Steigende Ölpreise

Wie Russland von den Unruhen in Libyen profitiert

| Lesedauer: 8 Minuten
Eduard Steiner

Foto: dpa / dpa/DPA

Moskau sieht die Libyen-Unruhen mit Skepsis, profitiert aber. Der Anstieg des Ölpreises spült Moskau unverhofftes Geld in die Staatskassen.

Soll sich Russland nun über die Aufstände in Libyen und anderen nordafrikanischen Staaten freuen oder doch eher Angst bekommen? So richtig scheint es die Führung in Moskau auch nicht zu wissen. Die Unruhen in der arabischen Welt würden noch zu riesigen Schwierigkeiten führen, ja vielleicht sogar zu einem Zerfall von Staaten führen, erklärte der russische Präsident Dmitri Medwedjew vor kurzem – um im selben Atemzug vor jeglichen Rebellionen im eigenen Land zu warnen.

Auch Regierungschef Wladimir Putin sprach bei seinem letzten Besuch in Brüssel davon, dass die Unruhen islamistische Kräfte im Nordkaukasus stärken könnten. Zugleich nutzte er die Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, dass Libyen ja nun zu zeige, dass die Skepsis der Europäer gegenüber ihrer starken Abhängigkeit von russischen Energielieferungen und neuen Gaspipelines unberechtigt sei. Der Anstieg des Ölpreises sei aber eine „ernsthafte Gefahr für das Weltwirtschaftswachstum“ und damit auch für Russland, fügte er hinzu. Dabei deuten genau diesen Punkt viele Beamte in Moskau längst als großes Glück – denn nach der Durststrecke der Krisenjahre spült er endlich wieder Massen an Petrodollars ins Land.

Politisch sieht Russland die Aufstände gegen Autokraten und Diktatoren mit erheblicher Skepsis. Finanziell ist das Land allerdings schon jetzt einer der größten Nutznießer der Unruhen in Nordafrika. Als weltweit größter Ölproduzent aber profitiert Russland von den steigenden Preisen ganz unmittelbar. Auch wenn die russische Ölsorte Urals mit einem Preisabschlag gegenüber der Nordseesorte Brent gehandelt wird – schon vergangenen Dienstag hat sie die Schwelle von 110 Dollar je Barrel (159 Liter) übersprungen und seither den Abstand zu Brent weiter verringert. Im Februar kostete ein Barrel Urals mit durchschnittlich 101,34 Dollar um 39,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. In den ersten beiden Monaten 2011 lag der Durchschnittspreis bei 97,5 Dollar und damit fast 30 Prozent über jenen 75 Dollar je Barrel, die dem russischen Staatsbudget als derzeitige Berechnungsgrundlage dienen.

Der Aufstand im Ölstaat Libyen und die Furcht vor Lieferengpässen treiben die Preise. In Libyen hat sich die Förderung halbiert. Vor allem dass Saudi-Arabien, nach Russland zweitgrößter Ölförderer, seine Tagesproduktion auf neun Mio. Barrel angehoben hat, konnte den Markt wenigstens kurzfristig beruhigen. Doch das allein wird auf Dauer nicht helfen: „Sollte es tatsächlich zu einem Flächenbrand in der Region kommen, kommt auch Saudi-Arabien an einen Punkt, wo es nicht mehr aushelfen kann“, sagt Ryoma Furumi, Rohstoff-Experte des Finanzdienstleisters Newedge.

Schon ergehen sich russische Analysten daher in Mutmaßungen darüber, ob Ölabnehmer im Falle anhaltender Instabilitäten auch verstärkt auf Russland zurückgreifen könnten. „Um geopolitische Risiken zu vermeiden und die eigene Energiesicherheit zu festigen, könnten die Importeure mehr Öl in Russland zukaufen“, meint Valeri Nesterow, Analyst der Investmentbank Troika Dialog gegenüber der Wirtschaftszeitung „Wedomosti“. Auch Vasili Tanurkov, Ölexperte der Investmentgesellschaft Veles Capital sieht Spielraum zur Steigerung der Förderung der heimischen Ölindustrie.

Im Januar hatte Russland erneut eine Rekordförderung erreicht – Stand: 10,5 Mio. Barrel täglich. Das Land steht freilich auch vor der Herausforderung, einen Rückgang der Förderung zu verhindern und neue Lagerstätten zu erschließen, wie Sergej Vakulenko, Managing Director von IHS Cambridge Energy Research Associates, erklärt. Die bisherigen Lagerstätten in Sibirien und an der Wolga begännen schon zu versiegen. Um die Firmen zu Investitionen in neuen, schwierigeren Lagerstätten zu animieren, brauche es einer Revision der hohen und undifferenzierten Besteuerung des Sektors.

Im Moment freilich geht es Russland ohnehin nicht so sehr darum, mehr zu fördern und zu exportieren, sondern mit der bestehenden Liefermenge durch die höheren Preise ausgiebig zu verdienen. Schon wenn der Ölpreis im Jahresdurchschnitt bei 97 Dollar je Barrel läge, würde dies 1,5 Billionen Rubel (38 Mrd. Euro) an zusätzlichen Einnahmen fürs Budget bedeuten, rechnete Vize-Zentralbankchef Alexej Uljukajev vor. Durch die Wirtschaftskrise, die Russlands Wirtschaft 2009 um 7,9 Prozent einbrechen ließ und im Vorjahr das Wachstum auf vier Prozent beschränkte, war auch das Staatsbudget ins Defizit geschlittert. Bisher war das Haushaltsloch auf 3,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) veranschlagt worden, dank des hohen Ölpreises könnte es nun auf unter zwei Prozent fallen, erklärte Finanzminister Alexej Kudrin. Ab einem durchschnittlichen Ölpreis von 102 bis 105 Dollar wäre das Budget sogar ausgeglichen.

Schon jetzt kann es sich Moskau erlauben, nach der langen Wirtschaftskrise mal wieder aufs Sparen überzugehen. Laut Kudrin könnte sich der Reservefonds bis Jahresende auf 1,45 Billionen Rubel (36,7 Mrd. Euro) verdoppeln – freilich immer noch weniger als ein Drittel des Volumens zu Beginn der Krise, doch immerhin wäre das eine Wende. Dabei fordern Experten in Russland vehement eine Abkehr von der Abhängigkeit der Wirtschaft von Öl und anderen Rohstoffen. Die Krise hatte die Schwächen dieser einseitigen Ausrichtung offengelegt. Allein Öl und Gas machen knapp 50 Prozent der Einnahmen aus dem russischen Export aus und liefern mehr als die Hälfte der Haushaltseinnahmen. So brachte im Vorjahr allein der Export von Öl 134,6 Mrd. Dollar ein, wie das Staatliche Statistikamt mitteilte.

Die Rohstoffökonomie zu überwinden und die Wirtschaft zu diversifizieren und modernisieren gilt daher als Credo von Präsident Medwedjew. Bisher ist das nicht einmal im Ansatz gelungen. Angesichts des immer stärker steigenden Ölpreises dürfte es noch schwerer werden. „140 Dollar je Barrel wäre für Russland einfach eine Katastrophe“, sagt Medwedjew: „Es wäre die Vernichtung aller Anreize zur Entwicklung.“

Ökonomen warnen, dass es führe früher oder später sogar zur Stagnation kommen könnte. Schon vor dem Ausbruch der Revolutionen in Nordafrika haben sich die Verantwortlichen bereits wieder zurückgelehnt und ihr Vertrauen aufs Öl gesetzt. Das könnte illusorisch sein, wie Kudrin meint, der ein Absinken des Ölpreises unter die Marke von 60 Dollar für die kommenden drei Jahre nicht ausschließt.

Dass Russland also plötzlich wieder Geldknappheit haben könnte, ist in Zukunft nicht ausgeschlossen. Das Problem der Gegenwart ist, dass der Geldüberfluss zu schaffen macht. Zwar wird das Wirtschaftswachstum, das in Russland sonst keine Triebkräfte gefunden hat, wieder angeschoben. Und auch der zuletzt geschrumpfte Handelsbilanzüberschuss schwillt wieder an. Hohe Ölpreise aber seien „ein Opium für die russische Wirtschaft“, sagt German Gref, Ex-Wirtschaftsminister und jetzt Chef der größten Bank Sberbank: „Mittelfristig wird damit noch eine weitere Blase aufgeblasen.“

Und der Rubel, in der Krise tief gefallen, steigt wieder an. Um dem entgegenzuwirken, hat die Zentralbank im Februar 4,5 Mrd. Dollar aufgekauft. In der vergangenen Woche hat sie allerdings im Kampf gegen die Inflation überraschend auch den Leitzins angehoben und den Korridor zum Euro-Dollar-Korb um einen Rubel auf fünf Rubel vergrößert. Der Kampf gegen die Inflation ist derzeit wichtiger als die Stabilität des Kurses. Der steigende Rubel aber verhindert die Entwicklung der rohstofffernen Sektoren und begünstigt den Import zum Schaden der eigenen Unternehmen.

So ganz unglücklich dürfte auch die Regierung über den Geldsegen nicht sein, immerhin stehen Parlamentswahlen und bald auch Präsidentschaftswahlen an – bei Bedarf ist jetzt also Geld vorhanden, um kurzfristig Ausgaben zu erhöhen. „Eigenartig“, meint daher Dmitri Dokutschajew, Wirtschaftspublizist der russischen Zeitschrift „The New Times“: Nach alter Manier schwärzten zwar russische Hardliner Amerika als Drahtzieher hinter den Aufständen in Nordafrika an. Doch wenn man schon über Verschwörungstheorien rede, dann müsse man wenigstens fragen, wem das Ganze nütze. Im Moment vor allem Russland.