Die Berliner Industrie will bis zum kommenden Jahr 400 Ausbildungsplätze mehr anbieten. Das sicherten Wirtschaftsvertreter im Steuerungskreis Industriepolitik zu. Damit soll es so viele Ausbildungsplätze geben wie im Rekordjahr 2007. Insgesamt will die Industrie dann 1400 Lehrstellen bieten, im Krisenjahr 2009 waren es 970. „Das ist ein wichtiger Indikator dafür, dass die Berliner Unternehmen an die industrielle Zukunft der Stadt glauben“, sagte Handwerkskammerpräsident, Stephan Schwarz.
Im Steuerungskreis sind seit einem Jahr der Berliner Senat, alle wesentlichen Berufsverbände und die Gewerkschaften vertreten. Ziel ist es, die Chancen der Berliner Wirtschaft im nationalen und internationalen Vergleich zu verbessern und die verschiedenen Fördermöglichkeiten zu bündeln.
Nach dem radikalen Abbau von Industriearbeitsplätzen in Berlin seit dem Mauerfall, soll der Industriestandort jetzt wieder gestärkt werden, sind sich die Teilnehmer einig. „Die Berliner Industrie ist ein Wachstumskern“, sagte Schwarz. „Dieser Mentalitätswechsel hat sich in der Stadt und bei den Handelnden vollzogen.“
Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) begrüßte die Ausbildungszusage der Industrie. „Das heißt aber auch, dass sich niemand mehr rausreden kann“, sagte Wowereit. Das Land sicherte dagegen zu, die Schulabgänger besser auszubilden. So soll in jedem Bezirk eine weiterführende Schule mit einem naturwissenschaftlichen Schwerpunkt entstehen, wie es in dem „Maßnahmepaket für Fachkräfte in der Berliner Industrie“ heißt, das der Steuerungskreis jetzt beschlossen hat.
Außerdem sollen jährlich 24 neue Partnerschaften zwischen Schulen und der Wirtschaft entstehen. Derzeit sind es 120 mit Industrie- und 110 mit Handwerksunternehmen. „Wir haben das ambitionierte Ziel, dass jede Schule eine Partnerschaft mit der Wirtschaft eingeht“, sagte Wowereit. Ziel sei es, möglichst viele Schulabgänger in den ersten Arbeitsmarkt zu überführen, um sie nicht durch staatliche Maßnahmen in eine Warteschleife zu schicken. Zwar sei es richtig, dass rechnerisch jedem Schulabgänger ein Ausbildungsplatz angeboten werden könne, ohne entsprechende staatliche Angebote bestehe jedoch „kein gesundes Verhältnis“, sagte Wowereit.
Mit den Maßnahmen wollen Senat und Wirtschaft den drohenden Facharbeitermangel in Berlin abwenden. „Wir werden den demografischen Wandel nicht aufhalten können“, sagte Schwarz. „Aber wir können die Ressourcen besser nutzen.“ So soll die Zahl der Auszubildenden mit Migrationshintergrund erhöht und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert werden.
Gleichzeitig gibt der Steuerungskreis inhaltliche Schwerpunkte vor. In vier Wochen soll das Konzept zur Elektro-Mobilität vorgestellt werden, mit dem das Land das Fördergeld als Modellregion erhalten will. Das Geld hat der Bund in Aussicht gestellt.
Die Gewerkschaften unterstützen die Arbeit des Steuerungskreises. „Die Bilanz des ersten Jahres kann sich sehen lassen“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes Berlin, Christian Hoßbach. „Es geht um qualifizierte und in der Regel besser bezahlte Arbeitsplätze mit Perspektive.“
Nach Angaben des Statistischen Landesamtes hat die Berliner Industrie die Wirtschaftskrise bereits überwunden. Der Umsatz stieg im vergangenen Jahr um 4,1 Prozent auf rund 22 Milliarden Euro. Die Zahl der Beschäftigten in der Industrie beträgt 77410 (plus 0,5 Prozent). Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) rechnet in diesem Jahr mit einem Wachstum der Berliner Wirtschaft von insgesamt 2,5 Prozent.




