Volkskongress

Peking ungerührt – China setzt voll auf Atomkraft

Trotz einer drohenden Kernschmelze in Japan will Peking den Ausbau der Atomkraft beschließen. Der Anteil an Atomstrom soll sich bis 2015 verdoppeln.

Foto: picture alliance / dpa / picture alliance / dpa/EPA

Die Gefahr der Kernschmelze in Japan und der Austritt von Radioaktivität als Folge des Erdbebens hat Chinas Energieplaner aufgeschreckt. Seine Atomsicherheitsbehörden ließen sich Japans Nuklearbehörde detalliert über die Lage nach dem Erdbeben informieren. Entlang der chinesischen Küste wurden zudem sicherheitshalber Detektoren aktiviert.

"Wir haben bisher keine Strahlungen gemessen“, sagte Vize-Umweltminister Zhang Lijun auf Fragen von Morgenpost Online am Rande des in Peking stattfindenden Volkskongresses. „Alle unsere Daten zeigten bis Samstag normale Werte an.“

Der Vizeminister sagte weiter, dass bei allen 13 chinesischen Reaktoren Funktionstests gemacht wurden. Auch bei ihnen wurden keine Abweichungen festgestellt. „Alles läuft normal und sicher.“

Peking verfolge die weitere Entwicklung in Japan aufmerksam. Es werde daraus auch Lehren ziehen und sie in seiner „Entwicklungsstrategie und seine Pläne für die Kernkraft“ angemessenb berücksichtigen. „ An unserer Entschlossenheit, Atomkraftprojekte zu entwickeln, wird sich nichts ändern.“

Das Riesenreich China, das selbst immer wieder von schweren Beben heimgesucht wird, hat allen Grund auf das Nachbarland Japan zu schauen. Dabei ist es nicht so sehr die Sorge vor radioaktiver Kontamination.

Dafür liegen beide Länder zu weit voneinander entfernt. Aber China beschleunigt gerade ein extrem ehrgeiziges Ausbau-Programm für seine Atomkraft. Pekings Regierung will bis 2015 rund 28 neue Atomanlagen mit Dutzenden Reaktoren bauen und in Betrieb nehmen. Es hat dafür das am schnellsten wachsende Ausbauprogramm für Atomenergie in der Welt aufgelegt.

Im neuen offiziellen Fünfjahresplan 2011 bis 2015, den der Volkskongress am Montag verabschieden wird, ist der Ausbau der Atomenergie auf 40 Gigawatt installierte Leistung festgeschrieben. Bis Ende 2010 hatte China erst 13 Reaktoren in Betrieb, die mit einer installierten Leistung von 10,8 Gigawatt weniger als zwei Prozent zum Primärenergieverbrauch beitragen.

Der Anteil an Atomstrom soll sich bis 2015 verdoppeln. Bis 2020 soll er sich sogar auf sieben bis acht Prozent des Bedarfs vervierfachen. Chinas „Nationale Atomgruppe“ (CNNC) und die Staatliche Energiebehörde (NEA) haben für 2020 als konkretes Ziel Atomanlagen mit einer installierten Leistung von 86 Gigawatt Atomenergie vorgegeben. Das sind acht mal mehr als 2010.

Pekings Zielsetzung ist, den Anteil an „sauberer und erneuerbarer Energie“ in Chinas Energiemix auf mehr als ein Drittel erhöhen, um so weniger Öl zu importieren. Und vor allem weniger schmutzige Kohle verbrauchen zu müssen, von der Chinas Energiegewinnung noch zu 70 Prozent abhängt. Im neuen Fünfjahresplan stehen gigantische "grüne" Investitionsprojekte.

China will sich etwa 120 Gigawatt Leistung über neue Riesendämme bei der Wasserkraft, 70 Gigawatt Leistung bei der Windkraft und fünf Gigawatt Leistung bei Sonnenenergie bis 2015 zubauen.

Angesichts der Gigantonomie wird oft übersehen, dass auch die Atomkraft einen Großen Sprung nach Vorn macht. Nur wenige Wissenschaftler innerhalb Chinas kritisieren die, so etwa "China Daily" viel „zu aggressiven Wachstumziele“ für Atomstrom bis 2020. Peking hat auch noch nicht erklärt, wo es für seine Reaktoren ausgebildete Sicherheitsfachleute und Techniker hernehmen will, wer die inzwischen Hälfte aller chinesischen Provinzen überwacht, die unbedingt alle ihr eigenes Akw haben wollen.

Es hat auch die Frage offen gelassen, woher es das benötigte Uran bekommt. Unter Chinas wachsender Zahl an Umweltschützern finden sich bisher keine Atomkraftgegner. Es gibt auch keine öffentliche Debatte über ungelöste Sicherheitsprobleme, oder, wo der Atommüll endgelagert werden soll. Das bedrohliche Erdbeben in Japan stößt solche Fragen nun an. Wie sicher sind Chinas im Schnellverfahren gebaute Akws, wenn es zum Erdbeben kommt?