Ärztepräsident Montgomery

"Die Praxisgebühr funktioniert nicht"

Der Ärztepräsident fordert eine neue Debatte über die Finanzierung des Gesundheitswesens. Von niedrigeren Beiträgen hält er jedoch nichts.

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Morgenpost Online: Herr Montgomery, es ist viel von Ärztemangel die Rede. Gleichzeitig heißt es, es gebe in den Städten zu viele Ärzte. Was stimmt denn nun?

Frank Ulrich Montgomery: Die Planung der ärztlichen Versorgung orientiert sich an den Grenzen von Gemeinden und Landkreisen, das ist viel zu starr. Die Ärzte in Hamburg zum Beispiel versorgen nicht nur etwa 1,8 Millionen Hamburger, sondern insgesamt mehr als vier Millionen Menschen – nämlich das ganze Umland. Nur auf Hamburg bezogen wären es tatsächlich viele Ärzte, aber aus Sicht der Patienten aus Hamburg und Umgebung, die lange auf einen Termin warten müssen, sind es zu wenige.

Morgenpost Online: Die Zahl der notwendigen Ärzte muss anders berechnet werden?

Montgomery: Die Art, wie die medizinische Versorgung geplant wird, ist nicht mehr aktuell. Darüber müssen wir reden. Die Patienten auf dem Land spüren den Ärztemangel daran, dass kein Allgemeinarzt in ihrer Nähe ist. Das war früher anders – bis immer mehr Ärzte in die Städte gegangen sind. Übrigens, das, was wir als Ärztemangel bezeichnen, würde ein Schwede Überversorgung nennen . Aber das dürfen wir nicht vergleichen, wir haben hier in Deutschland eine andere Gesundheitskultur.

Morgenpost Online: Hilft dagegen das "Versorgungsgesetz" von Gesundheitsminister Bahr ?

Montgomery: Das Versorgungsgesetz hilft an mehreren Stellen. Nur drei Beispiele: Es verhindert, dass Landärzte, wie bisher, finanziell bestraft werden, wenn sie mehr Patienten behandeln müssen weil kein anderer Arzt mehr da ist. Auch muss ein Arzt nicht mehr dort wohnen, wo seine Praxis ist. Außerdem können Kommunen selbst Arztpraxen betreiben. Das wird zwar alles nicht reichen, aber es sind richtige Schritte.

Morgenpost Online: Das ändert nichts daran, dass kaum ein Arzt mehr aufs Land will.

Montgomery: Richtig, aber künftig kann er in der Kreisstadt wohnen bleiben, weil die Residenzpflicht aufgehoben ist. Zusätzlich müssen Kommunalpolitik und Infrastrukturpolitik dafür sorgen, Leben und Arbeiten auf dem Land attraktiver zu machen. Eine Entlastung für den Arzt könnten auch Gemeindeschwestern bringen, die vom Arzt delegierte Aufgaben übernehmen, so wie einst in der DDR.

Morgenpost Online: Der Arztberuf ist nur schwer mit der Familie vereinbar, und auch das wirtschaftliche Risiko einer Praxisgründung wollen viele nicht eingehen. Wie reagieren Politik oder die Bundesärztekammer darauf?

Montgomery: Das Bild hat sich ja schon gewandelt. Von manchen Entwicklungen sind wir als Standesorganisation überrascht worden. Die Ärzte selbst haben uns zum Beispiel gelehrt, dass Medizinische Versorgungszentren sehr sinnvoll genutzt werden können. Zum Arztbild wird auch in Zukunft der selbstständige niedergelassene Arzt gehören. Aber das Bild wird bunter. Viele Ärzte fühlen sich als Angestellte, auch in MVZ, sehr wohl. Wir verfolgen das als Bundesärztekammer sehr genau, aber wir können keine Lebenswirklichkeiten planen. Gleichwohl ist es unser Ziel, für die jungen Ärztinnen und Ärzte Beruf und Familie vereinbar zu machen.

Morgenpost Online: Ausländische Ärzte können jetzt einfacher in Deutschland arbeiten. Kann man den Arztmangel mit Zuwanderung lösen?

Montgomery: Wir haben nichts gegen ausländische Ärzte – wenn sie eine gute Ausbildung haben. Die große Einwanderungswelle bleibt aber bislang aus. So attraktiv ist das Gesundheitswesen in Deutschland nicht mehr.

Morgenpost Online: Müssen sich die materiellen Bedingungen der Ärzte verbessern?

Montgomery: Im Krankenhaus hat sich schon viel getan, aber die Arbeitsbedingungen könnten besser sein. Zum Beispiel sind die Zuschläge für Bereitschaftsdienste oder Nachtarbeit zu gering. Niedergelassene Ärzte müssen von den Strafen befreit werden, wenn sie ihr Budget für Medikamente überschreiten. Diese Regresse sind eine große Belastung für Ärzte. Sie werden für etwas haftbar gemacht, auf das sie keinen Einfluss haben: Die Pharmafirmen und Apotheken bestimmen die Preise der Arzneimittel. Die Ärzte können ihr Arzneimittelbudget aber nicht steuern. Das muss sich ändern, dringend.

Morgenpost Online: Der ehemalige Gesundheitsminister Rösler hat die Arzneimittelpreise reguliert.

Montgomery: Er war der erste, der sich das wirklich getraut hat. Seine Vorgänger haben immer Angst vor der Pharmabranche gehabt.

Morgenpost Online: Ärzte müssen sich künftig gefallen lassen, von ihren Patienten im Internet bewertet zu werden. Was halten Sie von diesen Arzt-Lotsen der Kassen?

Montgomery: Am Arztnavigator der AOK haben wir in einem Beirat mitgewirkt. Das ist ein gutes Instrument, mit dem nach objektiven Kriterien bewertet wird. Da gibt es keine Schulnoten und keine Freitexte, wie beim neuen Portal der Eratzkassen. Der VDEK hat uns noch nicht einmal informiert. Die Fragen sind belanglos und in einer halben Minute beantwortet. Das ist ein völlig nutzloses Instrument, nicht mehr als ein teurer Marketinggag.

Morgenpost Online: Wie kann man Patienten, Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen zu einem wirtschaftlichen Verhalten anleiten? Oder anders: Muss jeder wirklich 18 Mal im Jahr zum Arzt gehen?

Montgomery: Das ist die Gretchenfrage, da rühren Sie am großen Tabu in unserem Gesundheitssystem. Die Selbstbeteiligung von Patienten an den Kosten hat bisher nicht funktioniert. Denken Sie nur an die Praxisgebühr. Die funktioniert nicht, weil gerade diejenigen, die sehr oft zum Arzt gehen, davon befreit sind, und für die anderen hat die Gebühr den Gegenwert von zwei Schachteln Zigaretten.

Morgenpost Online: Was schlagen Sie vor?

Montgomery: In Skandinavien müssen – mit einer Sozialkomponente – für die ersten zehn Arztbesuche jeweils etwa 40 Euro gezahlt werden. Auch bei Medikamenten müssen Sie zuzahlen. Ich glaube aber nicht, dass das in Deutschland in vollem Umfang durchsetzbar ist. Es gäbe einen Aufschrei in der Bevölkerung, und die Konfrontation zwischen den politischen Parteien wäre sehr groß.

Morgenpost Online: Man kann den Deutschen das Sparen nicht beibringen?

Montgomery: Ich sage es mal so: Von einem Versicherten kann man erwarten, dass er sparsam ist. Von einem Patienten kann ich aber nicht erwarten, dass er an sich spart. Wenn Sie krank sind, wollen Sie gesund werden, nicht sparen.

Morgenpost Online: Wer spart also?

Montgomery: Die Aufgabe haben wir alle gemeinsam, aber die Regeln muss ein Gesetz festlegen.

Morgenpost Online: Wir sehen zu, wie die Beiträge immer weiter steigen?

Montgomery: Wir haben keine Kostenexplosion, wir haben eine Leistungsexplosion. Gemessen an der Wirtschaftsleistung sind die Ausgaben im Gesundheitswesen sogar stabil geblieben.

Morgenpost Online: Rösler wollte die Kostenerstattung einführen, um das Kostenbewusstsein der Versicherten zu erhöhen.

Montgomery: Das wäre auch für die Transparenz vernünftig. Jeder sollte die Möglichkeit haben, Kostenerstattung zu wählen. Sie muss aber sozialverträglich ausgestaltet sein. Grundlage dafür muss eine neue Gebührenordnung für Ärzte sein. Wir arbeiten daran, dass dies noch vor der nächsten Bundestagswahl geschieht.

Morgenpost Online: Der Gesundheitsfonds ist gut gefüllt. Er verzeichnet einen Überschuss. Die ersten Politiker sprechen schon von Beitragssatzsenkungen.

Montgomery: Das wäre Quatsch. Der Fonds setzt 150 Milliarden um und hat jetzt zwei Milliarden Überschuss. Das würde für eine Beitragssenkung um lächerliche 0,15 Prozent reichen – das macht sich für den Beitragszahler doch gar nicht bemerkbar. Man wäre klug beraten, ein Polster für Schwankungen zu schaffen. Die nächste Konjunkturkrise kommt bestimmt. Man sollte die guten Zeiten besser nutzen, um eine Debatte über die langfristige Finanzierung des Gesundheitswesens wieder aufzunehmen. Wenn ich aber das Hick-Hack um die Reform der Pflegeversicherung in der Koalition sehe, habe ich doch erhebliche Zweifel, dass die Regierung die Kraft für eine neue Grundsatzdebatte um die Gesundheit findet.

Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie den Gesundheitsfonds? Er war ja bei der Einführung höchst umstritten.

Montgomery: Die bisherigen Erfahrungen mit dem Gesundheitsfonds sind besser als prognostiziert. Das liegt aber nicht am Fonds oder weil sich die Krankenkassen besonders wirtschaftlich verhalten hätten, sondern weil wir Glück gehabt haben mit der guten Arbeitsmarktlage. Als der Fonds eingerichtet wurde, ging man von einer Arbeitslosigkeit von zehn Prozent aus, heute sind wir bei sieben Prozent.

Morgenpost Online: Wie zeitgemäß ist die Zweiteilung des Versicherungsmarktes in Deutschland in gesetzliche Krankenversicherung und Privatversicherung? Besteht hier auch Reformbedarf?

Montgomery: Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft mit Wahlmöglichkeiten und Wettbewerb. Wettbewerb funktioniert aber nur, wenn ich auch Wettbewerber habe. Deshalb halte ich eine Auswahlmöglichkeit innerhalb des Versicherungsmarktes für wichtig.

Morgenpost Online: Die privaten Kassen leiden unter hohen Kosten, die sie senken wollen.

Montgomery: Damit habe ich kein Problem. Es ist legitim, Einfluss auf die Kosten nehmen zu wollen, sofern es nicht an den medizinischen Kern herangeht. Die Privatversicherungen könnten sich aber fragen, ob sie weiter halb so viel Geld an Vertreterprovisionen ausgeben wollen, wie für die gesamte ambulante medizinische Versorgung.