Aggressives Bakterium

EHEC-Gefahr auch in Streichelzoos

Die Zahl der EHEC-Erkrankungen steigt, die Übertragungswege sind noch unklar. Nachgewiesen wurde der Erreger auf Gurken aus Spanien. Kleinkinder können sich vermutlich über den direkten Kontakt zu Widerkäuern anstecken - zum Beispiel in einem Streichelzoo.

Die Zahl der gemeldeten schweren Infektionen mit aggressiven EHEC-Bakterien ist weiter gestiegen. Inzwischen seien 214 Fälle von hämolytisch-urämischem Syndrom (HUS) und zwei Todesfälle im Zusammenhang mit EHEC bekannt, teilte das Berliner Robert Koch-Institut (RKI) am Donnerstag mit. Am Mittwoch waren 140 HUS-Fälle bekannt. HUS ist die Komplikation nach einer EHEC-Ansteckung. Darunter versteht man das gemeinsame Auftreten von Nierenversagen, Anämie und Mangel an Blutplättchen.

Forscher vermuten bisher, dass die Erkrankungen durch den Verzehr von belasteten Salatgurken, Blattsalaten und rohen Tomaten herrühren könnten. EHEC-Patienten hätten rohes Gemüse deutlich häufiger gegessen als gesunde Vergleichspersonen. Die meisten Patienten gibt es bisher in Norddeutschland. Nachgewiesen wurden EHEC-Keime inzwischen auf Salatgurken aus Spanien.

Mögliche Infizierung im Streichelzoo

Das Gemüse, vor dem das Robert-Koch-Institut nun warnt, könnte mit Kot von Wiederkäuern verschmutzt worden sein, etwa beim Anbau, bei der Ernte, bei der Lagerung. Wiederkäuer - insbesondere Rinder, Schafe und Ziegen, aber auch Rehe und Hirsche - erkranken selbst nicht durch EHEC, scheiden die Erreger aber aus. In der Umwelt können EHEC-Bakterien wochenlang im Boden und Wasser überleben.

Studien belegen, dass die Übertragungswege von EHEC je nach Alter unterschiedlich sind. „Bei Säuglingen und Kleinkindern unter drei Jahren birgt vermutlich der direkte Kontakt zu Wiederkäuern wie Rindern, Schafen oder Ziegen das höchste Erkrankungsrisiko“, heißt es beim Bundesinstitut für Risikobewertung . Das geschieht zumeist durch eine sogenannte „Schmierinfektion“, also den Kontakt mit Tierkot, der dann unabsichtlich über den Mund aufgenommen wird. Im Falle von EHEC reichen kleinste Mengen – zehn bis 100 Keime – für eine Infektion. Das kann, zum Beispiel, in einem der inzwischen zahlreichen Streichelzoos geschehen, in denen gerade Kinder direkten Kontakt zu Wiederkäuern haben und sich, unter Umständen, infizieren können. Ein Mittel dagegen: Händewaschen.

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Es gibt weitere Infizierungsszenarien gerade für Kleinkinder: Kontakt zu Familienmitgliedern mit Durchfallerkrankungen, Spielen im Sandkasten, Verzehr von Rohmilch. Bei älteren Kindern, so das Bundesinstitut für Risikobewertung, kann es „wahrscheinlich“ auch in Planschbecken zur Ansteckung kommen, wenn das Wasser mit Fäkalien verschmutzt ist. Gleiches gilt für das Baden in Flüssen und Seen, die mit Tierkot verschmutzt sein können - zum Beispiel dadurch, dass landwirtschaftlich genutzte Flächen in der Nähe etwa mit Gülle gedüngt wurden.

Forscher indentifizieren Erreger

Inzwischen ist der für die aktuelle Welle gefährlicher Darminfektionen in Deutschland verantwortliche Erreger identifiziert. Es handelt sich um einen Vertreter des Typs HUSEC 41 des Sequenztyps ST678. Dies ist einer von 42 EHEC-Typen, die seit 1996 bei Patienten in Deutschland aufgetreten sind, wie Forscher des Uni-Klinikums Münster herausfanden. Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe hält die Ausbreitung des Keims für beherrschbar. Die EU will wegen der Epidemie in Deutschland bald europaweit die Alarmstufe 1 ausrufen.

Nach Darstellung der Wissenschaftler ist es mit diesem EHEC-Typ bislang weder in Deutschland noch weltweit zu dokumentierten Krankheitsfällen gekommen. Dieser Typ sei ein „alter Bekannter“, der bislang nicht „auffällig in Erscheinung getreten“ sei, sagte der Direktor des Instituts für Hygiene des Uni-Klinikums Münster, Helge Karch. Nach ersten Erkenntnissen ist dieser besonders resistent und spricht unter anderem auf Penicillin nicht an.

Laut dem Klinikum entwickeln Karch und sein Team ein Testverfahren, mit dem bei Verdachtsfällen eine schnelle Bestätigung der neuen Erregervariante möglich sein soll. Der Test solle in wenigen Tagen zur Verfügung stehen und helfen, die Epidemiologie von HUSEC 41, „zu der wir noch nichts wissen, aufzuklären“, sagte Karch. Die Identifizierung des Erregers sei „ein wichtiger Schritt auf der Suche nach den Übertragungswegen“.

Bauernbund spricht von "Panikmache"

Der Vorsitzende des Ausschusses für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit im EU-Parlament, Jo Leinen (SPD), sagte unterdessen, die Entwicklung in der Bundesrepublik werde sehr ernst genommen. „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der gefährliche EHEC-Erreger auch auf andere EU-Länder überspringt“, sagte Leinen der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten in Stockholm sei bereits eingeschaltet worden. Bei der Alarmstufe 1 werden alle Mitgliedsländer der EU aufgerufen, Maßnahmen zum Schutz ihrer Bevölkerung einzuleiten. Bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss wurde vermutet, dass der Erreger über eine Salatsorte verbreitet werde. Genaue Erkenntnisse fehlten aber noch, sagte Leinen.

Der Präsident des Deutschen Bauernbundes (DBB), Kurt-Henning Klamoth, kritisierte die Berichterstattung über den Krankheitserreger EHEC. Spekulationen, dass die Darmbakterien durch organische Düngemittel verbreitet würden, seien völlig unbegründet, würden von den Medien jedoch „als bare Münze verkauft“, sagte Klamoth. Die Berichterstattung schüre auf unverantwortliche Weise Panik bei den Verbrauchern. Ernsthafte Sorgen um Absatzeinbrüche bei heimischen Agrarprodukten mache er sich trotzdem nicht, sagte Klamoth. „Es ist immer die gleiche Sau, die in Halbjahres-Abständen durchs Dorf getrieben wird“, sagte er. In ein paar Tagen werde das schon wieder vergessen sein.