Die Volkswirtschaften in der EU wachsen in diesem Jahr stärker als erwartet. Die EU-Kommission korrigierte ihre Wachstumsprognosen nach oben. Die Brüsseler Beamten erwarten jetzt einen dauerhaften Konjunkturaufschwung. 2012 soll die Wirtschaft sämtlicher EU-Länder wachsen - es wäre das erste Mal seit 2007.

In diesem Jahr soll die Wirtschaftsleistung in den 27 EU-Staaten um durchschnittlich 1,8 Prozent zulegen; für die 16 Länder der Euro-Zone erwarten die Ökonomen ein Plus von 1,7 Prozent. Im Mai war die EU-Kommission von einem Prozent Wachstum in beiden Ländegruppen ausgegangen. "Der Wirtschaftsaufschwung ist Realität", freute sich Olli Rehn, der EU-Kommissar für Wirtschaft und Währung.

Für das kommende Jahr erwartet die Kommission, dass die Wirtschaft der Euro-Zone um 1,5 Prozent wächst, die gesamte EU um 1,7 Prozent. Im darauffolgenden Jahr soll sich das europäische Wachstum noch verstärken; dann sollen die EU-Länder um 2,0 Prozent zulegen. Deshalb soll die Zahl der Arbeitslosen in den Mitgliedstaaten schneller zurückgehen als bisher erwartet und auch die Staatsschulden schneller sinken.

Deutschland gehört dabei zu den wachstumsstärksten Ländern und zieht die anderen mit: Die hiesige Wirtschaft soll nach 3,7 Prozent in diesem Jahr im kommenden Jahr um 2,2 Prozent wachsen und 2012 noch einmal um zwei Prozent - in allen drei Jahren weit stärker als der Durchschnitt der EU. Die schnelle Erholung hierzulande hat die europäischen Prognostiker überrascht. Noch im Mai waren sie davon ausgegangen, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr 1,2 Prozent und im kommenden 1,6 Prozent wachsen würde.

Die wirtschaftliche Erholung verläuft unterschiedlich schnell: Das stärkste Wachstum erreicht 2010 Estland mit einem Plus von 4,4 Prozent. Die Wirtschaft des Landes, das am ersten Januar dem Euro-Raum beitritt, ist in der Krise allerdings besonders stark eingebrochen und befand sich fast zwei Jahre lang in einer Rezession.

Griechenland und Portugal fällt es schwer, sich von dem Kriseneinbruch zu erholen; während alle anderen europäischen Volkswirtschafen wachsen, schrumpfen die griechische und die portugiesische weiter um drei, beziehungsweise ein Prozent. In diesen hochverschuldeten Ländern werden vor allem die staatlichen Sparprogramme die Konjunktur dämpfen. Für Irland erwarten die Brüsseler Experten im kommenden Jahr ein leichtes Wachstum von knapp einem Prozent, 2012 sollen es knapp zwei Prozent sein.

Das höhere Wachstumstempo wird in den kommenden Monaten auch bei den europäischen Arbeitnehmern ankommen, von denen viele in der Wirtschaftskrise ihre Stelle verloren haben. Während in Deutschland die Zahl der Arbeitslosen in den vergangenen Monaten überraschend stark gesunken ist, kämpfen viele europäische Staaten, die von der Finanz- und Wirtschaftskrise besonders hart getroffen wurden: In Spanien ist jeder fünfte arbeitslos; in den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen ist die Arbeitslosigkeit fast genauso hoch.

In der gesamten EU beträgt die Arbeitslosenquote im Schnitt 9,6 Prozent. In diesem Jahr ist die Beschäftigung in der EU trotz der überraschend guten wirtschaftlichen Entwicklung noch einmal geschrumpft. Denn die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt hinkt dem Wirtschaftswachstum typischerweise um ein halbes Jahr hinterher. Deshalb erwartet die EU-Kommission für die kommenden Monate positive Nachrichten vom Arbeitsmarkt.

Die öffentlichen Finanzen der EU-Staaten werden sich ebenfalls verbessern. "Ungefähr die Hälfte der Mitgliedstaaten dürfte 2010 ein niedriges Defizit ausweisen als 2009", steht in dem Bericht. Im kommenden Jahr sollen die Haushaltsdefizite in 24 der 27 Länder weiter sinken. Europaweit läge das durchschnittliche Haushaltsdefizit dann bei etwas mehr als fünf Prozent. Im Maastricht-Vertrag gestattet sind drei Prozent.