Ökonomen-Umfrage

Ölpreis über 120 Dollar bedroht den Aufschwung

Der Ölpreis steigt und steigt. Doch Volkwirte halten den derzeitigen Preis für verkraftbar. Ab 120 Dollar je Fass droht ein Dämpfer für die Wirtschaft.

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Wirtschaftsexperten sehen den steigenden Ölpreis mit Sorge. Ab einer Marke von 120 Dollar je Barrel könnte sich das Wachstumstempo der deutschen Wirtschaft deutlich verlangsamen. Das geht aus einer Umfrage von „Morgenpost Online“ unter 20 Volkswirten hervor. „Ein Preis von etwa 120 bis 130 Dollar dürfte die Konjunktur merklich beeinträchtigen“, sagt etwa Michael Holstein von der DZ Bank. Die Allianz geht sogar davon aus, dass die deutsche Wirtschaft um einen Prozentpunkt langsamer wachsen könnte, wenn der Ölpreis auf über 130 Dollar steigen würde.

Unruhen in Ägypten und die Angst vor einem Flächenbrand in der arabischen Welt hatten den Ölpreis in der vergangenen Woche erstmals seit fast zweieinhalb Jahren über die Marke von 100 Dollar je Barrel (159 Liter) getrieben. Zuletzt hatte Öl im Oktober 2008 mehr als 100 Dollar gekostet. Den aktuellen Preis könne die Wirtschaft noch verkraften, glauben fast alle befragten Experten. Nach der Asienkrise 1999 habe das Fass Öl weniger als zehn Dollar gekostet, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. „Wenn damals jemand einen Ölpreis von 100 Dollar prognostiziert hätte, hätten alle einen Kollaps der Weltwirtschaft erwartet.“ Tatsächlich brumme die Weltwirtschaft aber trotz eines Ölpreises von 100 Dollar, die Unternehmen hätten sich gut auf die steigenden Preise eingestellt.

Auch Dirk Schumacher von Goldman Sachs hält die Auswirkungen des jetzigen Preises für „überschaubar“, solange deutsche Firmen für den hohen Ölpreis mit einer hohen Nachfrage aus den Öl produzierenden Ländern kompensiert würden. Laut einigen Experten werde zudem unterschätzt, dass ein höherer Preis weitere Vorteile für die Wirtschaft mit sich bringe. „Mit einem Anziehen des Preises verbessert sich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, weil Schwellenländer rohstoffintensiver produzieren“, sagt Carsten-Patrick Meier von Kiel Economics.

Gefährlich wird es vielen Wirtschaftsexperten zufolge aber dann, wenn der Ölpreis auf 120 Dollar klettert. „Ab dieser Marke wird ein längeres deutsches Wirtschaftswunder gefährdet“, sagt etwa Carsten Brzeski von ING.

Ein Anstieg des Ölpreises wirkt sich negativ auf die Konjunktur aus: Die Verbraucher müssen deutlich mehr für Heizöl und Kraftstoffe zahlen. Auch Produkte, für deren Herstellung viel Energie benötigt wird, verteuern sich. Nach Berechnungen des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) erhöht ein Anstieg des Ölpreises um zehn Dollar je Barrel die Energiekosten für die Verbraucher um insgesamt 14 Mrd. Euro. Unternehmen geraten zudem unter wachsenden Kostendruck, wenn sie die Preise nicht an die Verbraucher weitergeben können.

Und schließlich könnten Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen anheben, weil die Inflationsgefahren steigen. „Hohe Ölpreissprünge wirken wie ein Brandbeschleuniger auf die Inflationsrate“, sagt Mario Gruppe von der NordLB. HWWI-Experte Jörg Hinze schätzt, dass die Wirtschaft im Jahr um 0,3 Prozent weniger stark wachsen dürfte, wenn der Ölpreis um zehn Dollar steigt.

„Ab einem Ölpreis von 120 Dollar dürfte es kritischer für die Weltwirtschaft werden – schließlich dürften einst auch die hohen Rohstoffpreise eine Ursache der Wirtschaftskrise gewesen sein“, sagt Peter Kaidsuch von der französischen Investmentbank Natixis. Zwischen Mitte 2007 und Mitte 2008 ist der Ölpreis von 72 auf 132 pro Barrel gestiegen. Im Zuge dessen erhöhten sich auch die Verbraucherpreise einschließlich Energie um 3,3 Prozent, während die Preise ohne Energiekosten nur um 1,9 Prozent kletterten.

Mitte 2010 lag der Ölpreis bei rund 75 Dollar pro Barrel. Ein Schub vergleichbar mit 2007 und 2008 würde den Ölpreis in die Größenordnung von 135 Dollar pro Barrel führen, sagt Allianz-Konjunkturexperte Rolf Schneider. „Ein Ölpreisschub in diesem Ausmaß würde den Aufschwung in Deutschland erheblich gefährden.“ Die reale Kaufkraft der Verbraucher würde um 1,4 Prozentpunkte sinken. Das Wirtschaftswachstum würde sich im laufenden Jahr von 2,5 auf schätzungsweise 1,5 Prozent verlangsamen, so Schneider. „Bei einer derartigen Entwicklung würde die Auslastung der Wirtschaft nicht weiter steigen und der Beschäftigungsanstieg ginge zu Ende.“