Der Mann, der über „Glaube und Verantwortung“ spricht, hat einen Bart, aber er ist kein Priester, sondern Ökonom. Norbert Walter ist sogar Chefvolkswirt der Deutsche Bank Gruppe. Walter, 65 Jahre, Franke und dezidiert Katholik, nennt das, was er vorträgt, Gedankensplitter, ohne roten Faden. Es ist eine nachdenkliche Rede, die er am Mittwochabend im Senatssaal der Humboldt Universität in Berlin hält, die 10. Berliner Rede zur Religionspolitik.
Es sind ungemein logische, wenngleich nicht allgemeingültige Gedankensplitter. Etwa die berufliche Treue: „Es ist einfach, Treue zu erhalten, wenn man Treue vorlebt.“ Er als Führungskraft habe vor allem ein Ziel: Leistung zu motivieren. „Und so früh es geht: Verantwortung übertragen – nicht deligieren.“ Reizvoll auch der Gedankensplitter zum Thema Behinderung: „Niemand hat mehr für Behinderte getan als Johannes Paul II. Er hat sich und uns das Behindertsein zugemutet.“ Walter befürwortet es, Menschen mit Behinderung in Firmen einzubinden.
Deutlich stellt Walter die Triebfeder der Marktwirtschaft heraus: die Eigenliebe. So sah es schon Adam Smith, den Walter einen Moralphilosophen nennt. Dabei seien Marktwirtschaft, Ethik und Moral keine Gegensätze. Walter plädiert für „honesty“, wofür er keinen exakten deutschen Begriff findet; das Wort „Aufrechtheit“ käme honesty am nächsten. Also Aufrechtheit als Gegenpol zu den Exzessen. Damit nimmt Walter vor allem die Unternehmen in die Pflicht: „Wir haben so getan, als ob die Menschen nur Arbeitskraft seien.“ Dabei seien Menschen auch Partner, in Ehen, in Freundschaften, in der Hilfe zu Kranken und Alten.
Norbert Walter ist unbequem, eine Reizfigur. Zuletzt, als er als beinahe einziger deutscher Volkswirt von Rang frühzeitig das Ausmaß der Rezession mit minus fünf Prozent richtig deutete. Doch die Reizfigur Walter ist heute nicht anwesend. Sie verbirgt sich, mit Absicht, denn Walter möchte heute keine politische Diskussion starten, möchte nicht auf einer „zu niedrigen Ebene“ landen, möchte nicht „aggressiv“ werden.
In früheren Interviews hatte er vereinzelt Sätze gesagt wie: „Der Bezug zu Gott gibt mir im hektischen Tagesgeschäft eine innere Verankerung, ich schöpfe Ruhe und Kraft daraus gerade, wenn es mal nicht so gut läuft.“ Und, dass er eigentlich Priester werden wollte. Dies erwähnt er heute nicht, dafür gibt er einen Einblick, wie es dazu gekommen ist, dass er als Ökonom auch über seinen Glauben spricht. Zunächst habe ihn seine Scheu daran gehindert; er wollte niemanden belästigen. Doch er wurde dazu aufgefordert. Und war verblüfft, wie positiv die Reaktionen waren.
Nach der Rede steht Walter noch vor dem Senatssaal und diskutiert mit seinen Zuhörern. Auf einem Tisch liegt sein neues Buch, „Marktwirtschaft, Ethik und Moral“, das in der Reihe der Berliner Reden zur Religionspolitik erscheint. Walter, die Reizfigur, deutet auf den Umschlag, darauf ein Foto von ihm, er lacht und sagt: „Meine Frau hat gesagt: So brav bist Du nicht.“
Norbert Walter: Marktwirtschaft, Ethik und Moral. Wie Werte das Vertrauen in die Ökonomie stärken. Berlin University Press, 90 Seiten




