Als Hannes Wehn am 23. November 2008 die erste Bewerbung los schickt, sieht es nicht gut aus. Gut zwei Monate zuvor hat die Pleite der US-Bank Lehman Brothers die Welt geschockt. Erst taumelten die Finanzmärkte, dann kroch die Angst in Chefetagen und Haushalte, Vorbote einer jeden Rezession. Wehn wusste, es würde nicht einfach werden, einen neuen Job zu finden. Aber er war guter Dinge. Wehn hat im Ausland gearbeitet, Mitarbeiter geführt und ist für seine Jobs mit der Familie umgezogen. Ein deutscher Maschinenbau-Ingenieur, erfahren, flexibel und mit Weiterbildungs-Zertifikaten. So einer wird gebraucht. Dachte er.

Zwei Jahre später zieht Hannes Wehn, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, in einem Schöneberger Café eine Liste aus seiner Tasche. Sie ist vier Seiten lang; er hat darauf seine Bewerbungen dokumentiert. An welche Firma sie gingen, wann er sie losschickte, was daraus wurde. Seit zwei Jahren reisen Wehns Mappen durch die Republik, auch jetzt, wo außerhalb von Wehns Welt über Wirtschaftwunder und Fachkräftemangel geredet wird. 171 Bewerbungen hat der 51-Jährige bis heute verschickt. „Das frustriert“, sagt Wehn. Er hat keinen Job in Aussicht.

Glaubt man den Schlagzeilen und Berichten, könnte man an der Existenz von Hannes Wehn, dem langzeitarbeitslosen Maschinenbauingenieur aus Berlin, zweifeln. Der Verein Deutscher Ingenieure spricht von mehr als 66.000 zu besetzenden Stellen. In den Zahlenkolonnen der Bundesagentur für Arbeit sind Ende November exakt 23.052 arbeitslose Ingenieure registriert, in Berlin sind es fast 2500. Fachkräftemangel in Deutschland scheint ein flüchtiges Phänomen, mal mehr, mal weniger präsent. Je nachdem, in welcher Region Deutschlands man schaut und welche Branche man untersucht.

In den Ohren von Wehn klingt das Wort Fachkräftemangel sowieso wie der blanke Hohn. Obwohl auch er sagt: „Ich bestreite nicht, dass es einen Ingenieurmangel gibt. Doch das gilt nur für sehr spezielle Bereiche.“ Doch es würden immer andere Spezialisten gesucht, sagt Wehn. Nicht so einer wie er, Produktionsingenieur im Maschinenbau. Unternehmen, glaubt Wehn, suchten genau den Fachmann, der ohne viel Einarbeitung sofort den Job erfüllen kann. Wer dem Profil nicht exakt entspreche, erhalte keine Chance.

Zudem ist die Hauptstadt für einen Ingenieur nicht der beste Standort. Die Industriemetropole Berlin ging nach 1990 regelrecht den Bach runter. Mehr als 300.000 arbeiteten Anfang der 90-er Jahre in Fertigungsbetrieben. Heute sind es bei optimistischer Zählung knapp 100.000. Der Bedarf an Maschinenbauingenieuren in der Stadt war schon mal höher.

Nun taugt die Existenz arbeitsloser Ingenieure nicht dazu, die These vom Fachkräftemangel zu widerlegen. Offene Stellen werden mitunter nicht besetzt, weil sich keiner findet, bei dem sich die Personalabteilung sagt: formale Qualifikation, persönliches Auftreten, richtiges Alter – alles stimmt. Es kommt dann darauf an, wie weit Unternehmen bereit sind, von der Beschreibung in der Stellenanzeige abzurücken. Ein namhafter Weltkonzern hat das weniger nötig als ein unbekannter Mittelständler in der Provinz.

Siemens ist so ein Weltkonzern, der größte Produktionsstandort ist in Berlin. Rund 3000 Leute sucht der Konzern derzeit in Deutschland, mehr als die Hälfte der Stellen sind für Ingenieure. Es gehe ein Vielfaches an Bewerbungen ein, sagt Stefan Moschko, Personalchef für Deutschland. Von Fachkräftemangel mag er nicht sprechen, aber von einem verschärften Kampf um die Besten „Es kommt auch darauf an, für welchen Standort wir suchen“, sagt Moschko. Jobs in Erlangen oder Berlin zu besetzen, sei kein Problem. Anders sehe dies in Ostdeutschland aus.

Wehn rechnet sich kaum noch Chancen auf einen Job bei so namhaften Firmen wie Siemens aus. Er würde sich auch über eine Zeitarbeitsfirma vermitteln lassen, Erfahrung hat er schon. „Irgendwann, in zig Jahren kriegen sicher alle einen Job“, sagt er. Seinem Sohn, acht Jahre alt, will er trotzdem davon abraten, Ingenieur zu werden.