Naturkatastrophe

Japans Tsunami drückt Kurse der Rückversicherer

Viele deutsche Firmen können den Umfang der Schäden durch das Seebeben noch nicht genau beziffern. Doch Rückversicherer trifft es am härtesten.

Das Erdbeben in Japan war an den Finanzmärkten schon in den ersten Morgenstunden zu spüren. Der Deutsche Aktienindex Dax rutschte in den ersten Handelsminuten um 1,2 Prozent ab und damit unter die Schwelle von 7000 Punkten. Der Nikkei-Index hatte da in Tokio bereits mit einem Abschlag von 1,7 Prozent auf einem Fünf-Monats-Tief geschlossen.

„Das Erdbeben hat die ohnehin schon bestehende Volatilität weiter erhöht“, sagt Wolf von Rotberg, Asien-Experte bei Deutsche Bank Research. Man konnte beobachten, dass die Märkte ihren Trend zu soliden Anlagen – wie beispielsweise sicheren Staatsanleihen – fortsetzten. Doch dass das Beben einen weltweiten konjunkturellen Dämpfer auslösen könnte, davon gehen Analysten derzeit nicht aus. „Der direkte Einfluss auf die Weltkonjunktur über den Handel ist gering, da Japans Wirtschaft relativ geschlossen ist“, so von Rotberg.

Eine sinkende Nachfrage könnte sich jedoch bei Industriemetallen bemerkbar machen. Japan importiert nach China und den USA weltweit am meisten Rohstoffe. Insbesondere der Kupferpreis geriet am Freitag unter Druck. Die Tonne des Industriemetalls verbilligte sich um bis zu 2,2 Prozent auf 8992 Dollar. Beim Ölpreis traf das Beben auf eine ohnehin angespannte Situation an den Märkten: Seit Wochen drücken die politischen Spannungen in Nordafrika auf den Ölpreis. Zudem stand am Freitag in Saudi-Arabien, dem größten Opec-Förderland, ein Protesttag an. An den Devisenmärkten sorgte das Beben im Verlauf des Freitags nur für kurze Verwerfungen. Dass sich die Kurse so schnell erholten, werten Währungsexperten als Zeichen dafür, dass die Märkte die volkswirtschaftlichen Schäden nicht allzu negativ sehen.

Beziffern lassen sich die Schäden derzeit noch nicht. Auch Parallelen zu früheren Katastrophen sind schwierig. „Mit dem Tsunami 2004 kann man dieses Beben schwer vergleichen, weil Japan eine ganz andere Infrastruktur aufweist als Thailand oder Sri Lanka“, sagt Hanns Günter Hilpert, Asien-Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Er sieht eher Parallelen zu dem Erdbeben in Kobe 1995; damals beliefen sich die volkswirtschaftlichen Schäden auf rund 100 Milliarden Euro, die versicherten Schäden lagen wesentlich niedriger bei etwa drei Milliarden Euro.

Betroffen sind von Naturkatastrophen vor allem Rückversicherer, da sie den Erstversicherern die großen Risiken ab einer bestimmten Schadensschwelle abnehmen. Da in der Regel Naturkatastrophen nicht überall auf der Welt gleichzeitig passieren, können sie die Risiken in ihrem internationalen Geschäft ausbalancieren. Ihre Schäden sind immer dann besonders groß, wenn die Katastrophen in Regionen passieren, die stark bevölkert und weit entwickelt sind. Im Gegensatz zu Schwellenländern sind dort die Versicherungswerte höher.

Die Analysten der Investmenbank JP Morgan schätzen den Kosten der europäischen Rückversicherer vorläufig auf bis zu 1,4 Milliarden Euro.

Die Sprecher des größten Rückversicherers Munich Re sagten, dass es für eine Bezifferung des Schadens noch zu früh sei. Dass das Haus die Folgen spüren wird, ist jedoch absehbar. „Wir haben unser Budget für Naturkatastrophen bereits ausgeschöpft“, hatte Munich-Re-Vorstand Nikolaus von Bomhard noch am Donnerstag bei der Jahrespressekonferenz in München gesagt. Allein das Erdbeben im neuseeländischen Christchurch im Februar dieses Jahres habe sein Haus nach vorläufigen Schätzungen 725 Millionen Euro gekostet. Weitere Kosten müssten nun durch Gewinne in anderen Konzernsegmenten abgefedert werden. Bei der Jahrespressekonferenz hatte von Bomhard das Gewinnziel von 2,4 Milliarden Euro für das laufende Jahr nur unter der Prämisse gehalten, dass im weiteren Jahresverlauf nicht überdurchschnittlich viele Naturkatastrophen auftreten. Nach dem Erdbeben in Japan könnte es noch schwieriger werden, das ohnehin schon ambitionierte Gewinnziel zu erreichen.

Auch die Hannover Rück, der drittgrößte Rückversicherer, ist von dem Japan-Beben betroffen. Im Gegensatz zur Munich Re jedoch ist das Großschadensbudget noch nicht ausgeschöpft. Für das Jahr haben die Hannoveraner 530 Millionen Euro veranschlagt, davon sind durch die Flut in Brisbane und das Neuseelandbeben 190 bis 250 Millionen Euro bereits verbraucht. „Wir sind auch im japanischen Markt vertreten, aber wie stark die Auswirkungen sind, ist derzeit völlig unabsehbar“, sagte ein Sprecherin Silvia Dudda „Morgenpost Online“.

Dass die Aktienkurse der Assekuranz deutlich nachgaben, verwundert daher nicht. Die Titel der Rückversicherer verbilligten sich um rund fünf Prozent, die Allianz gab um zwei Prozent nach. Dennoch sehen Analysten die Rückversicherer keineswegs als unattraktive Investition. „Kurzfristig ist das Beben natürlich kein Kaufargument“, sagt Konrad Becker, Analyst bei der Privatbank Merck Finck. „Aber wer langfristig denkt, sollte kaufen, wenn die Erdbeben grollen.“ Denn wenn Naturkatastrophen passieren, können die Versicherer für das kommende Jahr höhere Prämien durchsetzen.

Im April stehen die jährlichen Erneuerungsrunden in der Region Asien-Pazifik an. Schon dann könnten sich Preissteigerungen bemerkbar machen. Allerdings macht das neu zu verhandelnde Volumen bei der Munich Re nur 20 Prozent des Gesamtvolumens aus, sagt Analyst Becker. Der unmittelbare Effekt könne also nur begrenzt sein.

Andere deutsche Konzerne dürften von dem Beben nur in geringem Ausmaß betroffen sein. Die Allianz ist in der Region tätig, kann aber nach Angaben eines Sprechers die Schadenssumme noch nicht abschätzen. Der Autobauer Daimler hat Standorte vor allem in Tokio und Kawasaki. Rund 12.800 Beschäftigte sind für den Hersteller in Japan im Einsatz. „In Tokio und Kawasaki sind nach bisherigen Erkenntnissen keine Mitarbeiter zu Schaden gekommen“, so ein Sprecher. In Kawasaki gebe es nur leichte Gebäudeschäden. Der Automobilzulieferer Bosch meldete Schäden an einigen seiner 36 Standorte.