Nach dem Erdbeben

Japanische Großkonzerne stellen Produktion ein

Das schwere Erdbeben hat mit Japan ein High-Tech-Land erschüttert. Bei Toyota oder Sony geht nichts mehr, die Börse stürzt in den Keller.

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Etliche japanische Unternehmen haben am Montag ihre Produktion gestoppt nachdem das schwerste Erdbeben in Japan den Nordosten erschüttert hat. Viele Fabriken wurden zerstört und der Strom fiel aus. Auch viele Einzelhandelsgeschäfte waren im Zentrum von Tokyo geschlossen. Zehntausende Menschen gelten nach dem Erdbeben und Tsunami vergangene Woche als tot, viele werden vermisst. Tokyo Electric Power plant Stromrationierungen in der Region um Tokio, da das Unternehmen von den Atomschmelzen in seinen Reaktoren in der Präfektur Fukushima betroffen ist.

Der Energieversorger will versuchen die Stromproduktion abzufedern, indem Atomreaktoren abgeschaltet werden. Der Autobauer Toyota Motor kündigte einen Produktionsstopp von Montag bis Mittwoch in all seinen inländischen Fabriken an. Nach Angaben von Kyodo News seien dies Sicherheitsvorkehrungen für die Arbeiter und deren Familien in den vom Erdbeben erschütterten Regionen. Die dreitägige Betriebspause komme einem Verlust von 40.000 produzierten Autos gleich, berichtete Kyodo News.

Auch die Toyota-Töchter Daihatsu Motor und Hino Motors wollten dem Beispiel folgen. Die Firma Isuzu Motors wollte ihre Produktion sogar von Montag bis Freitag lahmlegen. Weil zu wenig Autoteile geliefert wurden, musste auch Honda Motor seine Produktion in der Erdbeben betroffenen Region einstellen. Sony setzte den Betrieb in der Fabrik für Klebebänder bei Kanuma, nördlich von Tokio, aus. Auch der Elektronikriese Toshiba kündigte an, dass in Fukaya, bei Tokio, die Produktion von Flachbildschirmen eingestellt werde. Das berichtete Kyodo.

BMW holte unterdessen seine deutschen Mitarbeiter nach Hause. Die insgesamt rund 50 Angestellten seien auf dem Heimweg, sagte ein Sprecher des Autobauers. Seinen japanischen Mitarbeitern habe der Konzern angeboten, sie bei der Suche nach sicheren Unterkünften im Süden des Inselstaats zu unterstützen. BMW beschäftigt in Japan insgesamt rund 700 Menschen. Der Konzern unterhält neben einer Vertriebsorganisation in Tokio unter anderem auch ein Entwicklungsbüro in der Hauptstadt.

Über die wirtschaftlichen Folgen lasse sich angesichts der unübersichtlichen Lage derzeit aber noch nichts sagen, sagte der Sprecher. Das Unternehmen hat in Japan im vergangenen Jahr rund 44.000 Autos der Marken BMW und Mini verkauft. Das sind rund 3 Prozent des weltweiten Gesamtabsatzes von 1,46 Millionen Autos. Das Land gehört damit zu den kleineren Märkten. Der Elektrokonzern Siemens sieht seine Mitarbeiter in Japan derzeit nicht in Gefahr. Alle der 2500 Siemens-Mitarbeiter und ihre Familien befänden sich in Sicherheit, teilte das Unternehmen mit.

Den Mitarbeitern werde empfohlen, sich strikt an die Sicherheitsmaßnahmen und Evakuierungspläne der Behörden vor Ort zu halten. Die Mitarbeiter hätten auch die Möglichkeit das Land zu verlassen. Inwiefern Siemens wirtschaftlich von der Katastrophe betroffen ist, konnte ein Sprecher noch nicht sagen. Auch das japanische Nutzfahrzeuggeschäft des Stuttgarter Autoherstellers Daimler ruht in dieser Woche. Produktion und Verwaltung der japanischen Tochter Mitsubishi Fuso blieben geschlossen, teilte das Unternehmen mit. Nach derzeitigem Kenntnisstand sei keiner der 12836 Mitarbeiter in Japan zu Schaden gekommen. Ein Großteil der Angehörigen deutscher Mitarbeiter sowie Dienstreisende seien schon auf der Rückreise.

Der Chef der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Franz, gab vorerst Entwarnung für die Weltwirtschaft wie auch für die deutsche Wirtschaft: „Eine erneute globale Rezession befürchte ich nicht, auch nicht eine hiesige deutliche Konjunkturabschwächung“, sagte der Chef des Sachverständigenrates dem „Handelsblatt“. Einige deutsche Unternehmen könne es allerdings vorübergehend hart treffen, wenn sie sehr stark in Japan engagiert seien.

Eine indirekte Wirkung könne zudem von Drittlandeffekten ausgehen: „Länder, deren Exportanteil nach Japan sehr hoch ist und die demzufolge zumindest kurzfristig in Mitleidenschaft gezogen werden, können ihre Importe aus Deutschland zeitweilig zurückfahren“. Dies sei aber sehr schwer zu beziffern und „vermutlich eine temporäre Erscheinung“, sagte Franz. Die Naturkatastrophe erschüttert Japan zu einer Zeit, in der politische Unruhen Nordafrika beherrschen, die US-Wirtschaft fragil ist und Europa gegen die Schuldenkrise kämpft. All diese Entwicklungen seien „höchst unsicher, Prognosen daher auch“, gab Franz zu Bedenken.

Ökonom rät zu Steuererhöhungen

Vor allem die Folgen der Nuklearkatastrophe seien nicht absehbar. „Die Schäden des Erdbebens dagegen dürften auf den Weltmärkten nur kurzfristig zu Produktions- und Nachfrageausfällen führen, lehren uns frühere Katastrophen, die allerdings zugegebenermaßen kleiner waren“, sagte er. Der japanischen Regierung rät der deutsche Ökonom zu Steuererhöhungen: Angesichts der hohen Staatsverschuldung werde sie entgegen erster Ankündigungen wohl nicht umhin kommen zu erwägen, den Wiederaufbau durch einen Zuschlag zur Einkommen- oder zur Umsatzsteuer zumindest teilweise zu finanzieren. „Je eher eine solche natürlich unpopuläre Maßnahme umgesetzt wird, um so größer dürfte die Akzeptanz bei den Steuerzahlern sein, wenn sie die Katastrophenbilder frisch in Erinnerung haben.“

„Japan wird durch diese Naturkatastrophe sicherlich einen Rückgang der Wirtschaftsaktivität verkraften müssen“, sagte der Wirtschaftsweise Lars Feld dem Berliner „Tagesspiegel“. Inwieweit sich dies auch auf andere Länder auswirken werde, sei aber noch offen. Möglich seien hier sogar positive Wirkungen aufgrund des in Japan anstehenden Wiederaufbaus. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hofft auf geringe negative Folgen für das japanische Wirtschaftswachstum. „Ein hochtechnologisch aufgestelltes Land wie Japan wird in der Lage sein, den Schock zumindest wirtschaftlich wieder schnell zu verdauen“, sagte DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann der „Berliner Zeitung“. Allerdings dürfe die Produktionsunterbrechung nach den Beben nicht zu lange dauern.

Beim Wiederaufbau sei vor allem privates Engagement gefragt sei, denn der staatliche Sektor Japans sei bereits hochverschuldet. Die Naturkatastrophe und der Störfall bei der Kernkraft seien ein schwerer Schlag für die Menschen in Japan. „Wir müssen jetzt zunächst vor allem versuchen zu helfen“, sagte der DIHK-Präsident. Nach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) wird das schwere Beben die Industrieproduktion in Japan für unabsehbare Zeit beeinträchtigen. Dies gelte wahrscheinlich auch für Unternehmen, die außerhalb der Katastrophenregion liegen.

Denn diese litten ebenfalls unter ausbleibenden Zulieferungen und Energieengpässen, teilte das arbeitgebernahe Institut mit. Dass viele Menschen durch die Katastrophe ihr Zuhause und ihre Arbeit verloren haben, werde sich negativ auf den Konsum auswirken. Andererseits werde der demnächst beginnende Wiederaufbau einen gewaltigen Investitionsschub auslösen und die Konjunktur wieder ankurbeln. Die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft schätzt das IW als moderat ein. Deutschland etwa exportiere nur ein Prozent seiner Güter nach Japan, die Importe machten etwa drei Prozent aus.

Wegen des schweren Erdbebens und des anschließenden Tsunamis sind in dem Land mindestens sechs Häfen schwer beschädigt worden. Die nordöstlichen Häfen Hachinohe, Sendai, Ishinomaki und Onahama sind nach Angaben von Hafenbetreibern und Reedereien so stark verwüstet worden, dass sie für Monate, wenn nicht sogar Jahre außer Betrieb bleiben dürften. Japans neuntgrößter Container-Hafen Kashima und der kleinere Hafen Hitachinaka seien weniger stark beschädigt, würden aber voraussichtlich erst in einigen Wochen wieder in Betrieb gehen. Dutzende Container-Schiffe seien außerdem zerstört worden.

Die Hafenausfälle dürften nicht nur die Hilfs- und Aufräumarbeiten in dem Katastrophengebiet nordöstlich der Hauptstadt Tokio erschweren, sondern auch zu erheblichen Störungen der internationalen Handelsströme führen. Die Schließung der Häfen wird die japanische Volkswirtschaft voraussichtlich 3,4 Milliarden Dollar täglich kosten, wie aus Daten des Schifffahrtsmagazins Lloyd's List Intelligence hervorgeht. Der maritime Handel hatte im vergangenen Jahr ein Volumen von 1,5 Billionen Dollar.

Nach Einschätzung von Analysten dürfte es Monate dauern, bis die japanische Frachtschifffahrt wieder ihr normales Niveau erreicht hat. „Die kurzfristigen Auswirkungen auf die Wirtschaft könnten größer sein als nach dem Kobe-Erdbeben“, sagte Analyst Jiyun Konomi von Nomura Securities. Nach dem Erdbeben in Kobe 1995 hätte die japanische Speditionsbranche drei Monate benötigt, um wieder ihr normales Niveau zu erreichen.