Giulio Tremonti

Unsympath mit eindrucksvoller Beliebtheitsquote

Die Finanzkrise hat Giulio Tremonti zum mächtigsten Politiker Italiens gemacht: Sein eiserner Sparwille soll Märkte und Landsleute beruhigen.

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Ein Bierchen will man mit diesem Mann nicht trinken. Italiens Finanzminister Giulio Tremonti nimmt die Dinge ernst, nicht weniger als sich selbst: „So viel ist sicher: Wenn ich stürze, dann stürzt Italien, brüstete er sich der Zeitung "La Repubblica" zufolge.

Wer den Minister erlebt hat, der weiß: Er versteht diesen Satz nicht als Ironie. Lässt er sich auf ein Gespräch ein, dann hat er größten Redeanteil und auch das letzte Wort. Dass er Gesprächspartnern damit auf die Nerven fällt, weiß der 63-jährige genau. Es stört ihn nicht.

Und dennoch ist Tremonti der Hoffnungsträger Italiens, das vor dem Abgrund einer verheerenden Schuldenkrise steht. Im Kabinett von Ministerpräsident Silvio Berlusconi garantiert er mit seinem eisernen Sparwillen als einziger Minister das Vertrauen der Finanzmärkte. Die Finanzkrise machte ihn zum mächtigsten Politiker des Landes.

Tremonti ist ein Phänomen. Er ist einer der beliebtesten Politiker mit eindrucksvollen Zustimmungsquoten. Die Italiener sehnen sich nach einer Klasse von Politikern, die im Stillen arbeiten. Tremonti gilt als solcher, im Gegensatz zum Medienprofi Berlusconi der seinen Landsleuten zunehmend auf die Nerven geht.

Dabei sind seine Charakterschwächen bekannt. Arroganz voran. Mit den Worten "Kultur kann man nicht essen" verwarf er Kritik im Kabinett an Kürzungen bei Theatern und Museen – eine Machtdemonstration, die zeigt: Ich kann es mir leisten, dass ihr mich nicht leiden könnt.

Er, der gerne austeilt, ist selbst aber dünnhäutig. So drohte er vergangenes Jahr mit Rücktritt, als Umweltminister Stefania Prestigiacomo im Kabinett einige Pläne Tremontis als "Blödsinn" beschimpfte. Tremonti verlangte eine formelle Entschuldigung: Italiens Kabinett spielte Kindergarten.

Tremonti hält sich aber nicht nur für unverzichtbar , auch unfehlbar will er sein. Die großen Ökonomen des Landes kanzelte er einmal als "Wahrsager" ab. Ihre negativen Prognosen deckten sich doch kaum mit der Realität. Daraus spricht auch eigene Unsicherheit: Er selbst ist Steuerrechtsprofessor, kein Ökonom. Wirtschaftspolitik hat er sich selbst beigebracht. Dabei geholfen hat dem früheren Sozialisten unter anderem "Das Kapital" von Karl Marx.

Er ist ein kein knallharter Liberaler. Eher ein Wirtschafts-Romantiker. Den globalen Märkten misstraut er. Aus seiner linken Vergangenheit hat er sich den Glauben bewahrt, dass die Politik die Märkte beherrschen soll. Eine gemeinsame, große Reform des globalen Finanzsystems propagierte er während der G-8-Präsidentschaft Italiens 2009. Es kam nie dazu. Das Pathos war da – aber keine Substanz. Das Kleinklein technischer Reformen liegt Tremonti nicht.

Und so hat Italien auch sein Wachstumsproblem nie angepackt. Die Wirtschaft bleibt unfrei, der Staatskapitalismus erhalten, der Arbeitsmarkt starr. Der Träumer Tremonti scheut sich, in die Niederungen des Konkreten hinabzusteigen.

Er steht jetzt vor der Aufgabe seines Lebens: Das Land und den Euro zu retten. Er wird es nicht allein schaffen. Er muss Mehrheiten im Regierungslager und darüber hinaus organisieren. Er muss sich zum ersten Mal Freunde machen. Es wird sie zeigen, welche Revolution für Tremonti die größere sein wird: sich selbst oder das Land zu verändern.