Versandhändler Otto

"Die Energiewende ist eine Riesenchance"

Michael Otto über seine Klimaschutz-Initiative „2°", den Widerstand der Wirtschaft gegen den Atomausstieg und die Nachteile von E10.

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Vor vier Jahren hat Michael Otto den Vorstandsvorsitz in seinem Versandhandelskonzern abgegeben und ist Aufsichtsratschef geworden. Seitdem engagiert er sich stärker für den Klimaschutz. Doch manche Dinge gehen dem Gründer der Initiative „2°“ zu weit. Beispielsweise das Biobenzin E10, das zum Teil aus Mais oder Raps gewonnen wird. Andererseits ärgert Otto, dass die Verbände die Energiewende ablehnen.

Morgenpost Online: Herr Otto, vor lauter Euro-Krise ist die Energiewende aus den Schlagzeilen heraus. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Michael Otto: Ich halte es für grundlegend falsch, wenn wir wegen der Euro-Krise jetzt die Energiewende und den Klimaschutz vernachlässigen. Energiepolitik und Klimawandel werden uns viel mehr beeinflussen als die Schulden der Euro-Staaten. Teile der deutschen Wirtschaft sollten bei der Energiewende nicht blockieren, sondern sie sollten die Wende viel stärker unterstützen. Es gibt etliche innovative Unternehmen, die das Ziel, bis zum Jahr 2020 in Deutschland 40 Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes einzusparen, trotz des Atomausstiegs befürworten. Wir denken in unserer Initiative, dass Europa im gleichen Zeitraum die CO2-Emissionen um 30 Prozent verringern kann. Aber diese Ziele müssen viel mehr zur Antriebskraft für die Wirtschaft werden.

Morgenpost Online: Wen meinen Sie, wenn Sie von einer Blockade sprechen?

Otto: Es stört mich, wenn Verbände wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) die Chancen kleinreden. Der Dachverband lehnt Dinge ab, die er differenzierter betrachten müsste. An vielen Stellen in der Industrie wird die Energiewende als opportunistische Maßnahme der Bundesregierung beschrieben. Man kann sie auch als wichtiges, industriepolitisches Manöver ansehen. Konrad Adenauer hat einmal sinngemäß gesagt, man könne ja wohl in einem halben Jahr auch klüger geworden sein. So sollte man das Umdenken der Regierung sehen. Mir sind einfach die kritischen Stimmen zu laut, die sagen, die Energiewende sei nicht zu schaffen. Das sehen wir anders: Sie ist zu schaffen, und sie ist eine Riesenchance für unser Land.

Morgenpost Online: Und worin sehen Sie diese Riesenchance?

Otto: 2009 ist die deutsche Wirtschaft um rund fünf Prozent geschrumpft. Grüne Industrien sind dagegen gewachsen. Alternative Energieerzeugung ist die Triebfeder für den deutschen Export. Noch sind wir führend in diesen Technologien. Diese Position dürfen wir nicht an China verlieren. Werden die Einsparziele umgesetzt, können bis zum Jahr 2020 bis zu sechs Millionen neue Jobs in Europa entstehen. Gleichzeitig können die Einfuhren von Öl und Gas um zehn Milliarden Dollar verringert werden.

Morgenpost Online: Manch einer kann mit Argumenten für den Klimaschutz wenig anfangen – das konnte man zuletzt im Frühjahr bei dem Streit um das Benzin E10 beobachten.

Otto: Ich halte den Anteil von zehn Prozent bei der Beimischung von Biokomponenten für überzogen. Biobenzin wird zum großen Teil aus Mais oder Raps gewonnen, da darf es keine Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion geben. Für Flugzeuge ist Biobenzin durchaus sinnvoll. Im Autoverkehr gibt es mit dem Elektro- oder dem Wasserstoffantrieb bessere Alternativen.

Morgenpost Online: Müssen Sie nach dem Atomausstieg nicht neu rechnen ? Wenn Kohle- und Gaskraftwerke die Atommeiler ersetzen, wird eine CO2-freie Energieerzeugung doch nur durch eine andere ersetzt. Sind die Einsparziele nicht in weite Ferne gerückt?

Otto: Das Ziel einer Einsparung von 40 Prozent in Deutschland ist sehr wohl noch erreichbar. Wir müssen unsere Anstrengungen nur erhöhen und noch schneller handeln. Der Umbau der Energieerzeugung in Deutschland ist richtig und wichtig. Aber natürlich sind die Anforderungen an uns gewaltig gestiegen.

Morgenpost Online: Wie soll sich die energieintensive Industrie noch in Deutschland halten? Der BDI fordert, diese Unternehmen nicht zu vertreiben.

Otto: Die energieintensiven Industrien haben bei uns durchaus eine Zukunft. Diese Unternehmen, etwa der Stahl-, Aluminium- oder Chemieindustrie, werden von den EEG-Abgaben verstärkt entlastet, sie bekommen die Zertifikate zum Emissionshandel nahezu unentgeltlich und erhalten einen Ausgleich für steigende Strompreise. Das ist alles richtig, denn es ist sinnvoll, diese Unternehmen in Deutschland zu halten. Aber meiner Meinung nach werden die Chancen zu wenig gesehen, die durch die Energiewende auch für diese Industrieunternehmen entstehen. Schließlich sind Stahl und Aluminium wichtige Baustoffe etwa für Windkraftwerke oder Solarpanel.

Morgenpost Online: Was kann der Staat denn tun?

Otto: Der Staat muss Rahmenbedingungen setzen, und das geschieht noch nicht in ausreichendem Maße. Um Energie einzusparen, müssen zum Beispiel Gesetze zur thermischen Altbausanierung endlich verabschiedet werden . Es geht dabei um steuerliche Anreize. Ich habe keinerlei Verständnis dafür, dass dies im Bundesrat von einigen Ländern blockiert wird. Das rechnet sich doch für die Länder, es schafft Jobs und bezahlt sich über Steuern und Abgaben von selbst. Bei regenerativen Energien müssen wir intelligente Leitungsnetze bauen. Das darf aber nicht zehn bis 15 Jahre dauern, dafür brauchen wir das Beschleunigungsgesetz. Wir dürfen keine der alternativen Energien überziehen, weder die Windkraft noch die Solarenergie oder Bioenergie. Bei Windparks sollten alte Anlagen durch moderne ersetzt werden. Das ist besser, als unzählige neue Anlagen aufzubauen. Hieraus lässt sich Effizienz gewinnen.

Morgenpost Online: Und ein Einzelhändler wie Otto, was kann der tun?

Otto: Für den Handel und die Gebrauchsgüterindustrie könnte ein Konzept eingeführt werden, wie es Japan bei Haushaltsgeräten bereits getan wurde. Dort werden die „Top Runner“ mit den besten Energie- und Effizienzwerten ermittelt. Konkurrenten haben dann fünf Jahre Zeit, diese Werte auch zu erreichen, sonst dürfen sie ihre Geräte nicht mehr anbieten. Einen Kühlschrank mit total veralteten Energiewerten gibt es dort nicht mehr zu kaufen. So etwas sollten wir auch in Deutschland einführen.

Morgenpost Online: Welches Selbstverständnis hat die Initiative 2°?

Otto: Wir sind eine Art NGO, eine „non-governmental organization“, auch wenn wir der Wirtschaft sehr nahestehen. Wir sind unabhängig und vereint im Ziel, den Klimaschutz voranzubringen. In Zukunft werden wir die internationale Arbeit verstärken, etwa durch die Zusammenarbeit mit der britischen Corporate Leaders Group. Deutschland und Großbritannien sind in Europa Vorreiter bei Bemühungen um den Klimaschutz. Der Kreis der Kernunternehmen soll am Ende aus etwa 20 Firmen bestehen.

Morgenpost Online: Im November steht die nächste Klima-Konferenz in Durban an. Die letzte in Kopenhagen war ein Desaster. Was erwarten Sie diesmal?

Otto: Europa muss vorangehen. Barack Obama schafft aufgrund der Blockade des US-Senats noch nicht einmal die sieben Prozent CO 2 -Reduktion, die er angestrebt hatte. Einzelne Bundesstaaten wie Kalifornien sind schon sehr weit, die USA insgesamt sind jedoch zurück. Wenn wir in Europa nicht vorangehen, wird gar nichts passieren. In China sagen sich die Verantwortlichen: Sollen doch die Industrieländer anfangen. Wobei China schon viele Maßnahmen ergreift und zum Beispiel das Wirtschaftswachstum vom Energiebedarf abkoppeln will. Es geht nur dann, wenn wir in Europa ein Zeichen setzen.

Morgenpost Online: Was tut Michael Otto persönlich?

Otto: Ich reise viel mit dem Zug. Zudem versorgt eine Anlage der Solarthermik unser Haus mit Warmwasser. Und die Otto Group hat sich das Ziel gesetzt, bis 2020 die CO 2 -Emissionen um 50 Prozent zu verringern. Viele Einsparungen senken bei uns die Kosten. Oft sind das Situationen, in denen man sogar noch Geld verdient. Der Ausbau regenerativer Energie kostet nur in der ersten Phase aufgrund der Investitionen Geld, langfristig ist sie günstiger.

Morgenpost Online: Die Dienstwagenordnung in Ihrem Unternehmen orientiert sich am Schadstoffausstoß und schließt bestimmte Wagen aus. Mancher Vorstand soll unglücklich darüber sein.

Otto: Es gab Stimmen, die Bedenken äußerten. Aber die Akzeptanz unserer Dienstwagenregeln ist inzwischen voll vorhanden. Von 200 Gramm ausgehend, senken wir die CO 2 -Obergrenze sukzessive ab. Das schließt manche S-Klasse oder manchen SUV aus. Aber das sollte kein Problem darstellen.

Morgenpost Online: Was fahren Sie privat?

Otto: Ich habe gerade meinen 15 Jahre alten Jaguar gegen ein neues Model ausgetauscht. Der ist zwar längst nicht mehr so schön wie mein alter Wagen, er verbraucht aber viel weniger – und erreicht die Werte.