"Verlängerte Werkbänke"

Die Schattenseite der Solarstrom-Branche

Mit Milliarden werden in Deutschland die Erzeuger von Sonnenenergie gepäppelt. Aber die Konkurrenz aus Fernost ist stark. Ihren Mitarbeitern zahlen Firmen wie Solon aus Berlin daher häufig Dumpinglöhne.

Foto: ddp / dapd

Kommende Woche, hofft Harald Frick, herrscht Klarheit. Frick ist Betriebsrat bei Conergy in Frankfurt (Oder), größter Standort des Solarunternehmens. Conergy geht es schlecht, wie so vielen Firmen der Branche. 100 Stellen sollen angeblich in Frankfurt wegfallen. „Die Leiharbeiter sind schon weg“, sagt Frick. 200 gab es mal. Jetzt bangen die 500 verbliebenen, regulär Beschäftigten um ihre Jobs.

Der Fall Conergy ist typisch für die Branche. Es ist wie bei Solon in Berlin, die fast pleite sind, oder Q-Cells in Sachsen-Anhalt. Alle sind hoch verschuldet, ihr Geschäft ist verlustreich, Gerüchte über Stellenstreichungen machen die Runde. Allen gemein ist aber noch etwas: die mickrige Bezahlung.

Leiharbeiter, sagt Frick, verdienten rund 7,30 Euro pro Stunde. Macht ohne Zuschläge knapp 1200 Euro brutto im Monat. Die Stammbelegschaft schuftet in der Produktion für rund 1800 Euro, Wochenend- und Nachtzuschläge kommen obenauf. Ähnlich ist die Bezahlung in der Produktion von Solon in Adlershof. Bei Conergy wird in Zwölf-Stunden-Schichten gearbeitet.

Fotovoltaikhersteller gelten als Vorzeigeunternehmen mit ihren blitzblanken Fabriken und Öko-Produkten. Gegenüber den großen Stromriesen sind sie die „moralisch Besseren“ und die Lieblinge lokaler Wirtschaftsförderer. Doch die Mitarbeiter der Sonnenfirmen arbeiten oft im Schattenreich der Niedriglöhner. In den Hightech-Fabriken wird kaum mehr verdient als in schlecht beleumundeten Dienstleistungsbranchen. Ihren Hang zur Weltverbesserung trägt die Branche wie ein Mantra vor sich her – und verschweigt dabei gern die Arbeitsbedingungen, die nicht zum Selbstbild passen.

Ausnahmen gibt es. Eine ist im Industriepark Arnstadts nahe Erfurt zu besichtigen. Wer in den Fabrikhallen von Werksleiter Peter von Wartenberg angestellt ist, im Kittel mit dem Aufdruck „Bosch Solar“ durch die Reinraumfertigung schreitet, Wafer schneidet oder Module fertigt, hat Glück. Für die 2200 Mitarbeiter gilt seit Monatsanfang ein Tarifvertrag. Das Einstiegsgehalt steigt von 1700 auf 2130 Euro. Es gibt mehr Urlaub, Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen, Regelungen zur Weiterbildung und Altersteilzeit. Kurz: all das, was bei deutschen Solarherstellern selten anzutreffen ist.

Bislang haben nur die Bosch-Solar-Tochter und die Solarfabrik Freiburg Verträge mit der IG Metall geschlossen. Hinzu kommen einige Unternehmen, die sich in Betriebsvereinbarungen an Gepflogenheiten der Metall- und Elektroindustrie orientieren. Schott Solar und Solarworld gelten ebenfalls als Arbeitgeber mit anständigen Bedingungen und Verdienstmöglichkeiten. Beide Firmen folgen Tarifwerken, die die Chemiegewerkschaft IG BCE etabliert hat.

Der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) erklärt sich für nicht zuständig, wenn es um Fragen von Arbeitsbedingungen und Entlohnung geht. Zum „Themenfeld Arbeitsbeziehung“ wolle man nicht Stellung nehmen. „Der BSW ist kein Arbeitgeberverband“, heißt es beim BSW, der sonst hingebungsvoll für die Belange der Sonnenstromer kämpft. Das Thema ist der Branche unangenehm, wird diese doch mit Milliardenaufwand gefördert. „Bei vielen Solarherstellern herrscht ein Höchstmaß an Heuchelei“, sagt Detlef Wetzel. Der Vizechef der IG Metall kümmert sich im Vorstand um die Betriebe der Sparte Erneuerbare Energien. „Die Branche ist hoch subventioniert. Da ist es nicht akzeptabel, wenn gleichzeitig die Leute schlecht behandelt werden“, sagt er. Die Gewerkschaft spricht von Betrieben, wo Leiharbeiter mit 1000 Euro brutto im Monat abgespeist werden. Dorthin will die IG Metall nun Tarifstandards tragen.

Solarfirmen im Überlebenskampf

Die IG Metall hat eine Liste von rund 80 Branchenunternehmen mit 18.000 Beschäftigten, die sie nun beackern will. Es sind darunter jede Menge bekannter Namen: Conergy etwa, Aleo Solar, Q-Cells, auch Solon. Dort will man Mitbestimmung etablieren. Das Kalkül der IG Metall: Machtposition in der Belegschaft aufbauen und mit diesem Druckpotenzial die Firmen auf jenen Tarifvertrag verpflichten, der mit Bosch Solar geschlossen wurde. Der gilt jetzt als Referenz in der Branche. Allerdings gibt es nur in jeder dritten Firma überhaupt einen Betriebsrat. Und was viel schwerer wiegt: Derzeit tragen zahlreiche Solarunternehmen einen Überlebenskampf aus.

In Fernost, vor allem China, sind mit staatlicher Unterstützung riesige Solarfabriken entstanden. Von dort werden die Zellen und Module zu Tiefstpreisen nach Deutschland verkauft. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat den hiesigen Markt zum größten der Welt gemacht, den Konzerne wie Yingli aus China gern beliefern. Dieser Konkurrenz sind viele heimische Unternehmen nicht gewachsen, was auf ein grundsätzliches Problem der Branche hindeutet. So sind die Ausgaben für Forschung und Entwicklung, gemessen am Umsatz, äußerst gering.

„Viele Unternehmen sind schlecht geführt und versuchen über lange Arbeitszeiten und niedrige Löhne zu konkurrieren“, sagt IG-Metall-Vize Wetzel. Deutsche Solarunternehmen würden aber nicht dadurch wettbewerbsfähig, dass sie besonders billig seien. „In dieser Branche stimmt einfach vieles nicht“, sagt der Gewerkschafter und fordert eine „Nationale Initiative Solarenergie“. Dort solle man sich über Strategien und Innovationen in der Branche miteinander verständigen.

Zu den Wahrheiten über die Solarbranche gehört auch, dass die Ansiedlungspolitik die Dumpinglöhne befördert hat. Mehr als die Hälfte der Zell- und Modulhersteller sitzen in ostdeutschen Flächenländern. Strukturschwache Städte wie Frankfurt (Oder) oder Bitterfeld köderten Unternehmen wie Conergy und Q-Cells. Das Lohnniveau ist ohnehin niedrig, viele Fördertöpfe tun sich für Unternehmer auf, die dort ein Werk errichten. Mittlerweile spricht man nicht nur bei der IG Metall von „verlängerten Werkbänken“, von Betrieben also, die nur dank üppiger Subventionierung und Niedriglöhnen bestehen können.

Das gilt eingeschränkt auch für Bosch Solar, jenes Unternehmen, das nun als Vorbild für die Branche gilt. 530 Millionen Euro hat das Unternehmen in Arnstadt investiert, nachdem es die frühere Ersol 2008 übernommen hatte. Das Land steuert Millionenbeträge als Beihilfe dazu. Wie viel, will Standortleiter Peter von Wartenberg nicht sagen. „Aber ohne die Förderung wäre das Werk nicht in Thüringen entstanden“, sagt er. Und der Tarifvertrag kam letztlich nur zustande, weil der Weltkonzern Bosch sich eine defizitäre Solartochter leisten kann.

Festpreis für den Ökostrom

Staatshilfe: Eine milliardenschwere Förderung der Solarbranche sieht das Erneuerbare-Energien-Gesetz vor. Die Einspeisevergütung garantiert jedem Solaranlagen-Besitzer einen Festpreis für den Ökostrom. 80 Milliarden Euro mindestens kostet die Verbraucher diese Förderung in den nächsten 20 Jahren. Sie begleichen die Kosten mit ihrer Stromrechnung.

Sparsam: Zurückhaltend ist die Solarbranche dagegen bei der Forschung. Laut BSW liegen die Ausgaben bei nur 2,5 Prozent des Umsatzes.