schwachen Drachme hat es eine Chance, wettbewerbsfähig zu werden.

Auswirkungen für die Euro-Zone

Pro: So paradox es klingt: Durch die Pleite beruhigt sich die Krise in Europa. Griechenland war ein ständiger Unruheherd. Jedes Quartal reisten Prüfer der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank (EZB) und des Internationalen Währungsfonds (IWF) nach Athen. Und jedes Mal verunsicherten Gerüchte über eine Zahlungsunfähigkeit die Märkte. Damit hat es nun ein Ende – und das ohne Schrecken. Denn die meisten Anleger haben längst mit einer Pleite gerechnet.

Anfangs steigen die Risikoaufschläge für Spanien und Italien zwar leicht, aber das kann mithilfe des erneuerten Rettungsschirms EFSF abgedämpft werden. Nachdem nun nicht mehr ständig Horrornachrichten aus Athen die Anleger verunsichern, registrieren sie endlich auch, dass die anderen Sorgenkinder Fortschritte machen. Die Lage in Portugal und vor allem in Irland bessert sich. Durch die Pleite wurde der Problemfall Griechenland isoliert.

Contra: Nachdem Griechenland Zahlungsunfähigkeit angemeldet hat, geht die Krise erst richtig los. Sofort fürchten die nervösen Märkte weitere Pleiten. Der Plan, Irland und Portugal langsam aus den Hilfsprogrammen zu entlassen und an die Kapitalmärkte zurückzuführen, kann beerdigt werden. Schlimmer noch: Die Krise greift auf Spanien und Italien über. Die Risikoaufschläge steigen für sie, nach kurzer Zeit schon sind die Zinsen so hoch, dass sich die Länder nicht mehr finanzieren können. Auch der vergrößerte Rettungsschirm ist keine Hilfe. Zwar wird noch versucht, Spanien zu stützen, aber für Italien, die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone, reicht das Geld nicht. Zumal auch Frankreich mittlerweile kritisch von den Anlegern beäugt wird. Paris verliert die beste Bonitätsnote und fällt damit als Helfer aus. Und Deutschland ist als einziger großer Retter überfordert. Ein Land nach dem anderen droht in die Pleite zu rutschen. Die Euro-Zone bricht auseinander.

Konsequenzen für die Banken

Pro: Die Finanzinstitute hatten fast zwei Jahre Zeit, sich auf die Pleite Griechenlands vorzubereiten. Und das haben viele auch getan: Sie haben ihr Eigenkapital aufgebessert. Und sie haben ihre griechischen Staatsanleihen abgestoßen. Dafür müssen nun zwar andere bluten, etwa die EZB und damit der Steuerzahler. Doch große Verwerfungen im Finanzsektor bleiben dadurch aus. Einige europäische Banken, darunter auch Landesbanken in Deutschland, haben zwar Schwierigkeiten, da sie Abschreibungen auf die Anleihen vornehmen müssen. Sie werden aber indirekt durch den Euro-Rettungsschirm gestützt. Die Lage beruhigt sich schnell. Die befürchtete neue Finanzkrise bleibt aus.

Contra: Die Abschreibungen auf die Staatsanleihen sind überhaupt nicht der entscheidende Punkt. Man weiß mittlerweile sehr gut, wer wie viele Papiere in den Büchern hat. Den betroffenen Banken kann geholfen werden. Das Problem ist ein anderes: Die Finanzhäuser haben sich mit Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps – CDS) abgesichert. Aber niemand hat einen Überblick, wo sich diese CDS-Papiere befinden. Wer muss am Ende für die Pleite Griechenlands zahlen? Wer wird mit in den Pleitestrudel gerissen? Die Unwissenheit führt zu Unsicherheit. Keine Bank traut mehr der anderen. Man leiht sich untereinander kein Geld, da man sich nicht sicher sein kein, ob man es jemals zurückbekommt. Es bricht eine zweite Finanzkrise aus. Vor drei Jahren wurde sie durch die Insolvenz der US-Bank Lehman Brothers ausgelöst, dieses Mal ist es Griechenland. Auf die Idee, noch ein Euro-Land pleitegehen zu lassen, kommt nun niemand mehr.