Leerverkäufe

Die EU sagt Spekulanten den Kampf an

Die Börsen-Turbulenzen haben Europas Politiker zum Handeln gezwungen. Vier Staaten verbieten jetzt riskante Wetten auf fallende Kurse. Eine Regelung für die EU fehlt aber.

Knapp zwei Wochen lang hat es an den Börsen Europas meist nur eine Richtung gegeben: abwärts. Milliardenwerte verschwanden. Auslöser waren die US-Schuldenkrise und die schlechten Wirtschaftsdaten Italiens. Als dann auch noch Zweifel an den Franzosen aufkamen, stiegen Anleger in Scharen aus – und möglicherweise Spekulanten ein. denn bei fallenden Kursen lässt sich über sogenannte Leerverkäufe Geld verdienen.

Die Politiker in den Euro-Ländern sahen sich die Entwicklung tagelang an, ohne zu handeln. Fast schien ihnen ihr Urlaub wichtiger als die Lage der Wirtschaft. Jetzt allerdings handeln sie. Frankreich, Italien, Spanien und Belgien haben Leerverkäufe auf Aktien vorübergehend verboten. In Frankreich soll die Maßnahme 15 Tage gelten. In Deutschland sind sogenannte ungedeckte Leerverkäufe bereits seit Mitte 2010 untersagt, für gedeckte Leerverkäufe auf die Aktien der zehn größten deutschen Bank- und Versicherungskonzerne gibt es eine Meldepflicht. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) fordert nun, das Verbot auf Gesamteuropa auszuweiten. Der Druck dazu ist groß. Bisher blockieren allerdings die Briten ein einheitliches Verbot.

Bei normalen Leerverkäufen wetten Investoren auf fallende Kurse. Sie verkaufen Wertpapiere, die sie sich zuvor von anderen Anlegern gegen eine Gebühr geliehen haben, zu einem fest vereinbarten Kurs. Sinkt der Preis bis zum Lieferdatum, können sie sich billiger wieder eindecken und die geliehenen Papiere zurückgeben. Die Differenz zwischen dem niedrigeren Kurs und dem höheren Verkaufspreis abzüglich der Gebühr streichen die Investoren – oft Hedgefonds – als Gewinn ein. Geht die Wette indes verloren – also steigt der Preis bis zum Lieferdatum - müssen die Anleger zu einem höheren Kurs wieder einsteigen, um die geliehenen Papiere zurückzugeben, und machen einen Verlust.

Banken spekulieren gegeneinander

Bei ungedeckten Leerverkäufen ist das Prinzip dasselbe. Allerdings haben sich die Investoren noch nicht einmal die Wertpapiere geliehen, was die Risiken deutlich erhöht. Sie nutzen dabei die Regelung, dass der Verkäufer einer Aktie 48 Stunden Zeit hat, bis er die Papiere dem Käufer liefern muss. Um seiner Verpflichtung nachzukommen, muss ein Leerverkäufer die Aktien innerhalb dieser deutlich kürzeren am Markt in jedem Fall erwerben – unabhängig von der Kursentwicklung. Ist der Preis nicht wie erhofft gesunken, müssen sie Verluste realisieren. Dafür sind im Erfolgsfall die Gewinnchancen höher, weil keine Gebühr anfällt.

Wenn Leerverkäufe bei einigen Titeln den Handel dominieren, können diese dramatisch unter Druck geraten. Denn theoretisch können mehr Papiere verkauft werden als tatsächlich existieren. Dann werden die Wetten der Investoren zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Wenn alle auf einen Kursverfall wetten, tritt dieser auch ein.

So etwas scheint in Frankreich und Italien geschehen zu sein. Dort brachen die Kurse vor allem bei französischen und italienischen Bankaktien Mitte dieser Woche drastisch ein. Der Kurs der Société Générale (SocGen) etwa verlor innerhalb kurzer Zeit 20 Prozent. Binnen 15 Handelstagen schrumpfte der Wert der Großbank um fast 40 Prozent. In Frankreich gilt das Verbot für elf Banken und Versicherungen – darunter die SocGen sowie die Konkurrentin BNP Paribas. „Es sind die Banken selbst, die hier gegeneinander spekulieren – sogar um das Risiko des eigenen Untergangs“, hieß es. „Die machen sich wieder einmal selbst kaputt.“

Schon in der Finanzkrise 2008 galten die Leerverkäufe als eine Art Katalysator für das turbulente Börsengeschehen. In einem ohnehin fallenden Markt verkauften Investoren damals Aktien, die sie sich entweder geliehen hatten oder zu denen sie keine Form eines Besitzrechts besaßen, um den Kurs zu drücken. Bei niedrigeren Kursen kauften sie dann nach und strichen die Gewinne ein. Damals ließen diese Geschäfte die Aktienkurse von Großbanken weltweit einbrechen – zumal die Leerverkäufe häufig auch noch in Kombination mit falschen Gerüchten eingesetzt wurden. Ähnliches soll in den vergangenen Tagen auch bei der französischen SocGen geschehen sein.

Kaum hatten die vier Regierungen die Maßnahme verhängt, versuchten Banker dagegen anzugehen. Sie beschwerten sich über das Verbot. „Diese Maßnahme ist ohne Absprache und unkoordiniert verhängt worden“, schimpfte der Vertreter einer internationalen Großbank. „Anstatt so sinnlose Verbote zu beschließen, sollten die Regierungschefs lieber ihre Hausaufgaben machen und die nötigen Sparprogramme endlich in ausreichendem Ausmaß beschließen.“

Einheitliche Regeln gefordert

Andere Bankenvertreter wiesen darauf hin, dass man es sich mit den Investoren – vor allem den oft kritisierten Hedgefonds – besser nicht verscherzen solle. „Die Fonds sind die einzigen, die noch Anleihen der Euro-Peripherieländer kaufen“, hieß es. „Denen das Geschäft schwer zu machen, ist kontraproduktiv.“

Der Bankenverband fordert zumindest einheitliche Regelungen in Europa. Die jetzt verabschiedeten Maßnahmen führen aus seiner Sicht zu einem „Flickenteppich unterschiedlicher Regelungen“. Selbst bei der neuen europäischen Finanzmarktaufsicht ESMA sieht man das ähnlich. Europaweite Regelungen müssten „so schnell wie möglich“ eingeführt werden, hieß es bei der ESMA in London.

Die Gerüchte und Spekulationen der vergangenen Tage aber haben Wirkungen, die weit über den Druck auf den Aktienkurs allein hinausgehen. US-Geldmarktfonds sind offenbar immer weniger bereit, europäischen Großbanken Geld zu leihen. Angeblich haben die amerikanischen Fonds ihr Engagement in Europa bereits um ein Fünftel gesenkt. Gerade für die beiden französischen Großbanken könnte das ein Problem sein: Nach Schätzungen der Citigroup liegt das ausgeliehene Volumen der BNP bei 94 Milliarden Dollar (66 Milliarden Euro), das von SocGen bei 56 Milliarden Dollar. Solche Engpässe können wie in der Krise 2008 zu weiterer Panik und sogar zu Bankenpleiten führen. Als Gegenmittel stellt die Europäische Zentralbank (EZB) daher Geld für die europäischen Geldhäuser bereit.

Während das Leerverkaufsverbot in einzelnen Ländern die Märkte beruhigte, waren andere Zahlen eher dazu angetan, die Anleger zu verunsichern. Etwa aus Frankreich. Dort stagnierte die Wirtschaft im zweiten Quartal. Für Steuereinnahmen und Sozialausgaben ist das ein schlechtes Signal – zumal Frankreich wegen seiner Finanzlage ohnehin unter intensiver Beobachtung der Märkte steht.

Frankreichs Finanzminister François Baroin versuchte deshalb, gute Stimmung zu verbreiten. Frankreich halte an seinem Wachstumsziel von zwei Prozent fest, sagte er. Außerdem bleibe die Regierung bei ihrem Ziel, die hohe Neuverschuldung noch in diesem Jahr auf 5,7 Prozent zu drücken. Das muss sie auch, sonst dürften die mächtigen Ratingagenturen bald ihre Aussage überdenken, Frankreich sein Spitzenrating zu lassen.

Schlechte Nachrichten aus Athen

Mehrfach war in den vergangenen Tagen in Europa zu hören, Paris müsse überzeugende Haushaltspläne mit deutlichen Einschnitten und ohne Geschenke für das Wahljahr 2012 vorlegen, wenn es nicht durch einen Verlust des Ratings die gesamte Euro-Zone ins Schleudern bringen wolle. Im vergangenen Jahr betrug das Defizit 7,1 Prozent. Im Stabilitätspakt sind höchstens drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erlaubt.

Noch schlechter sieht es in Griechenland aus. Dort schrumpfte die Wirtschaft im zweiten Quartal sogar um fast sieben Prozent. Portugal wiederum versucht, seine Probleme durch Steuererhöhungen in den Griff zu bekommen. Das Land hebt die Mehrwertsteuer auf Strom und Gas an und streicht zudem Lohnerhöhungen in einigen Teilen des öffentlichen Dienstes. Und Italien will im nächsten Jahr 20 Milliarden Euro an Ausgaben streichen. 2013 sollen es dann schon 25 Milliarden Euro sein.

Mit Reuters