Darmkeim auf Salatgurken

EHEC - Spanier beschuldigen deutschen Kunden

Das EHEC-Bakterium konnte auf Gurken aus Spanien nachgewiesen werden. Einer der spanischen Lieferanten behauptet, das Gemüse sei während des Transport verschmutzt worden. Das habe der deutsche Großkunde gewusst - und die Gurken dennoch verkauft.

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Nach Angaben des deutschen Fruchthandelsverbandes ist der Absatz eingebrochen. Kritik an den Pauschaläußerungen von Wissenschaftlern und Behörden.

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Die spanischen Behörden überprüfen wegen der möglichen Verunreinigung von Gemüse mit dem gefährlichen Durchfallerreger EHEC zwei Betriebe. Das Gesundheitsministerium in Madrid teilte mit, es sei durch das EU-weite Alarmsystem RASFF (Rapid Alert System for Food and Feed) informiert worden, dass zwischen den Erkrankungen in Deutschland und dem Gemüse aus Spanien möglicherweise ein Zusammenhang bestehe. Noch sei aber unklar, ob es zu der Verunreinigung in Spanien oder beim Transport oder beim Umladen der Ware in Deutschland gekommen sei.

Eines der betroffenen Unternehmen, Pepino Bio Frunet mit Sitz in Malaga, erklärte, dass eigene Tests an den Gurken des betroffenen Bauern keine Verunreinigung ergeben hätten. Eine Sprecherin, die namentlich nicht genannt werden wollte, äußerte die Vermutung, dass die Erreger in Deutschland an die Gurken gelangt seien. Ihr liege eine E-Mail des Großhändlers in Hamburg vor, wonach eine Palette mit 180 Kisten Gurken vom Transporter gekippt und auf den Boden gefallen sei. Außerdem seien die deutschen Proben zweieinhalb Wochen nach Auslieferung gemacht worden, als die Gurken schon halbverschimmelt in einem Lager gestanden hätten.

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Ein Manager des Unternehmens, Javier Lopez, sagte der „Bild“-Zeitung: „Die Gurken wurden mit einem Lkw abgeholt und kamen am 15.Mai in Hamburg an. Am 16. bekamen wir eine E-Mail unseres Kunden, der uns mitteilte, dass die Gurken während des Transports heruntergefallen wären. Er teilte uns mit, dass er sie trotzdem auf dem Hamburger Großmarkt verkaufen wolle.“

"Wir wollen auch nach der Wahrheit suchen“, sagte die Pepino Bio Frunet-Mitarbeiterin. Sie hoffe, dass Tests in Spanien und anderen Exportländern der Gurken die eigenen Proben bestätigen. Gleichzeitig kritisierte sie auch die deutschen Behörden, die Pepino Bio Frunet nicht über das genaue Ergebnis der Analysen informiert hätten.

Deutsche Experten waren zuvor auf ihrer fieberhaften Suche nach der EHEC-Quelle fündig geworden: Gurken aus Spanien können demnach die EHEC-Infektionswelle verursacht haben. An drei Salatgurken aus dem südeuropäischen Land entdeckte das Hamburger Hygiene-Institut den gefährlichen Durchfall-Erreger . "Es ist nicht auszuschließen, dass auch andere Lebensmittel als Infektionsquelle infrage kommen“, hatte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) mitgeteilt. Weitere Quellen seien aber denkbar. EHEC-Keime waren auch auf einer Bio-Salatgurke festgestellt worden.

Bislang starben drei Frauen in Deutschland nachweislich an den Folgen der Infektion. Bundesweit gibt es schon mehr als 700 Verdachts- und bestätigte EHEC-Fälle – die meisten davon in Norddeutschland. Trotz der Funde gibt das Bundesinstitut für Risikobewertung keine Entwarnung für andere Gurken, Tomaten und Blattsalate. Wer sicher gehen wolle, sollte zunächst ganz auf den Verzehr verzichten.

Deutschlands größte Lebensmittelhändler haben Salatgurken aus Spanien inzwischen aus dem Angebot genommen . Das Saarland stoppte den Verkauf von spanischen Salatgurken.

Der Chef des Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, machte sich indes für schärfere Regeln für Import-Gemüse stark. „Wir fordern, dass es in der EU einheitliche Standards gibt“, sagte er der „Rheinischen Post“. „Diese Regeln müssen auch für Drittländer gelten, die zu uns liefern.“ Im Gegensatz zu den sehr strengen Regeln in Deutschland würden Importe wesentlich lascher geprüft.

Unterstützung dafür kam vom verbraucherschutzpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Erik Schweickert. „Es kann nicht sein, dass in Spanien bei der Lebensmittelkontrolle geschlampt wird und in Deutschland dadurch Menschen krank werden“, sagte er der „Leipziger Volkszeitung“. „Das europaweite Schnellwarnsystem für Lebensmittel muss effizienter werden.“

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Nach Angaben der EU-Kommission wird eine weitere mögliche Infektionsquelle – Gurken aus den Niederlanden – untersucht. Schweden habe zehn Erkrankungen, Dänemark vier, Großbritannien drei und die Niederlande eine gemeldet.

Die Gemüsebauern im Norden zeigten sich nach den neuesten Erkenntnissen erleichtert. „Das schafft hoffentlich etwas Entspannung“, sagte der Geschäftsführer der Fachgruppe Gemüsebau Norddeutschland, Axel Boese. Das Robert Koch-Institut (RKI) hatte zuletzt vor dem Verzehr von Salatgurken, Blattsalaten und rohen Tomaten insbesondere in Norddeutschland gewarnt. EHEC-Erkrankte hätten dieses Gemüse häufiger verzehrt als gesunde Vergleichspersonen.

Zahlreiche Restaurants, Kantinen, Krankenhäuser und Kindergärten haben fragliches Gemüse vom Speiseplan gestrichen. Auch viele Handelskonzerne strichen spanische Salatgurken aus ihrem Angebot. Derweil haben Wissenschaftler der Universität Münster den grassierenden Darmkeim EHEC genau identifiziert.

Es handele sich um eine seltene und veränderte Variante des Erregers, die gegen viele Medikamente resistent sei, berichtete der Mikrobiologe Prof. Helge Karch. Er leitet das Konsiliarlabor für das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS), das zu tödlichem Nierenversagen führen kann. Der derzeitige Ausbruch ist nach Einschätzung des Experten sehr ungewöhnlich. Der Keim sei zwar bekannt, habe weltweit aber noch nie einen Ausbruch der Durchfall-Krankheit verursacht. In wenigen Tagen soll ein Schnelltest für die Bakterien zur Verfügung stehen.

Experten zufolge sei auch ungewöhnlich, dass viele Erwachsene erkrankten und drei Viertel von ihnen vor allem jüngere Frauen seien. Zudem sei bei ihnen die Zeit zwischen dem anfänglichen Durchfall und dem bedrohlichen HUS-Syndrom kürzer als bei Männern.

Deutschland erlebt laut RKI derzeit den stärksten je registrierten EHEC-Ausbruch. Es gebe so viele Erkrankte pro Woche wie sonst in einem Jahr. Das Bakterium – eine besonders gefährliche Form des Darmbakteriums Escherichia coli – sei hochinfektiös.

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