Die große Eminenz nahm sich seinen Hoffnungsträger vor der versammelten Belegschaft zur Brust. Herbert Giersch, Direktor des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) und schon zu Lebzeiten eine Forscherlegende, war wieder einmal genervt von den düsteren Konjunkturprognosen seines Assistenten Norbert Walter. Der hatte soeben eine schwere Rezession für die Jahre 1979 und 1980 prognostiziert. Wenn er daneben liegen würde, fauchte Giersch den jungen Ökonomen an, dann würde er entlassen.
Doch Walter lag nicht daneben, durfte seinen Job behalten und legte in den darauffolgenden Jahrzehnten eine große Karriere hin. Wenn die Deutsche Bank heute Abend zum Abschied des 65-Jährigen zu einem Empfang im Hermann-Josef-Abs-Saal in Frankfurt am Main lädt, dann wird ein Mann im Mittelpunkt stehen, der wie kein ein anderer die Rolle des „Chefvolkswirts“ in der Öffentlichkeit geprägt hat.
Er definierte die vermeintlich langweilige Arbeit eines Ökonomen neu. Mit großen Erfolg, wenn man die öffentliche Wahrnehmung als Gradmesser nimmt: Wer kennt nicht den kleinen Mann mit schwarzem Haar und Vollbart? Statt sich im Forscher-Elfenbeinturm zu verkriechen war Walter der erste deutsche „Medien-Ökonom“. Er lief auf allen Kanälen und beeinflusste dadurch die Wirtschaftsdebatte maßgeblich – ohne jemals als Wirtschaftsweiser im Sachverständigenrat zu sitzen.
Walter blickt auf eine bewegte Karriere zurück, wie es nur wenige Vertreter seiner Zunft behaupten können. Was wohl auch daran lag, dass der gebürtige Unterfranke provokante Thesen nicht scheut. Es fing mit Giersch an, wobei er die Auseinandersetzungen mit seinem Ziehvater heute herunterspielt. „In unser Verhältnis wurde von außen viel mehr Spannung hineingetragen, als es eigentlich gab“, sagt Walter der Morgenpost Online. Dennoch war dieser Streit typisch für den Ökonomen. Sein unerschütterliches Selbstbewusstsein, seine ständige Medienpräsenz, sein Erfolg – all das hat ihm zu einer Reizfigur gemacht.
Wobei ihm selbst seine Gegner respektvoll zugestehen, dass er Konflikten nie aus dem Weg gegangen sei. So wie im Dezember 2008, als er der Erste war, der die deutsche Wirtschaft infolge der Finanzkrise im darauffolgenden Jahr um vier Prozent einbrechen sah. Im Februar ging er – wieder als Erster – auf fünf Prozent hoch. Panikmache warfen ihm Kollegen und Medien vor. Noch heute sagen etliche Ökonomen, dass Walter damals seiner besonderen Verantwortung als „Chefvolkswirt Nr. 1“ nicht gerecht geworden sei. Da sein Wort so großes Gewicht habe, hätte er die Lage beruhigen müssen, anstatt sie weiter zu dramatisieren. Doch auch große Vorbehalte innerhalb der Deutschen Bank ließen den Volkswirt kalt. „Wenn ich durch meine Forschung zu einer neuen wichtigen Erkenntnis gelangt bin, dann kann ich gar nicht anders, als es zu veröffentlichen“, sagt Walter. Es pore dann geradezu aus ihm heraus.
Dass aus dem Promotionsstudenten Walter der Chefvolkswirt einer Großbank wurde, hat auch mit seinem Mentor zu tun. IfW-Chef Giersch hat trotz so mancher Reiberei das erste Jahrzehnt des beruflichen Schaffens seines Assistenten entscheidend geprägt – und das vor allem durch ihr zwischenmenschliches Verhältnis: „Er hat mich von Anfang an nicht wie einen Lehrling, sondern wie einen Partner behandelt“, sagt Walter. Vieles habe er von Giersch lernen können: seine unvergleichliche Neugierde, sein strukturiertes Denken, die Sprachkompetenz, das internationale Denken und Auftreten.
Walter lernte so schnell und viel von seinem Mentor, dass er 1975 mit nur 31 Jahren die Leitung der Konjunkturabteilung am IfW übernahm. Dennoch überkam ihn Anfang der Achtziger Jahre das Gefühl, in eine Sackgasse zu geraten. Institutschef konnte er nicht mehr werden, weil der renommierte Chefposten in Kiel stets externen Wissenschaftlern vorbehalten war. Deshalb dämmerte es Walter allmählich: Wenn er Karriere machen wollte, musste er weg vom IfW.
Doch wohin? „Ich habe damals nicht gewusst, was ich genau will“, erinnert sich Walter heute. Einen Job in den Medien, Direktor eines Forschungsinstituts, eine Professur an einer Universität – für Walter war damals alles denkbar. Und fast hätte es auch geklappt mit einem Lehrauftrag an der Schweizer Top-Uni St. Gallen, doch im letzten Moment zerschlug sich die Möglichkeit. „St. Gallen hätte ich mir sehr gut vorstellen können“, sagt Walter. Sein Leben wäre anders verlaufen: Er hätte wohl große Forschungsarbeiten geschrieben, vermutlich wäre er einer der fünf Wirtschaftweisen geworden und als Wirtschaftsberater nah dran gewesen an den Mächtigen der Politik.
Doch Walter schlug einen anderen Weg ein. Nach kurzen Zwischenstopps bei Shell und einem Forschungsaufenthalt in den USA stieg er 1990 zum „Chefvolkswirt“ bei der Deutschen Bank auf. „Dass ich bei der Deutschen Bank landen würde, hatte ich nicht geplant, es hat sich einfach ergeben.“ Dennoch war es eine Rolle, die ihm wie auf den Leib geschneidert war: Walter konnte seine medialen Fähigkeiten als Konjunkturexperte dort nicht nur in Zeitungen, sondern auch als Interviewpartner im Fernsehen voll ausspielen.
Manch ein Walter-Kritiker, von denen es unter Ökonomen schon so einige gibt, sieht das als einen Beweis für eine Eigenschaft, die Walter immer wieder zugeschrieben wird: eine ausgeprägte Eitelkeit. Allerdings wird dabei oft übersehen, dass die mediale Präsenz auch Teil seiner Strategie war. Nicht als Wirtschaftsweiser oder als Regierungsberater wollte er wirken, sondern über die Öffentlichkeit Diskussionen anstoßen.
Doch diese Rolle als Medien-Volkswirt hatte auch ihren Preis: „Er war nie ein großer Wissenschaftler“, sagt ein Ökonom. Sein Veröffentlichungsverzeichnis sei zwar üppig, aber es bestehe vor allem aus Aufsätzen, Zeitungsartikeln und kleineren Forschungsarbeiten. Bahnbrechende Studien hat Walter in der Tat nicht verfasst – was er aber selbst kaum bedauert. „Ich hätte gern mehr Bücher geschrieben“, sagt er zwar einerseits. Doch dafür war er 250 Tage im Jahr unterwegs, eilte von Interview zu Interview, hielt mehr Vorträge im Jahr als jeder Vorstand der Deutschen Bank.
Nicht nur mit seinen öffentlichen Auftritten setzte Walter deutliche vernehmbare Akzente, sondern auch als Manager. Schon bald nach seinem Wechsel zur Deutschen Bank wollte er eine unabhängige, wissenschaftliche Denkfabrik aufbauen. Ein Think Tank, wie es im Englischen heißt, für den die Bank selbst nur einer von vielen Kunden war. Etwas Vergleichbares gab es Deutschland bis dahin nicht. 1992 gründete er DB Research.
Doch diesmal war Walter nicht erfolgreich. Zu viele Aufgaben innerhalb der Bank banden zu viele Ressourcen, und viele externe Kunden waren nicht bereit, für Forschungsarbeit viel Geld zu bezahlen. „Als selbstständige GmbH ist DB Research gescheitert“, räumt Walter heute ein. 1996 wurde die Forschungseinheit wieder an die Stabsabteilung der Bank angeschlossen.
Gleichwohl blieb DB Research Walters Rückgrat. Ohne seinen rund 45 Forscher umfassenden Stab wäre es ihm kaum gelungen, sich zu so vielen Themen zu äußern: Gesundheit, Steuerpolitik, Demografie, Energiepolitik, Japan – es gab eigentlich kaum ein Feld, das Walter nicht bespielte. Dabei setzte sich der Ökonom immer für den Freien Markt ein, vollzog während der Finanzkrise aber wie viele Andere eine Kehrtwende. „Wie bezeichnet man einen Ökonomen, der sich in der Tradition von Adam Smith und August Hayek sieht, der aber auch keynesianische Politik nicht ausschließt? Mir fällt da nichts ein“, sagt Walter.
Trotz seines langen Wirkens ist der scheidende Deutsche-Bank-Chefvolkswirt nicht außer Mode geraten. Die Medien verbreiten Walters Worte immer noch gern: Er formuliert prägnant und provokant, kann komplexe Zusammenhänge äußerst verständlich erklären. Mehr Gegenwind als in der Öffentlichkeit musste er immer wieder intern fürchten. So sah man es in der Deutschen Bank nicht gern, dass Walter 2000 auf der ersten Seite der Morgenpost Online den damaligen EZB-Präsidenten Wim Duisenberg hart anging oder 2002 den Stabilitätspakt aussetzen wollte. Dennoch hat Walter in seinen Jahren bei der Deutschen Bank vier Vorstandssprecher überstanden.
Ganz von der Bühne wird er nicht abtreten. Der Name seines neuen Unternehmens ist, wie sollte es anders sein, gewöhnungsbedürftig: „Walter & Töchter Consult“ heißt es. Zusammen mit seinen beiden Töchtern, die eine Volks-, die andere Betriebswirtin, steigt Walter ins Beratungsgeschäft ein.
Walter wäre nicht Walter, wenn er nicht selbst seine Zeit als Chefvolkswirt der Deutschen Bank als Erfolg sehen würde: „Ich bin zufrieden damit, wie die Politik die Arbeit von DB Research wahrgenommen hat“, sagt Walter. Er ist sich seines Einflusses durchaus bewusst: „Ich glaube, dass ich die Rolle des Chefvolkswirtes in Deutschland geprägt und verändert habe.“ Auf seiner Homepage findet sich eine Rubrik, in der er seine letzten zehn Zitate auflistet. Es gibt auch eine englische Version. Ihr Titel: „Die letzten zehn Gebote des Chefvolkswirts“.





