Ghetto-Gold

Die Millionen-Geschäfte der HipHop-Stars

Hip-Hop ist lukrativ. Das meiste Geld verdienen die Top-Interpreten jedoch nicht mit der Musik selbst, sondern mit Kleidung, Parfum und Schmuck. Stars wie P. Diddy und Russell Simmons sind Meister der Selbstinszenierung - und als Künstler umstritten.

Steven Cohen wünscht sich manchmal, nie in dieses Haus gezogen zu sein. Nicht, dass es an Lebensstandard mangelte. „One Beacon Place“ mitten in Manhattan ist eines dieser exklusiven Häuser, in denen Diener mit weißen Handschuhen den Bewohnern die Haustür aufhalten – und ungebetene Gäste draußen bleiben. Seit ein paar Monaten aber ist die Ruhe bei Cohen, einem der erfolgreichsten Hedgefonds-Manager von ganz New York, und seinen Millionärsnachbarn gestört. Seither steht in der Einfahrt ständig ein blauer Maybach im Parkverbot. Die Hausangestellten haben jedoch Not, dieses Verbot durchzusetzen. Denn die Bodyguards, die das Auto bewachen, sind „die größten Männer, die ich je gesehen habe“, wie einer der Concierges verschüchtert erklärt.

Der Maybach gehört Jay-Z, der mit bürgerlichem Namen Shawn Carter heißt. Er wohnt zusammen mit seiner Freundin, der Pop-Sängerin Beyoncé, im Beacon. Jay-Z ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Hip-Hop-Musiker der Welt. Er hat mehr als 30 Mio. Alben verkauft und verfügt über ein geschätztes Privatvermögen von 340 Mio. Dollar (249 Mio. Euro). Vor dreieinhalb Jahren setzte Jay-Z sich vorübergehend als Musiker zur Ruhe. Mit 34 Jahren. Er wollte sich lieber auf lukrativere Geschäfte konzentrieren: Seine Plattenfirma, den Nachtklub und die Kleidungsmarke.

Jay-Z gehört zu einer Handvoll Männer in den USA, die in den vergangenen Jahren ein Vermögen mit Hip-Hop gemacht haben. Nicht nur mit der Musik, sondern vor allem mit den Imperien, die sie sich um den Sprechgesang herum aufgebaut haben. Die anderen Größen der Branche sind die Musiker Diddy, 50 Cent, Eminem und Nelly. Sie alle haben dreistellige Millionenbeträge auf dem Konto und betreiben ganze Firmensammlungen. „Die Zeiten sind vorbei, als Hip-Hop-Musiker nur naive Künstler waren. Heute sind sie fast immer auch Unternehmer“, sagt der renommierte Branchenanwalt Bret Lewis, der schon für die Rapper Snoop Dogg und DMX arbeitete.

Die Geschäfte der Hip-Hop-Mogule laufen deshalb so gut, weil sie es geschafft haben, die Musik in ein Lebensgefühl zu verwandeln: Wer den Sprechgesang gut findet und sich mit ihm identifiziert, will schnell auch die typische Kleidung, die Goldketten, Baseball-Mützen und Lederjacken, die seine Idole tragen. Das Interesse vor allem amerikanischer Jugendlicher an Hip-Hop ist groß: Russell Simmons, der erfolgreichste aller Produzenten aus der Branche und Gründer des Plattenlabels Def Jam, schätzt, dass es 45 Mio. potenzielle Käufer für typische Hip-Hop-Produkte gibt, für Kapuzenshirts, weite Hosen, Turnschuhe oder Schmuck. Er hat sogar ausrechnen lassen, wie groß die Kaufkraft dieser Gruppe ist: zwölf Mrd. Dollar (8,8 Mrd. Euro).

Der Meister in der Kunst, aus Hip-Hop Geld zu machen, ist Sean Combs. Vor zehn Jahren nannte der 37jährige sich noch Puff Daddy, später änderte er seinen Künstlernamen in P. Diddy, heute nennt er sich nur noch Diddy. Combs ist Dauergast in den Medien, war lange mit Sängerin Jennifer Lopez liiert und steht auf der Liste der Hip-Hop-Titanen ganz oben. Sein Vermögen soll 346 Mio. Dollar (254 Mio. Euro) betragen.

Wie fast alle Hip-Hop-Künstler hatte Combs bis vor kurzem sein eigenes Plattenlabel, „Bad Boy Records“. Mittlerweile hat er es allerdings an den Musikkonzern Warner Music verkauft. Nun hat er mehr Zeit für seine Kleidungslinie „Sean John“ und seine anderen Geschäfte. Allein mit seinem Parfum „Unforgivable“ verdiente der 37jährige im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben sechs Mio. Dollar. 2005 kündigte er in einem Zeitungsinterview großmundig an, bald auch noch ins Mobilfunkgeschäft einsteigen zu wollen. Davon ist allerdings nichts mehr zu hören.

P. Diddy - als Musiker unbeliebt

In der Hip-Hop-Branche ist Combs ziemlich unbeliebt. Zwar macht er noch immer ab und zu selbst Musik. Sein aktuelles Album mit dem Titel „Press Play“ erschien im Herbst vergangenen Jahres. Doch es fehlt ihm nach Ansicht vieler anderer Rapper an „Street Credibility“ – also an der Glaubhaftigkeit, sich vom Ghettokind zum erfolgreichen Businessmann hochgearbeitet zu haben. Anstatt harter Reime und ernster Texte sind Combs' Lieder meist gecoverte Popsongs, die mit ein paar Zeilen Sprechgesang unterlegt werden. Das US-Satiremagazin „The Onion“ schrieb in einem Artikel über ein angebliches neues Stück: „Ein neuer Rap-Song von Diddy. Basiert auf Michael Jacksons ‚Billie Jean', Diddy fügt nichts hinzu.“

Combs ist jedoch das größte Vermarktungsgenie in der Branche. Was er mit seinem Namensstempel versieht, wird zu Gold. Eine seiner größten Einnahmequellen derzeit ist das Restaurant Justin's, das in New York nicht weit entfernt vom Empire State Building, in einer der angesagten Clubstraßen liegt. Das Restaurant hat ein angestrengt schickes Ambiente: riesige Topfpflanzen, weiße Stoffgirlanden an der Decke, in der Ecke neben der Küche legt ein Discjockey auf. Die Kunden, meist afroamerikanischer Abstammung, sitzen im gelblich gedimmten Licht, wippen im Takt der Musik und essen frittiertes Hühnchen für 17 Dollar oder Hummerschwanz für 24 Dollar. Musik von Diddy wird an diesem Abend im April nicht gespielt.

Viel "Bling Bling" im Luxusclub

Nur zwei Blocks weiter betreibt Konkurrent Jay-Z sein eigenes Lokal, den schicken „40/40 Club“. Von außen wirkt er sehr dezent, nur ein kleines Schild weist darauf hin, dass hier mit viel „Bling Bling“ – Rappersprache für Prunk – gefeiert wird. Innen wird dafür auf zwei Stockwerken geprotzt. Cremefarbene Ledersessel schwingen von der Decke, der Boden ist mit italienischem Marmor ausgelegt, auf großflächigen LCD-Bildschirmen flimmert Sportfernsehen. Im Hinterzimmer hat der Teilhaber seinen persönlichen VIP-Raum. Dort gibt es zusätzlich einen Billardtisch und mehrere Spielekonsolen, berichtet das „New York Magazine“, das den Hip-Hop-Unternehmer kürzlich in seinen Privaträumen besuchen durfte.

Jay-Z führt demnach sogar seine Geschäfte vom Hinterraum des „40/40 Club“ aus. Anstatt Musik zu machen, leitet er heute im Hauptberuf die Plattenlabels „Def Jam“ und „Roc-A-Fella“ und bekommt dafür ein Jahresgehalt von drei Mio. Dollar vom Musikkonzern Universal Music Group, die sich die beiden Labels einverleibt hat. „Roc-A-Fella“ hatte Jay-Z erst vor gut zehn Jahren gemeinsam mit seinem damaligen Produzenten und besten Freund Damon Dash gegründet. Die beiden wurden schnell erfolgreich und gründeten kurze Zeit später auch noch die Bekleidungsmarke „Rocawear“, die einen Jahresumsatz von zuletzt 700 Mio. Dollar hatte.

„Wir wollten reich werden. Aber mit Hip-Hop-Musik allein geht das nicht“, sagt Damon Dash. Die Gewinnspannen seien zu klein, weil man in Hip-Hop-Stücke häufig Melodien aus anderen Liedern einfließen lässt. Dies kostet jedoch hohe Lizenzgebühren. Mit der Zeit verdienten die beiden viel mehr Geld mit Kleidung als mit Musik. „Wir nutzten die Musikvideos vor allem, um dort unsere neue Designerkollektion zu zeigen“, sagt Dash. Der Produzent selbst wurde damit so reich, dass er sich heute einen Butler, einen Koch, einen persönlichen Assistenten und eine Fotografin leisten kann, die ihn überall hin begleitet. Er kaufte sich eine Firma für Schweizer Uhren, eine für Turnschuhe und eine Wodka-Marke. Er trägt T-Shirts und Socken nie zweimal. Einmal im Monat stiftet er 30 T-Shirts und 30 Paar Socken an die Wohlfahrt.

Als das Plattenlabel der beiden jedoch 2004 an „Def Jam“ verkauft wurde, zahlte Jay-Z seinen Produzenten Dash plötzlich aus. Seither sind die beiden keine Freunde mehr, sagt Dash. „Wenn wir uns auf einer öffentlichen Veranstaltung sehen, dann grüßen wir uns noch. Aber das war es dann auch.“ Bisher kann Dash seinen luxuriösen Lebensstil allerdings auch ohne Jay-Z weiterführen.

Dieser wiederum hat sein Geld unter anderem in ein Basketball-Team investiert. Er ist Teilhaber an den New Jersey Nets. Momentan überlegt Jay-Z, ob er sie in den New Yorker Stadtteil Brooklyn umsiedeln soll. Das wäre für ihn bequemer, da der New Yorker Ortsteil näher an seinem Büro liegt.