Handel zusammengebrochen

Bauern fordern Aufhebung der EHEC-Warnung

Die Angst vor EHEC hat den Handel mit Tomaten, Salat und Gurken in Deutschland zusammenbrechen lassen. Bauern und Lebensmittelhändler kritisieren die Behörden wie Ministerien und deren „undifferenzierte" Warnungen. Die sollen aufgehoben werden.

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Wegen der EHEC-Krise ist der Handel mit Salat, Gurken und Tomaten nach Angaben des Deutschen Fruchthandelsverbands fast komplett zusammengebrochen. „Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf unsere Mitgliedsunternehmen sind beträchtlich“, teilte Geschäftsführer Andreas Brügger mit. Konkrete Zahlen nannte der Verband aber nicht. Brügger forderte nicht nur Entschädigungen für die Produzenten, sondern auch für den Handel.

Der Handel mit Gurken, Tomaten und Salat sei „nahezu vollständig zusammengebrochen“, so Brügger. Es sei zu befürchten, dass es lange dauern werde, bis die Verbraucher wieder Vertrauen in diese Produkte fassen. Das Gesundheits- und Verbraucherministerium bekräftigten hingegen am Mittwoch, dass die Empfehlung, auf rohe Gurken, Tomaten, Salat und Sprossen zu verzichten, weiterhin gelte, weil die Infektionsquelle nach wie vor nicht gefunden sei. Inzwischen richtet sich der Verdacht wieder gegen Sprossen aus einem Betrieb in Niedersachsen .

Der deutsche Lebensmittel-Einzelhandel leidet erheblich unter der EHEC-Seuche: „Wir haben Umsatzeinbrüche von 30 bis 40 Prozent bei Obst und Gemüse“, sagte der Sprecher des Handelsverbands Deutschland (HDE), Kai Falk, der „Bild“-Zeitung (Mittwochausgabe). Auch bei anderen Lebensmitteln gingen die Umsätze deutlich zurück. „Der Handel spürt die große Verunsicherung der Kunden.“ Den Behörden warf Verbandsgeschäftsführer Brügger vor, „undifferenziert vor dem Verzehr von Salat, Gurken und Tomaten ohne einen wissenschaftlichen Nachweis für die tatsächliche Gefährdung der Verbraucher“ zu warnen.

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Die Warnung vor dem Verzehr im Zusammenhang mit dem aggressiven Darmkeim müsse daher zurückgenommen werden. „Solche langfristigen Warnungen verändern das Verbraucherverhalten nachhaltig“, mahnte er. Es werde lange dauern, bis die Verbraucher wieder Vertrauen aufgebaut hätten. Auf die Mitgliedsunternehmen des Verbands entfallen nach eigenen Angaben rund 70 Prozent der Umsätze bei frischem Obst und Gemüse in Deutschland.

Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) verwies in der Regierungsbefragung des Bundestags darauf, dass in 75 bis 80 Prozent aller EHEC-Fälle der Auslöser der gefährlichen Darmkrankheit nicht gefunden werde. Dennoch gebe es eine Indizienkette, die zu dem Sprossenerzeuger im niedersächsischen Bienenbüttel führe, sagte Aigner. Deshalb bleibe es bei der Warnung, dass Sprossen derzeit nicht verzehrt werden sollten. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagte, auch die Warnung vor Gurken, Salaten und Tomaten im Raum Norddeutschland werde aufrechterhalten. „Es kann keine Entwarnung gegeben werden“, sagte Bahr. Aigner betonte, es falle niemandem leicht, einen solche Warnung auszusprechen. „Aber vorsorgender Verbraucherschutz hat einfach höchste Priorität“, fügte sie hinzu. Gesundheit habe Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen.

Nach Angaben der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) in Bonn ist die Käuferschaft auf dem Gurkenmarkt drastisch zusammengeschrumpft. Anfang vergangener Woche lag sie demnach um mehr als 70 Prozent unter dem Wert von Mitte Mai. Bei Salaten seien 60 Prozent der Kunden abgewandert. Die Käuferschaft bei Rispentomaten ging laut AMI um die Hälfte zurück. Auch Arten, vor deren Verzehr nicht gewarnt wurde, ist nach Einschätzung der Fachleute in deutlich geringerer Menge verkauft worden. Dies betreffe Radieschen, Möhren, Brokkoli und auch Erdbeeren.

Allein auf der Bodenseeinsel Reichenau, Deutschlands zweitgrößtem Gurken-Produzenten, müssen die Gemüsebauern Absatzrückgänge von 80 Prozent verkraften. Obwohl es in Baden-Württemberg keine Anhaltspunkte für Spuren des Erregers gebe, sei der Markt für die etwa 100 Erzeuger auf der Insel zusammengebrochen, teilte die Reichenau-Gemüse-Vertriebsgenossenschaft mit. Jeden Tag müssten 50.000 Gurken vernichtet werden, aktuell liege der Schaden bei den Familienbetrieben bei etwa 250.000 Euro.

Nach Ansicht der Öko-Branche sind die von der EU zugesagten Entschädigungen für die europäischen Bauern durch die Kaufzurückhaltung der Verbraucher nicht genug. Der Schaden liege „bei aktuell geschätzt einer halben Milliarde Euro“, sagte der Geschäftsführer des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Alexander Gerber, dem Radiosender HR-Info. „Da reichen die 150 Millionen dann nicht aus.“ Auf diese Mindestsumme für die Gemüsebauern hatten sich die EU-Agrarminister am Dienstag bei einem Sondertreffen in Luxemburg geeinigt. Sie wird aber voraussichtlich noch höher ausfallen. „Die Entschädigungen müssen so hoch sein, dass die Existenz der Betriebe dadurch sichergestellt wird“, fügte Gerber hinzu.

Die Europäische Union plant Entschädigungen in Millionenhöhe für europäische Bauern, die wegen der EHEC-Epidemie ihr Gemüse nicht mehr verkaufen können. EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos hatte zunächst einen Entschädigungsfonds über 150 Millionen Euro für die betroffenen Bauern in allen 27 EU-Ländern vorgeschlagen. Dieser Vorschlag solle aber nachgebessert werden.

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Auch Gemüsebauern fordern die Aufhebung der pauschalen Warnung vor Gurken, Tomaten und Salat. Das Bundesverbraucherministerium und die zuständigen Bundesbehörden hätten bisher kein Indiz dafür präsentiert, dass von den betreffenden Gemüsesorten eine generelle Gesundheitsgefährdung ausgehe, teilte die Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse (BVEO) mit. „Eine differenzierte Verzehrsempfehlung der zuständigen Stellen würde dazu beitragen, die enormen wirtschaftlichen Schäden zu begrenzen“, hieß es.

Der Verband verwies darauf, dass das von den deutschen Erzeugerorganisationen freiwillig untersuchte Gemüse in allen Fällen EHEC-frei war. Bislang seien über 1000 Proben von 144 verschiedenen Gemüsearten auf eine mögliche Kontamination mit dem Darmkeim untersucht worden. Zudem seien Kühlhallen, Verpackungen, Waschwasser und Bodenproben analysiert worden. Diese Proben seien ebenso wie die amtlichen Proben durch die Behörden EHEC-frei gewesen, erklärte die BVEO. Bei allem Verständnis für die vorsorgliche Verzehrsempfehlung der Bundesbehörden sei eine „undifferenzierte Aufrechterhaltung der pauschalen Warnung“ für solche Waren, die nachweislich frei von dem Erreger sind, „nicht länger nachvollziehbar“, kritisierte der Gemüsebauern-Verband.

Nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes (DBV) belaufen sich die durch EHEC entstandenen Umsatzverluste für die deutschen Gemüsebauern bislang auf 50 Millionen Euro. Produzenten im Inland, aber auch im Ausland müssen einen erheblichen Teil ihrer Ernten vernichten, weil es für die Waren keine Abnehmer gibt. Auch der Einzelhandel verbucht gravierende Einbußen. Der Sprecher des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Kai Falk, sagte der „Bild“-Zeitung vom Mittwoch, es gebe Umsatzeinbrüche „von 30 bis 40 Prozent bei Obst und Gemüse“.

In Spanien haben Bauern in Madrid tonnenweise Gemüse kostenlos verteilt. Mit der Aktion wollten sie auf ihre schwierige Lage aufmerksam machen. Hunderte Menschen standen Schlange, um Tüten oder Kisten mit Feldfrüchten wie Tomaten, Paprika, Melonen oder Aprikosen mitzunehmen. Spaniens Landwirte haben ein Hilfsangebot der EU über insgesamt 150 Millionen Euro für europäische Bauern als unzureichend zurückgewiesen. Auch der Zeitpunkt wurde kritisiert. Zunächst müsse die Quelle der Verunreinigung mit dem Keim gefunden werden, forderten die Landwirte. Außerdem müsse das Vertrauen der Verbraucher in Gemüseprodukte wieder hergestellt werden.