Führende Wirtschaftsexperten sehen auch trotz des leichten Wachstums im zweiten Quartal dieses Jahres noch kein Ende der Wirtschaftskrise in Deutschland. „Der steile Absturz der Wirtschaft ist zwar gestoppt, die weltweite Krise ist deshalb aber nicht überstanden“, sagte der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, der „Bild“-Zeitung. Es gebe keine Anzeichen für einen neuen, nachhaltigen Aufschwung. „Die deutsche Wirtschaft wird so schnell nicht zu alter Stärke und den alten Wachstumsraten zurückfinden“, so Snower weiter.


Der Vorsitzende des Sachverständigenrats der Bundesregierung, Wolfgang Franz, sagte der Zeitung: „Wir sind mit dem Fahrstuhl im Keller angekommen, jetzt geht es mit der Rolltreppe ganz langsam nach oben.“ Die Rezession sei aber noch nicht überstanden. Es werde keine stürmische Aufwärtsbewegung der deutschen Wirtschaft geben, weil ein Anspringen der Weltkonjunktur nicht zu erkennen sei. Der Wirtschaftsweise warnte: „Wir werden dieses Jahr ein Minus-Wachstum von 5,5 Prozent haben. Das hat schlimme Folgen für den Arbeitsmarkt: Zur Jahreswende wird die Vier-Millionen-Marke gerissen, 2010 bleiben wir aber unter fünf Millionen.“

Auch Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, sieht noch keine Ende der Krise: „Wir bewegen uns aus dem Tal nur mit kleinen Schritten heraus. Der Mini-Aufschwung ist geborgt mit staatlichen Programmen wie der Abwrackprämie, die alle auslaufen.“ Es sei zu früh, von einer Erholung zu sprechen.

Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel, warnt vor dem Hintergrund des Rezessionsendes vor zu viel Euphorie. Deutschland habe allen Grund, sich angesichts der veröffentlichten Zahlen zu freuen, stehe aber auch „am Beginn eines langen, schmerzhaften Aufstiegs“, sagte Keitel am Donnerstagabend in der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“. Dies gelte umso mehr, als „die Flasche schon am Beginn der Tour halb ausgetrunken“ sei, betonte er unter Verweis darauf, dass die guten Zahlen zum Teil auf die staatlichen Fördermaßnahmen zurückzuführen seien. Das Wirtschaftswachstum von 0,3 Prozent bedeute noch nicht „den Aufschwung für alle“, er sei aber sicher, dass Deutschland in der Lage sei, den Aufstieg zu meistern.

DGB-Chef Michael Sommer verwies dagegen auf ein Wirtschaftswachstums-Minus von 7,1 Prozent im Vorjahresvergleich. „Es geht also runter“, sagte der Gewerkschafter. Er wolle vermeiden, dass die Menschen im Land nach der Bundestagswahl am 27. September „aufwachen und sich die Augen reiben“, sagte Sommer. Er warnte vor sozialen Verwerfungen für den Fall, dass keine weiteren Maßnahmen gegen die Auswirkungen der Krise ergriffen würden. „Wenn tatsächlich die Kurzarbeiterbrücke nicht hält und die Konjunkturprogramme nicht greifen, dann werden wir in diesem Land wirklich größere soziale Schwierigkeiten bekommen“, so Sommer.

Die staatlichen Konjunkturpakete sind nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nicht die Ursache für das überraschende Wachstum der deutschen Wirtschaft im zweiten Quartal 2008. „Die Wirtschaft wäre auch ohne die staatlichen Konjunkturpakete aus der Krise gekommen“, sagte DIW-Präsident Klaus Zimmermann dem Berliner „Tagesspiegel“.

Die Investitionsprogramme liefen jetzt erst an und hätten im zweiten Quartal noch keine Rolle gespielt, sagte er. Damit stellte sich Zimmermann gegen Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der erklärt hatte, das Wachstum sei auf das „schnelle und beherzte Handeln“ der Bundesregierung zurückzuführen. Bestenfalls habe die Ankündigung der Programme für mehr Optimismus bei Wirtschaft und Verbrauchern gesorgt, gestand Zimmermann zu.

Der DIW-Chef prognostizierte für die kommenden Monate weiteres Wachstum. „Ich glaube nicht, dass es einen konjunkturellen Rückschlag geben wird“, urteilte er. In den nächsten Quartalen werde es bei einem leicht positiven Wachstum bleiben. Es werde daher auch keinen Einbruch am Arbeitsmarkt geben. „Bis Oktober wird es kaum Entlassungen geben. Danach wird die Arbeitslosigkeit zwar steigen, aber nicht übermäßig – die Fünf-Millionen-Marke werden wir 2010 auf keinen Fall sehen.“ Entsprechend werde es auch keinen Einbruch beim Konsum geben.

dpa/PHJ