Führungswechsel

Jobs-Nachfolge gilt als kalkulierter Schachzug

Der Apple-Gründer überlässt nichts dem Zufall – schon gar nicht seine Nachfolge. Nun darf der Konzern beweisen, was er von Jobs gelernt hat.

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Es stimmt: Kein anderer Konzernchef hat es geschafft, eine solche Fangemeinde aufzubauen. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt im Juni in San Francisco gab es stehende Ovationen.

Die amerikanische Zeitschrift „Fortune“ kürte ihn zum „CEO des Jahrzehnts“, das Magazin „Time“ verglich seine Auftritte mit denen der römischen Herrscher im Kolosseum, und der britische „Economist“ bildete Jobs auf der Titelseite mit einem Heiligenschein ab, wie er das iPad in die Höhe hielt. Darüber stand: „The Book of Jobs“. Steven Paul Jobs war der iGod.

Kurzum: Es gibt keine größeren Fußstapfen, in die der neue Mann an Apples Spitze treten könnte. Tim Cook kann Steve Jobs nicht ersetzen. Weder kann er Menschen so begeistern, noch hat er die Visionen seines Vorgängers. Und doch hat Cook die Philosophie des Apple-Gründers vollkommen verinnerlicht. Nun sagt er selber Sätze wie: „Das Wort ,fertig‘ gibt es nicht in unserem Wortschatz, wir sind Innovatoren.“

Cook stand lange im Schatten des Apple-Gründe rs. Das ist kaum verwunderlich, weil alles im Schatten des Gründers stand. Doch ohne Cook wäre Apples steiler Aufstieg nie gelungen. Nachdem Jobs gemeinsam mit Steve Wozniak und Ronald Wayne Apple 1976 gegründet hatten, wurde Jobs 1985 aus dem Unternehmen gedrängt. Schnell ging es abwärts, 1997 stand Apple kurz vor dem Konkurs.

Wandel wäre ohne Cook nicht möglich gewesen

In seiner Not holte Apple den Gründer zurück. Nach einigen Monaten schaffte er es, Cook von seinem Arbeitgeber Compaq abzuwerben . Ein steiler Aufstieg begann. 2001 führte Apple den iPod ein und revolutionierte den Musikmarkt.

2007 folgte der Mobilfunkmarkt mit dem iPhone, 2010 kam das iPad. Nun darf Jobs für seine zweite Amtszeit eine verblüffende Bilanz ziehen: Seit seinem Wiedereinstieg ist der Aktienkurs um mehr als 6600 Prozent gestiegen, der Quartalsumsatz stieg von knapp zwei Milliarden Dollar auf zuletzt nahezu 29 Milliarden.

Kein anderer Technologiekonzern ist so profitabel wie Apple. Kurzzeitig verdrängte das Unternehmen sogar den Ölproduzenten Exxon Mobil von Platz eins der nach Börsenwert teuersten Unternehmen überhaupt.

Der Wandel wäre ohne Cook nicht möglich gewesen. Der Ingenieur mit Betriebswirtschafts-Abschluss hat Apples Logistikkette auf den Kopf gestellt, Zwischenlager zusammengestrichen, sämtliche Apple-Fabriken geschlossen oder verkauft und die Produktion an asiatische Zulieferer gegeben. Er legte damit den Grundstein für Apples Comeback.

Dass Cook nun Jobs’ Nachfolge antritt, ist nicht überraschend. Spätestens seit 2004 hat sich Jobs Gedanken über eine Nachfolge gemacht. In jenem Jahr diagnostizierten die Ärzte seinen Bauchspeicheldrüsenkrebs, kurzzeitig ließen sie ihn sogar in dem Wissen, nicht mehr lange leben zu dürfen.

Doch es stellte sich heraus, dass er an einer seltenen, heilbaren Art des Krebses litt. In der Zeit seiner Abwesenheit führte Cook die Geschäfte. 2005 machte Jobs ihn endgültig zu seiner rechten Hand, fortan war er der Chief Operation Officer (COO).

Cook ist ein Wunschkandidat

Wenige Jahre später musste Cook erneut einspringen. 2009 zog sich Jobs für sechs Monate zurück und bekam in dieser Zeit eine neue Leber transplantiert. Es häuften sich die Forderungen von Analysten und Investoren, endlich eine Nachfolgeregelung zu präsentieren. Doch die gab es längst, wie sich später herausstellte. Der Wunschkandidat des Firmengründers: Tim Cook.

Jobs kam wieder und präsentierte der Weltöffentlichkeit das iPad. Von Anfang an war er davon überzeugt, erneut eine Revolution loszutreten. Und tatsächlich greifen heute immer häufiger die Nutzer zum flachen Tablet statt zum Computer.

In dieser Zeit aber nahm die Sorge um Jobs’ Gesundheit zu. Der Apple-Gründer wirkte bei seinen Auftritten abgemagert. Im Januar nahm er sich erneut eine Auszeit und übergab die Führung ein drittes Mal an Cook. Im Februar unterstützten Investoren eine Resolution, die Apple zur Ausarbeitung und Veröffentlichung eines Nachfolgeplans aufforderte.

Nachdem das „Wall Street Journal“ berichtete, dass Mitglieder des Verwaltungsrates eine Nachfolge bereits mit Headhuntern diskutierten, stellte das Gremium klar, dass es dafür keinen Auftrag gegeben habe. Möglicherweise hat dieser Vorgang Jobs’ Entscheidung beschleunigt. In einem offenen Brief sprach er sich am Mittwoch für Cook als seinen Nachfolger aus, der Verwaltungsrat konnte nur noch zustimmen.

Aktienkurs reagiert wie eine Fieberkurve

Nun beginnen erneut die Spekulationen über Jobs’ Gesundheit, über die er öffentlich nicht spricht. In seinem Brief an den Aufsichtsrat und die Apple-Gemeinde schrieb er nur so viel: „Ich habe immer gesagt, wenn jemals der Tag kommen sollte, an dem ich nicht länger meine Aufgaben und die Erwartungen als CEO von Apple erfüllen kann, dann bin ich der Erste, der euch das wissen lässt. Leider ist dieser Tag gekommen.“

Apples Aktienkurs hat auf schlechte Nachrichten über Jobs’ Gesundheit immer wie eine Fieberkurve reagiert. Langfristig haben die Botschaften dem Börsenwert nicht geschadet. Offenbar trauen auch die Investoren dem Unternehmen inzwischen zu, auch ohne Jobs an der Spitze erfolgreich weiterzumachen. Nach der Ankündigung des Rücktritts sackte die Aktie zwar einige Prozentpunkte ab, erholte sich aber am nächsten Handelstag fast vollständig.

Trotz allem weiß auch Tim Cook, dass er kein zweiter Jobs ist. Er muss das aber auch nicht sein. Denn vor der breiten Öffentlichkeit weitgehend verborgen steht eine kleine Gruppe Männer, die das Schicksal von Apple in den vergangenen Jahren maßgeblich mitbestimmt haben.

Neben Tim Cook war das vor allem Jonathan Ive, Apples Chefdesigner. Der Brite und Anhänger der Farbe Weiß, dem seine Ideen häufig beim Pizzaessen kommen, hat das Design weit über Apples Produkte hinaus beeinflusst.

Zum inneren Zirkel gehört auch Scott Forstall, Chef des erfolgreichen iPhone- und iPad-Betriebssystems iOS. Und natürlich Peter Oppenheimer, der Finanzchef, der inzwischen so viel Geld verwaltet, dass er gar nicht weiß, wofür er es ausgeben soll. Mehr als 75 Milliarden Dollar Barmittel meldete Apple im letzten Quartal. Auf eine Dividende müssen Aktionäre immer noch verzichten. Offiziell will sich Apple alle Möglichkeiten offenhalten, auch wenn es bislang keine größeren Zukäufe gab.

Zwar war Steve Jobs’ Apples größtes Marketing-Genie, über seine Auftritte wurde weltweit berichtet, doch Apples Marketing-Chef heißt eigentlich Phil Schiller. Er hat Jobs überzeugend auf der Bühne vertreten, auch wenn er bei der Verwendung von Superlativen zurückhaltender ist als der Gründer.

Jobs hat sein Unternehmen über Jahre trainiert. Nun muss sich zeigen, ob Apple seine Lektionen gelernt hat. Dazu gehört zum einen eine penetrante Perfektion. Wer Jobs mit einem Produkt nicht überzeugen konnte, musste noch einmal anfangen. Das erste iPhone nickte der Chef erst ab, nachdem er zwei Prototypen verschmäht hatte.

Zum anderen gehört dazu ein hohes Maß an Risikobereitschaft, das einem Gründer wohl leichter fällt als anderen. Auf die Frage eines Reporters, wie viel Marktforschung denn im iPad stecke, antwortete Jobs nur knapp: „Keine. Es ist nicht der Job der Konsumenten zu wissen, was sie wollen. Es ist mein Job.“ Nun ist es nicht mehr sein Job. Er steht noch für möglicherweise nötige Nachhilfestunden zur Verfügung – als Chairman, also als Chef des Verwaltungsrats.