Sanierungsplan

Karstadt will Berliner Warenhäuser modernisieren

Karstadt will innerhalb der kommenden vier Jahre zahlreiche seiner Warenhäuser sanieren. Berlin gilt als einer der wichtigsten Standorte des Unternehmens. Das sorgt für Aufbruchstimmung in der Hauptstadt.

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Mit dem lange erwarteten Sanierungskonzept „Karstadt 2015“ will der neue Chef ein altes Manko der Warenhauskette wettmachen: die Unübersichtlichkeit und die Unklarheit darüber, wofür die traditionsreiche Shoppingmarke eigentlich steht. Andrew Jennings will das Artikelangebot gründlich ausmisten und überdies rund die Hälfte der 86 Kaufhäuser und 26 Sport-Filialen innerhalb der nächsten vier Jahre modernisieren. Das kündigte Jennings nach Informationen von Morgenpost Online vor Mitarbeitern der Hauptverwaltung in Essen an, denen er das neue Konzept am Freitag vorstellte. In den kommenden Tagen soll es weitere Mitarbeiterinformationen geben.

Aus dem Umfeld aber verlautete, dass sich die Strategie weitgehend an Jennings’ Bulletin anlehnt, welches er im März an die Führungskräfte gerichtet hatte. Darin hatte er die „Vision“ von Eigentümer Nicolas Berggruen zitiert, „dass Karstadt wieder zum Leben erwacht und ein führender Einzelhändler auf dem deutschen Markt wird“ und ein dynamisches Einkaufserlebnis“ schaffe, „das auf der Höhe der Zeit und für die modernen Kunden attraktiv ist“.

Wichtiger Standort Berlin

Das alles klingt noch sehr theoretisch, nach Management-Konzepten. Beobachter in Berlin konstatieren aber frischen Wind in den Häusern der Warenhauskette. Die Hauptstadt gilt als einer der wichtigsten Standorte des Unternehmens. Hier steht das Flaggschiff KaDeWe, dazu kommen sieben Kaufhäuser sowie zwei Karstadt-Sport-Filialen und ein sogenanntes Schnäppchen-Center in Spandau. Nils Busch-Petersen, Chef des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, sagt: „Es ist eine hohe Motivation bei den Karstadt-Leuten zu spüren.“ Es werde in die Filialen investiert. Erst unlängst hat sein Verband zwei Karstadt-Häusern, Müllerstraße und Schloßstraße, das Siegel „Generationenfreundlicher Einkauf“ verpasst. Und im Übrigen, sagt Busch-Petersen, hätten die Berliner Karstadt-Häuser schon immer zu den umsatzstärksten gezählt.

Dem neuen Konzept für den gesamten Kaufhauskonzern zufolge soll sich Karstadt stärker auf den Kunden ausrichten, mehr Eigenmarken, aber auch attraktive Industriemarken anbieten. Die Mitarbeiter sollen besser geschult und motiviert werden, indem sie stärker an Umsatzzuwächsen etwa ihrer Abteilungen beteiligt werden. Dafür sollen sie aber auch einen flexibleren Arbeitseinsatz akzeptieren – abhängig vom Kundenansturm.

Teilnehmer berichten von einem sehr detailliert ausgearbeiteten Plan des Managements, von einer „Fleißarbeit“, die jedoch wenig Neues gebracht habe. „Das ist ein auf vier Jahre angelegtes Programm der kleinen Schritte“, hieß es. Seit seinem Amtsantritt im Januar hatte Jennings, der frühere Chef von Woolworth Südafrika, an dem Papier gearbeitet. Ihn hatte der amerikanisch-deutsche Investor Berggruen engagiert, der die Warenhauskette im Oktober 2010 übernommen und aus der Insolvenz geholt hatte. Seither warteten Mitarbeiter, Geschäftspartner und Öffentlichkeit auf die neue Strategie.

„Alles, was wir gehört haben, halten wir für machbar“, sagte der Betriebsratsvorsitzende der Hauptverwaltung, Arno Leder, nach der Veranstaltung. „Der Kunde steht im Mittelpunkt.“ Es habe bei der Präsentation „sehr viel Applaus gegeben“. Nach Informationen von Morgenpost Online hingegen war die Reaktion der Mitarbeiter eher zurückhaltend, weil positive Überraschungen gefehlt hätten. Viele der vorgestellten Ideen hätten schon frühere Vorstände gehabt, aber nie umgesetzt, war zu hören. Jennings begrüßte die Mitarbeiter bei der rund einstündigen Veranstaltung in Essen auf Deutsch, präsentierte dann die wesentliche Elementen seines Planes auf Englisch und ließ sie übersetzen. Anschließend wurden Fragen zugelassen.

Überfällig scheint Beobachtern die nun von Jennings angekündigte Sanierung von 66 Häusern. Eine Aussage, nach der Eigentümer Berggruen dafür Geld zur Verfügung stellt, gibt es bisher allerdings nicht. Beobachter erwarten deshalb, dass Karstadt das notwendige Geld für die Sanierung aus dem eigenen Cashflow nehmen, also selbst erwirtschaften muss. Für ein grundlegendes Sanierungsprogramm in der angekündigten Größenordnung veranschlagen Marktkenner eine Summe von mehr als einer Milliarde Euro – und sie bezweifeln, dass das zu stemmen ist.

Bislang zwei Millionen Artikel

Jennings’ Plan, die Anzahl der Artikel von bisher zwei Millionen radikal zu reduzieren, ergibt nach Ansicht von Marktkennern unter Kostenaspekten durchaus Sinn. Allerdings birgt die notwendige Auswahl auch das Risiko, die falschen Produkte aus dem Sortiment zu nehmen. Grundsätzlich wird die Bereitschaft zu klaren Entscheidungen beim Sortiment jedoch begrüßt. Denn genau dazu hatte sich das Management in der Vergangenheit zu selten entschließen können.

Auch deshalb hatte Karstadt Profil verloren. Der Kunde wusste nicht mehr, wofür die Marke eigentlich stand. Der durch die Verschlankung nötig werdende Ausverkauf jener Produkte, die keine Zukunft bei Karstadt mehr haben, dürfte für das Unternehmen allerdings sehr teuer werden. Mit Millionen-Belastungen ist zu rechnen. Die Umsatzrückgänge dürften sich schmerzhaft verstärken. Zudem kündigte Jennings an, die freien Stellen des Vertriebs- und des Personalchefs bald besetzen zu wollen.

Manchem Beobachter scheint Jennings’ Strategietitel „Karstadt 2015“ arg langfristig gewählt – womöglich, um Mitarbeiter und Geschäftspartner zu beruhigen. Denn schon im Herbst 2012 wird es finanziell wieder kritisch für die Kette. Dann nämlich muss Karstadt seinen 24.000 Mitarbeitern bis zu 50 Millionen Euro pro Jahr mehr zahlen, weil der Sanierungstarifvertrag ausläuft. Darin hatten die Mitarbeiter für drei Jahre auf 115 Millionen Euro Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet, um das Unternehmen zu retten. Inzwischen hat es Lohnerhöhungen gegeben. Diese belasten das Unternehmen nun zusätzlich.