HipHop

Fette Töne – 50 Cent und Kanye West streiten

Die zwei amtierenden Rap-Mogule legen neue Alben vor –- und sie gehen gehörig aufeinander los. Das ist ein Kampf zwischen Teddybär und Gorilla, sagt 50 Cent. Ich will wie Bono werden, meint Kanye West. Und holt sich dafür sogar Anregung von einer Band aus Köln.

Der Kugelhagel scheint dem Gangsta-Rapper 50 Cent nichts anhaben zu können. Wenn seine massiven Silberketten als Schutz nicht mehr ausreichen, schnappt sich der Muskelprotz eine zufällig neben ihm stehende Person, zieht sie vor seinen Körper und feuert aus der Deckung einige Salven aus der Pistole in die Richtung seiner Gegner.

Der menschliche Schutzschild zieht deren Projektile an wie ein Magnet. Keiner kann Fifty aufhalten und jedem, der ihm im Weg steht, ist eine Kugel zwischen die Augen sicher. Im Videospiel "Bulletproof" kann der Spieler in die Rolle des Rappers schlüpfen, ins Ghettoleben eintauchen, wild mit Pistolen fuchteln und mit ihnen feindliche Computergangs niedermähen.

Match zwischen Teddybär und Gorilla

Auch im wahren Leben fühlt sich der vor 32 Jahren in New York als Curtis Jackson geborene 50 Cent derzeit bedroht, obwohl ihm sein aktueller Gegenspieler nicht nach dem Leben trachtet. Der ähnlich erfolgreiche Rapper Kanye West legte lediglich den Veröffentlichungstermin seines neuen Albums auf den 11. September. Dies ist genau der Tag, an dem 50 Cents drittes Werk "Curtis" auf dem amerikanischen Markt erschien. Zudem behauptet West, dass sein Album "Graduation" mehr einspielen werde als die Musik seines Konkurrenten.

Ganz unwahrscheinlich ist diese Prognose nicht. West ist nicht nur für seine große Klappe bekannt, sondern tat sich auch als erfolgreicher Produzent von HipHop-Künstlern wie Jay-Z, Common oder der Sängerin Alicia Keys hervor. Außerdem gewann der Rapper bereits sechsmal einen Grammy.

"Wenn Kanye mehr verkauft als ich, werde ich nie wieder ein Soloalbum herausbringen!", lautete 50 Cents Reaktion. "Kanye wird mich niemals schlagen! Das wird ein Match zwischen einem Teddybären und einem Gorilla!"

Kanye West ist der Louis Vuitton Don

Kanye West mag Teddybären. Manchmal trägt er sogar ein Bärenkostüm. Seine knuddeligen Markenzeichen sind auf jedem seiner Albencover zu finden. Gäbe es ein Videospiel des HipHop-Künstlers, wäre die Aufgabe folgende: Die vom Spieler gesteuerten Bärchen müssten Kanye West mit teurer Markenkleidung ausstatten und mit Diamantenschmuck behängen, bis dieser wie eine wandelnde Schaufensterpuppe für Designermode aussähe.

Der selbst ernannte "Louis Vuitton Don" gilt nämlich als Vorreiter für Modetrends. Mit einem übermäßig ausgeprägten Selbstwertgefühl trägt der 30-Jährige zum Beispiel eine weiße Brille mit Plastikstreben statt Gläsern. Letztere könnte eine Erklärung für seine eingeschränkte Weltsicht sein, in der der Künstler vorrangig sich selbst wahrnimmt. Geht es nicht nach seinem Willen, rastet er aus, wie zum Beispiel bei der diesjährigen Preisverleihung der MTV Awards, bei der er keinen Preis gewonnen hatte.

Für West bedeutet sein neues Album das Ablegen seiner Reifeprüfung als großer HipHop-Künstler. Er will das Genre durch eine Vielzahl musikalischer Einflüsse aus anderen Stilrichtungen bereichern, interessanter und massentauglicher machen. Auf früheren Alben hat Mr. West meist Samples aus Soul-Stücken verwendet. Auf "Graduation" sind dagegen für Rap-Musik eher ungewöhnliche Passagen aus Songs von Elton John, Steely Dan oder der deutschen Krautrockgruppe Can zu hören.

Die Frauen sind willig, die Pistolen geladen

Die HipHop-Käuferschicht, die hauptsächlich aus weißen Jugendlichen der weltumspannenden Mittelschicht besteht, wird es dem Rapper danken. West will weg vom einengend antibürgerlichen HipHop, hin zum opulenten Pop-Kunstwerk. So bringt er Abwechslung in das festgefahrene Genre und auf die Tanzflächen der Clubs.

Das ist nicht gerade 50 Cents Anliegen. Dennoch bedient auch er ein Bedürfnis der jugendlichen Zielgruppe. Seit jeher inszeniert er sich für die Nachkommen des bürgerlichen Mittelstands als geläuterter Gangster. Da Fifty das Leben im Ghetto selbst erlebt hat, präsentiert er seinen treuen Hörern eine Lehrstunde im Ausleben niederer Instinkte. Auf dem Album "Curtis" rappt er undeutlich über Altbewährtes: die Frauen sind willig, die Pistolen geladen und die Kohle muss her.

Während Kanye West seine klare Stimme bei der Single "Stronger" über ein Sample der französischen Elektro-Band Daft Punk legt, nuschelt 50 Cent in seinen Songs so, als habe er ein Stück der Schokoladenpistole im Mund, die er auf einer Abbildung des Booklets mit Messer und Gabel verspeist.

"Ich will der Bono des HipHop werden!"

50 Cent mag Schusswaffen, obwohl er im Jahr 2000 selbst zum Opfer einer Schießerei wurde. Genau wie sein Ebenbild im Videospiel lädt er seine Pistole in Songs wie "My Gun Go Off" oder "Fully Loaded Clip" mehrfach durch. Schon im Intro des Albums wird der Hörer Zeuge eines Waffendeals. Dies geschieht alles nur, um die jugendlichen Zuhörer darüber aufzuklären, wie es im Ghetto wirklich zugeht.

Kanye West setzt sich in Songs wie "Can't Tell Me Nothing" lieber mit sich selbst und seiner Wirkung in der Öffentlichkeit auseinander. Er hinterfragt kurz seine verschwenderische Lebensart, kommt dann aber schnell wieder zu der Einsicht, dass noch mehr Champagner und noch viel mehr Geld für sein Wohlbefinden nötig seien. Mr. West will noch hoch hinaus. "Ich will mit Coldplay auf der Bühne stehen und U2 Konkurrenz machen. Ich will der Bono des HipHop werden!"

Die einzigen massen- und diskotauglichen Stücke von "Curtis" sind die Stücke mit Gastbeiträgen. Völlig von 50 Cents Nuschelrap eingelullt, erwacht der Hörer, wenn Justin Timberlake bei der Single "Ayo Technology" mit hoher Stimme Obszönitäten haucht oder Fifty eine Pause einlegt, damit Nicole Scherzinger, Chefin der Gesangsgruppe Pussycat Dolls, den Refrain zu "Fire" singen kann. Auch 50 Cents Entdecker Eminem bereichert mit seinem Sprechgesang den sonst monotonen Song "Peep Show".

Vermarktungsfähig sind beide

Aber nicht nur die bekannten Gastsänger und die kommenden Fernsehauftritte werden zum Erfolg des Albums beitragen, sondern auch die allumfassende Kommerzialisierung der Marke "50 Cent", zu der eine Modelinie, ein Musiklabel und das Videospiel gehören.

Es gilt 50 Cents Lebensmotto, nach dem sowohl sein erstes Album als auch der Kinofilm über seine Vergangenheit in der New Yorker Southside benannt sind: "Get Rich or Die Tryin".

Ein ähnliches Programm kann Kanye West unterstellt werden. Er bedient sich der unterschiedlichsten Themen, wenn sie nur vermarktungsfähig sind. Der Unterschied ist nur, dass Sterben für ihn keine Option ist. Die überhöhte Selbstwahrnehmung geht so weit, dass sich West auf dem Cover des Magazins "Rolling Stone" sogar als Jesus am Kreuz ablichten ließ.

Der Unsterbliche trifft im Duell der Rapper also auf den kugelsicheren Ghettogangster mit Bildungsauftrag. Eine bessere Leistung konnten die Marketingverantwortlichen nicht hinlegen. Die Interessierten werden beide Alben kaufen müssen, um für sich zu entscheiden, wer der Bessere ist.

50 Cent: Curtis (Interscope/ Universal)Kanye West: Graduation (Def Jam/ Universal)