Angst vor dem Gau

Neue Explosionen erschüttern AKW Fukushima

Im japanischen Unglückskraftwerk Fukushima ist es am Montag erneut zu einer Explosion gekummen. Dabei sollen mehrere Menschen verletzt worden sein. Laut Betreiber sei der betroffene Reaktorbehälter aber intakt.

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Am Unglücks-Kernkraftwerk Fukushima hat es eine erneute Explosion gegeben, elf Menschen wurden dabei verletzt. Radioaktive Belastung laut Regierung nicht gestiegen.

Video: Reuters
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Nur zwei Tage nach dem Atomunfall in der japanischen Anlage Fukushima 1 haben Explosionen in einem weiteren Reaktor erneut die Angst vor einer atomaren Katastrophe geschürt. Nach Angaben der Atombehörde des Landes und des Kraftwerkbetreibers Tepco ereigneten sich zwei Explosionen, vermutlich Wasserstoffexplosionen, in Reaktor 3 der Anlage. Fernsehbilder zeigten dicke, weiße Rauchsäulen über dem Reaktor. Bereits am Samstag hatte es in dem Akw eine Explosion gegeben, durch die das Gebäude rings um Reaktor 1 zerstört worden war. Nach den Explosionen vom Montag erklärte Tepco aber, der Reaktorbehälter sei intakt. Regierungssprecher Yukio Edano erklärte zudem, die Wahrscheinlichkeit des Austritts von Radioaktivität an der Anlage sei „gering“. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Jiji wurden neun Menschen bei den Explosionen verletzt.

In dem Atomkraftwerk Onagawa sank nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) der Grad der Radioaktivität mittlerweile wieder auf ein normales Niveau. Zuvor war für das Akw im Nordosten des Landes, in dem es gebrannt hatte, wegen überhöhter Radioaktivität der atomare Notstand ausgerufen worden. Untersuchungen der japanischen Behörden an der Anlage hätten nun aber ergeben, dass aus keinem Reaktor Radioaktivität ausgetreten sei. Tepco plante angesichts des Ausfalls zahlreicher Kraftwerke, ganze Regionen einschließlich des Großraums um die Hauptstadt Tokio vom Stromnetz zu nehmen, verschob diese Maßnahme aber erneut, um zunächst den Bedarf der Bevölkerung sicherzustellen.

Spezialisten versuchen weiter, die Lage in Fukushima mit großen Mengen Meerwasser und Borsäure in den Griff zu bekommen. Seewasser steht in dem Kraftwerk direkt am Meer reichlich zur Verfügung. Das Element Bor wird zugesetzt, weil es die bei einer Kettenreaktion entstehenden Neutronen „einfängt“. Dadurch soll der sich im Innern des Unglücksreaktors eventuell weiterhin selbst erhaltende nukleare Brennvorgang gestoppt werden.

Reaktoren müssen noch über Jahre gekühlt werden

Nach Angaben der renommierten US-Wissenschaftlerorganisation Union of Concerned Scientists (UCS) ist die Flutung des Reaktors in Fukushima gleichwohl nur eine verzweifelte allerletzte Notlösung. Eine solche Maßnahme beschädige den Reaktor schwer und sei ein sicheres Zeichen dafür, dass der Betreiber nicht damit rechne, die regulären Kühlsysteme wieder in Gang zu bekommen, hieß es auf der Homepage der US-Wissenschaftler.

Selbst wenn es in Japan nicht zu einem Super-GAU kommt, wird das Land noch jahrelang mit den Folgen der Atomunfälle zu kämpfen haben. Die Reaktoren müssen noch über Jahre gekühlt werden, erklärte der Atomexperte Mycle Schneider. „Wenn Sie den Reaktordruckbehälter mit einem Schnellkochtopf vergleichen, heißt das, der wird jetzt nicht mehr etwas gekühlt, sondern komplett in der Badewanne versenkt“.

Dann setze ein Jojo-Effekt ein: „Die Temperatur im Druckbehälter steigt, also wird Meerwasser hinein gepumpt. Das verdampft durch die Hitze des Kernbrennstoffs und erhöht damit den Druck im System. Also muss der radioaktive Dampf abgelassen werden, was die Menge an Kühlwasser reduziert“, sagte Schneider. Daraufhin steige die Temperatur im Druckbehälter wieder und es müsse erneut Meerwasser hineingepumpt werden. Dieser Prozess werde noch lange nötig sein, da die alten Brennstäbe noch jahrelang durch den Restzerfall der spaltbaren Produkte Wärme abgeben. Deswegen könne die evakuierte Bevölkerung auf unabsehbare Zeit nicht zurückkehren.

„Es ist völlig unklar, wie viel radioaktiv verseuchter Dampf abgelassen werden muss. Es ist völlig unklar, wie hoch die Strahlung ist, wie groß die Konzentration strahlender Spaltprodukte ist und wie oft in den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten noch kontaminierter Dampf aus den Druckbehältern abgelassen werden muss.“ sagte Schneider, der international als Gutachter für Atomanlagen tätig ist. Vielleicht müsse „noch viel weitflächiger evakuiert werden als bisher“.

Schweres Nachbeben

Auch die Erde hört in Japan nicht auf zu beben. Kurz zuvor, um 10 Uhr Ortszeit (2 Uhr MEZ), hatte sich ein schweres Nachbeben vor der Küste ereignet. Die US-Erdbebenwarte (USGS) gab die Stärke mit 5,8 an. Das Epizentrum lag demnach vor der Küste, rund 150 Kilometer nordöstlich von Tokio entfernt. Der Fernsehsender NHK berichtete unter Berufung auf Beobachtungen der Feuerwehr per Helikopter, in Folge des Nachbebens rolle eine Tsunami-Welle auf das Land zu, die bis zu drei Meter hoch sein könne. Daraufhin gaben die örtlichen Behörden eine Tsunami-Warnung heraus, hoben sie wenig später aber auf. Das meteorologische Institut konnte die Angaben eines drohenden Tsunamis nicht bestätigen, obgleich ein Sprecher einräumte, dass einige Messgeräte durch das schwere Beben vom Freitag und den anschließenden Tsunami beschädigt wurden.

Die Polizei gab die Zahl der Toten durch die Naturkatastrophen unterdessen mit fast 1600 an, es wird aber wegen der zahlreichen Vermissten mit weitaus mehr Opfern gerechnet. Das Jahrhundertbeben hat auch Japans Wirtschaft schwer erwischt. Die Börse in Tokio verzeichnete am Montag kurz nach der Öffnung bereits deutliche Kursverluste. Der japanische Nikkei-Index brach um mehr als sechs Prozent ein und rutschte unter die wichtige Marke von 10.000 Punkten. Auch die Aktien japanischer Autobauer wie Toyota und Nissan gaben deutlich nach. Die japanische Zentralbank pumpte zunächst sieben Billionen Yen in den Geldmarkt des Landes und erhöhte diese Rekordsumme danach zwei Mal auf insgesamt dann 15 Billionen Yen. Es würden „alle möglichen Maßnahmen“ ergriffen, um die Stabilität der Finanzmärkte sicherzustellen, sagte ein Sprecher der Zentralbank.

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