Rückzug von Steve Jobs

Apples iGod. Ein brillant-arroganter Revolutionär

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Thomas Jüngling

Foto: Lennart Andresen/ Die Illustratoren

Apple-Produkte sind Kult, Firmengründer Jobs ein Visionär. Weil er seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr genügen kann, tritt der "iGod" ab.

Als "größten Unternehmenschef der Geschichte" hat Tom Hawkins, ehemaliger Apple-Weggefährte, Steve Jobs bezeichnet. Tatsächlich ist Apple unter Führung von Jobs zum einflussreichsten Technologiekonzern geworden und liefert sich einen Wettstreit mit Exxon um den Titel des weltweit wertvollsten Konzerns.

Auf dem Weg dahin, seit Gründung Apples 1976, hat Jobs die IT- und Kommunikationswelt umgekrempelt, die Computerarbeit sowie die Mobilfunk- und Musikindustrie verändert.

Dabei ist Jobs durchaus bodenständig: 1955 wurde er in San Francisco geboren, zog mit seinen Eltern fünf Jahre später nach Santa Clara Valley, heute bekannt als Silicon Valley, und wuchs in Apples Hauptsitz Cupertino auf. Er ist in Kalifornien geboren, arbeitet dort und lebt dort noch immer. Der US-Staat stand für Hippie-Kultur und danach für die große digitale Revolution. Und Steve Jobs war immer dabei.

In den 70er-Jahren durchlebte er seine wilde Zeit, brach sein Studium nach nur einem Semester ab und trampte dann durch Indien. Dort setzte er sich eingehend mit dem Buddhismus auseinander – und mit bewusstseinserweiternden Drogen.

Nach seinen psychedelischen Ausflügen schraubte er mit seinem Freund Steve Wozniak für damalige Verhältnisse kleine Rechenmaschinen zusammen. Wozniak war der Techniker im Team, Jobs der Ideengeber und Verkäufer. Der erste Computer floppte kommerziell, der erfolgreiche Verkauf des Apple II aber machten beide reich.

Weiteres Geld spülte die Einführung des ersten Macs 1984 in die Kassen, doch ein Jahr später wurde Jobs aus seinem eigenen Unternehmen gedrängt. Ausgerechnet von John Sculley, den er ein Jahr zuvor zu einem Wechsel von Pepsi-Cola zu Apple überzeugen konnte: "Willst du den Rest deines Lebens damit zubringen, gezuckertes Wasser zu verkaufen oder willst du die Welt zu verändern?", soll er ihn gefragt haben.

Dass er am ganz großen Rad dreht, davon war Jobs schon früh überzeugt, und blieb es. Das überzeugte auch Medien und Kunden: Live berichteten Journalisten, wenn Jobs mal wieder seine Oneman-Show in ausgewaschenen Jeans und schwarzem Rollkragenpulli aufführte und die neuen Apple-Produkte vorstellte – nachdem er sie mit einem "one more thing" angekündigt hatte. Lagen die Produkte endlich in den Regalen, bildeten sich Stunden vor dem Verkaufsstart Hunderte Meter lange Menschenschlangen vor den Läden.

Die ihn erlebt haben, schildern ihn als brillant und arrogant. Viele überkommt Ehrfurcht, wenn sie vom iGod genannten Apple-Chef sprechen, andere einfach nur Furcht. Sie schildern ihn als einen Besessenen, der sich durchzusetzen versteht.

Daran haben ihn auch nicht seine schweren Krebserkrankungen gehindert, die ihn zu einigen Auszeiten gezwungen habe. Auch während seiner zwölfjährigen Auszeit von Apple war Jobs nicht untätig: Er gründete das Studio Pixar, das neue Standards für den computeranimierten Kinofilm setzte, und NeXT, dessen neuartige Software-Architektur die Grundlage für die Erfolge Apples seit Ende der 90er-Jahre darstellt.

Jobs formte einen Konzern für Digital Lifestyle. Mit iPod und iTunes-Store zeigte er der von illegalen Raubkopien bedrohten Musikindustrie einen Ausweg aus ihrem drohenden Niedergang. Danach war der Mobilfunk an der Reihe: Erst mit dem iPhone und den Apps hatten Kunden Spaß daran, mobil im Web zu surfen. Und mit dem iPad wurden die Tablets zu Verkaufsschlagern.

Dabei hat Jobs weder den Computer noch das Smartphone noch den Tablet-Computer erfunden. "Wir waren ziemlich schamlos beim Stehlen großer Ideen", hat Jobs selbst einmal gesagt. Obwohl auch die Apple-Technik ihre Macken hat: Für die Bedienung der Geräte braucht niemand große IT-Erfahrung. Das macht den Unterschied.

Wie Jobs seine Erfolge und seine Kämpfe gegen die Krankheit einordnet, wird die Welt schon bald erfahren. Die eigentlich für März 2012 vorgesehene, von ihm autorisierte Biografie kommt schon am 21. November in den Handel. Man muss kein Visionär sein, um auf einen Bestseller und lange Schlangen vor den Buchläden zu wetten.