OECD-Prognose

Deutschland etabliert sich als Wachstumskrösus

Die deutsche Wirtschaft sprintet laut OECD anderen Industrieländern davon. Der Aufschwung soll lange anhalten – auch am Arbeitsmarkt.

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Die deutsche Wirtschaft wird auch in den kommenden Jahren überdurchschnittlich stark wachsen und dabei im kommenden Jahr die Konjunkturlokomotive unter den Industrieländern sein. Damit rechnet die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die ihren halbjährlichen Wirtschaftsausblick veröffentlicht hat. Die Volkswirte der Organisation erwarten, dass die aktuelle Aufschwungphase mehrere Jahre anhalten wird.

„Deutschland ist für die kommenden zwei bis drei Jahre gut aufgestellt“, sagt Felix Hüfner, Deutschland-Experte bei der Organisation. Er und seine Kollegen rechnen damit, dass die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr um 2,5 Prozent wachsen wird und 2012 um weitere 2,2 Prozent. Dieses Jahr soll das Plus 3,5 Prozent betragen. Damit fiele das Wachstum gleich drei Jahre in Folge für deutsche Verhältnisse ungewohnt stark aus.

Die Volkswirte der OECD haben damit wie zuvor schon die Prognostiker anderer Organisationen, Institute und Banken ihre Wachstumsprognose für Deutschland nach oben geschraubt. Zuletzt hatten sie für dieses Jahr ein Plus von zwei Prozent erwartet und für 2011 noch einmal 2,1 Prozent. Vor allem die internationale Nachfrage nach Maschinen, Autos und anderen Industriegütern aus Deutschland hatte in den vergangenen Monaten für volle Auftragsbücher bei den Unternehmen gesorgt. „Der Export treibt im Moment das Wachstum“, bestätigt auch Hüfner bei der Vorstellung der OECD-Prognose. „Aber inländische Faktoren gewinnen an Bedeutung.“ Damit schließen er und seine Kollegen sich anderen Experten an, die erwarten, dass die gute Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in den kommenden Monaten den Konsum ankurbeln wird.

Bis 2012 soll es nach den OECD-Berechnungen rund 250.000 weniger Arbeitslose geben als heute. Die Arbeitslosenquote soll bis dahin von 6,9 Prozent in diesem Jahr auf 6,3 im kommenden Jahr und 6,2 Prozent im Jahr 2012 sinken. „Solch ein Niveau haben wir selbst direkt nach der Wiedervereinigung nicht beobachtet“, sagt Deutschland-Experte Hüfner. Auch international sticht der hiesige Arbeitsmarkt heraus, die Arbeitslosenquote der gesamten OECD liegt in diesem Jahr bei 8,3 Prozent und soll bis 2012 auf 7,3 Prozent sinken. Allerdings berechnet die OECD die Quoten nach internationalen Standards, daher sind sie mit den Zahlen deutscher Volkswirtschaftler und Behörden nicht vergleichbar. Die Wirtschaftsweisen beispielsweise rechnen damit, dass die Arbeitslosenquote im kommenden Jahr nach hiesiger Berechnungsweise auf sieben Prozent sinken wird.

Ökonomen erwarten, dass diese gute Entwicklung für Zuversicht und höhere Löhne sorgt, und beides wiederum könne den Konsum der privaten Haushalte antreiben. Der soll in den beiden kommenden Jahren jeweils um weit mehr als ein Prozent zulegen – das sind hierzulande ungewohnt hohe Werte. Auch die Unternehmen sollen in den kommenden Monaten dank niedriger Zinsen und hoher Auslastung wieder stärker investieren.

Wirtschaft nimmt Kurs auf Vorkrisenniveau

Dank der starken Exporte und des anspringenden Binnenkonsums soll die deutsche Wirtschaftsleistung im dritten Quartal 2011 ihr Vorkrisenniveau erreichen. Noch ist es nicht soweit; im dritten Quartal dieses Jahres lag das Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch zwei Prozent unter dem Niveau von Anfang 2008. Mit seiner Konjunkturentwicklung sprintet Deutschland anderen Industrieländern davon: Die Pariser Ökonomen erwarten, dass die gesamte OECD mit 2,3 Prozent im kommenden Jahr etwas geringer wachsen wird als Deutschland; 2012 soll das Wachstum in den Industriestaaten dann 2,8 Prozent erreichen. Die Wirtschaft der USA beispielsweise legt im kommenden Jahr nur um 2,2 Prozent zu und damit schwächer als im Durchschnitt der Vorkrisenjahre; erst 2012 soll das US-Wachstum auf 3,1 Prozent steigen. „Deutschland ist die Konjunkturlokomotive“, sagt Hüfner.

Er und seine Kollegen erwarten, dass sich der Aufschwung in den 33 OECD-Ländern nach dem Jahreswechsel zwar abschwächt, aber trotzdem weitergehen wird. „Wir gehen nicht von einem starken und schnellen Boom aus, sondern von einem graduellen Zuwachs“, sagt Eckhard Wurzel, Leitender Volkswirt bei der OECD. Ein Faktor für das schwächere Wachstum sind geringere Staatsausgaben: Ab dem kommenden Jahr werden viele Regierungen beginnen, Ausgaben zu streichen, um ihre Haushalte ins Plus zu bringen.

Außerdem laufen weltweit die Konjunkturprogramme aus. Das bremse zwar die konjunkturelle Entwicklung, gleichzeitig seien die Wachstumsgrundlagen aber weiter intakt: Die Situation auf den Finanzmärkten habe sich verbessert, das Wachstum des Welthandels sei weiter robust und deutlich stärker als vor der Krise und die privaten Haushalte in vielen Ländern hätten bereits erfolgreich Schulden abgebaut und damit mehr Spielraum, um Geld auszugeben.

Weltwirtschaft birgt erhebliche Risiken

In der Weltwirtschaft lauern allerdings weiter erhebliche Risiken, die das weltweite Wachstum gefährden: Ein Unsicherheitsfaktor sind die Immobilienpreise in den USA und Großbritannien, die seit Mitte 2007 stark gesunken sind. Würden sie noch weiter absacken, könnte das den privaten Verbrauch in den betroffenen Ländern merklich dämpfen. Sorgen macht den Ökonomen auch, dass die Finanzmärkte die hohen Staatsschulden viele Länder zunehmend skeptisch sehen. „Sollte diese Besorgnis zunehmen, könnte dies zu Verwerfungen an den Finanzmärkten und einem Vertrauensschwund führen“, schreiben die Experten. Wie so etwas aussehen kann, erlebt gerade die irische Regierung.

Unabhängig von den aktuellen Entwicklungen im Euroraum rät die OECD ihren Mitgliedern, im kommenden Jahr mit der Konsolidierung der Staatsfinanzen zu beginnen, um das Vertrauen der Finanzmärkte und der Bevölkerungen zu sichern. „Es gibt Länder ohne Alternativen, die sehr schnell und sehr stark konsolidieren müssen“, sagt Wurzel. „Aber auch die anderen müssen 2011 anfangen.“ In Deutschland sei der Konsolidierungsbedarf weit geringer als in anderen Industriestaaten. Die Bundesregierung könne deshalb ihre Sparanstrengungen graduell einleiten. Die OECD hat derzeit 33 Mitglieder, darunter viele reiche Industriestaaten mit hohen Pro-Kopf-Einkommen. Die Organisation, die in Paris sitzt, dient als Forum, in dem die Mitglieder Erfahrungen austauschen können. Der Club sucht sich seine Mitglieder selbst aus; zuletzt sind Chile, Israel und Slowenien beigetreten.