Euro-Krise

Dax und Dow befinden sich im freien Fall

Der Dax verliert über 200 Punkte, fiel zeitweise sogar auf ein neues Jahrestief und auch der Dow Jones stürzt ab. Die Angst vor einer Inflation und der Italienkrise führen zu Panik am Aktienmarkt.

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Leitzins bleibt unverändert - Dax bricht ein

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Die Euro-Krise ist zurück. Doch anders als beim letzten Mal zieht sie nicht nur die Anleihemärkte in Mitleidenschaft – diesmal sind auch die Aktienbörsen betroffen. Der wichtigste deutsche Aktienindex Dax ist am Donnerstag auf ein neues Jahrestief gefallen. Die Kursverluste der vergangenen Tage haben den Börsenwert der 30 im Dax gelisteten Unternehmen um knapp 100 Milliarden Euro geschmälert. Dies entspricht in etwa der jährlichen Wirtschaftsleistung von Neuseeland. Der Leitindex verlor am Donnerstag den siebten Handelstag in Folge. Das Gesamtminus summiert sich dabei auf 13 Prozent. Rund zehn Prozent dieses Verlusts verbuchte der Dax in der laufenden Woche. Damit steuert er auf die schwärzeste Wochenbilanz seit den Turbulenzen nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 zu.

Auslöser für die gestrige Verkaufswelle waren vor allem Aussagen des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet. Er hatte die Unsicherheit für die Konjunktur als „ungewöhnlich hoch“ bezeichnet und zugleich wegen der anhaltend hohen Inflation weitere Leitzinserhöhungen angedeutet. Das aber wird am Markt als Gift für die Konjunktur bewertet. Die EZB befürchtet, dass die Wirtschaft im Euro-Raum ins Stocken gerät. Deshalb stellt sie den von der Euro-Schuldenkrise gebeutelten Banken, von denen viele ausfallgefährdete Anleihen halten, erneut Geld zu günstigen Konditionen bereit. Außerdem machen sich die Notenbanker um den scheidenden Präsidenten Jean-Claude Trichet Sorgen um die Preisstabilität.

EZB will wieder Anleihen kaufen

Trichet warnte: Die Risiken müssten „sehr genau beobachtet“ werden. Für Experten ist diese Wortwahl – die an den Finanzmärkten sehr genau beachtet wird – ein Hinweis darauf, dass die Leitzinsen noch in diesem Jahr erneut angehoben werden könnten. Im Juli hatte die EZB den wichtigsten Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Zentralbank Geld leihen, um 0,25 Prozent auf 1,50 Prozent erhöht. Am Donnerstag ließen die Zentralbanker den Leitzins unangetastet. Das war von Volkswirten so erwartet worden, obwohl der Anstieg der Verbraucherpreise in den vergangenen Monaten deutlich über jenen zwei Prozent lag, die die EZB noch für vertretbar hält.

Auch eine andere Ankündigung sorgte für Aufregung: Angesichts der zunehmenden Nervosität an den Finanzmärkten kauft die Europäische Zentralbank (EZB) erneut Anleihen von Pleitestaaten auf, um ihnen bei der Staatsfinanzierung zu helfen. EZB-Chef Trichet signalisierte am Donnerstag, dass die Notenbank ein solches Programm unmittelbar wieder aktivieren könne. Auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise im Mai 2010 hatte die EZB beschlossen, Staatsanleihen kriselnder Euro-Staaten aufzukaufen. Das Programm war innerhalb der Notenbank stark umstritten. Währungshüter sahen darin einen Sündenfall, weil es der Einstieg in die Staatsfinanzierung durch die Notenbank sei – der Keim für Inflation. Nachdem zuletzt Spanien und Italien an den Finanzmärkten unter Druck gerieten, waren Forderungen laut geworden, dass die EZB wieder aktiv werden sollte. Die Entscheidung ist trotzdem umstritten. Sie sei mit einer „überwältigen Mehrheit“ gefallen, sagte Trichet. Für gewöhnlich fassen die Notenbanker ihre Beschlüsse jedoch einstimmig. Auch Ökonomen sehen die erneuten Aufkäufe kritisch. „Das ist keine gute Entscheidung. Geld- und Finanzpolitik werden wieder mal vermischt“, sagte Kai Carstensen vom Münchener Ifo-Institut. „Der Aufkauf ist eine freudige Überraschung und könnte die Märkte etwas beruhigen“, sagte hingegen Holger Schmieding von der Berenberg Bank. „Allerdings hätte Trichet deutlich werden müssen, dass er im Notfall auch bereit ist, Spanien und Italien zu stützen.“

Die sich zuspitzende Krise rief auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso auf den Plan. Mit einem dramatischen Appell wandte er sich an die Regierungschefs der 17 Euro-Staaten. „Die Entwicklung an den Anleihemärkten in Spanien, Italien und anderen Euro-Ländern ist besorgniserregend“, schrieb Barroso den Staatschefs. Er forderte eine weitere Aufstockung und Flexibilisierung des Rettungsschirms EFSF.

Die Regierungen hatten erst kürzlich vereinbart, die effektive Ausleihsumme des Rettungsschirm EFSF auf 440 Milliarden Euro auszuweiten. Dazu mussten die Garantien der Länder auf 780 Milliarden Euro erhöht werden. Deutschland trägt den größten Anteil. Barroso nannte keine neuen Milliardensummen, mit dem der Rettungsfonds weiter aufgestockt werden sollte. Aber das Signal ist eindeutig: Das bisherige Volumen reicht noch immer nicht aus. Experten zweifeln schon länger, ob der EFSF notfalls auch ein größeres Land wie Italien und Spanien stützen könnte. Die EU-Kommission plädierte dafür, dass der EFSF weitere Kompetenzen bekommen soll. „Wir müssen den EFSF, aber auch den ab 2013 geltenden, ständigen Rettungsmechanismus ESM noch einmal genau unter die Lupe nehmen“, hieß es in EU-Kreisen. „Neben einem größeren Finanzvolumen muss man auch weitere Interventionsmöglichkeiten prüfen.“

Italienisches Schuldendrama

Für die Finanzmärkte besteht kaum Hoffnung auf baldige Besserung. Denn eine wichtige Ursache für den Crash liegt auch im italienischen Schuldendrama. Die Renditen italienischer Staatsanleihen lagen bei über 6,2 Prozent für die zehnjährigen Papiere. Anfang Juli waren es noch unter fünf Prozent. Und nicht nur das. Die Renditen stehen sogar kurz davor, die spanischen zu überholen, die sich in den vergangenen Tagen etwas besser entwickelt hatten. Kein Wunder: In Spanien hat die Regierung in den vergangenen Monaten gehandelt. Berlusconi laviert dagegen weiter und beschuldigt am liebsten andere, an der Krise schuld zu sein. Das Vertrauen der Investoren in seine Fähigkeiten, die Staatsfinanzen endlich in den Griff zu bekommen, tendiert gegen null.

Doch die Gefahr droht nicht nur von steigenden Renditen. Inzwischen droht der gesamte Markt zusammenzubrechen, und das, obwohl der Markt für italienische Staatstitel der drittgrößte der Welt ist. „Am Dienstag beispielsweise war die Nachfrage zeitweise äußerst dünn“, sagt Patrick Legland, Chefstratege für festverzinsliche Anlagen bei der Société Générale. Ein funktionierender Markt jedoch sei entscheidend. „Wenn Investoren fürchten müssen, dass sie ihre Anleihen nur noch mit Mühen verkaufen können, dann werden sie sie wahrscheinlich auch gar nicht erst kaufen.“

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