Wirtschaftsaufschwung

Deutschland steht vor einem goldenen Jahrzehnt

Der Ifo-Index steigt auf Höchststand. Die Zuversicht der Firmen ist überraschend stark und selbst die Eurokrise kann sie nicht erschüttern.

Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft bricht alle Rekorde. Selbst die schwere Eurokrise kann der Zuversicht der deutschen Unternehmen nichts anhaben. Der Ifo-Geschäftsklimaindex, der als wichtigster Stimmungsindikator der deutschen Wirtschaft gilt, kletterte im November auf den höchsten Stand seit Beginn der Umfrage 1991. Der Index stieg von 107,7 auf 109,3 Punkte – und damit stärker als im zurückliegenden Boom in den Jahren 2006 und 2007. „Die deutsche Wirtschaft schraubt sich immer höher“, sagt Hans-Werner Sinn, Präsident der Ifo-Instituts. Die 7000 an der Umfrage teilnehmenden Betriebe schätzen sowohl ihre wirtschaftliche Lage als auch die Geschäftsaussichten für die kommenden Monate besser ein – zur Überraschung vieler Ökonomen, die eigentlich mit einer Stagnation gerechnet hatten. Die Volkswirte der Nord LB sprachen von einem „Paukenschlag“.

Einige Ökonomen rechnen sogar damit, dass der Aufschwung noch Jahre anhalten könne. „Wir ernten jetzt die Früchte harter Arbeit aus den letzten sieben mageren Jahren. Nun könnten wir vor sieben fetten Jahren stehen“, sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Mit dieser Meinung steht er keinesfalls allein da. Der Chefvolkswirt von der Berenberg Bank, Holger Schmieding, wagt sogar die These, die deutsche Wirtschaft stehe vor einem „goldenen Jahrzehnt“.

Doch manch einer wundert sich über diese Euphorie. Eine Staatsschuldenkrise stellt die Europäische Währungsunion vor die Zerreißprobe. Noch immer schlummern gewaltige Berge an toxischen Wertpapieren in den Bankenbilanzen. Und die Finanzkrise hat das Potenzialwachstum der deutschen Wirtschaft ordentlich zusammengestutzt. Lassen sich die Ökonomen also von der guten aktuellen Lage verleiten und sind zu euphorisch?

Derzeit jedenfalls ist die Stimmung so gut wie selten zuvor. Die DZ Bank legte am Dienstag eine Prognose vor, die alle anderen nochmals übertraf: 3,8 Prozent Wachstum erwartet das Finanzhaus in diesem Jahr. 2,5 Prozent sollen es im kommenden Jahr sein, und 1,8 Prozent in 2012. Das wäre der längste Aufschwung seit der Wiedervereinigung. Auch der Bundesverband deutscher Banken ist in seiner neuen Prognose optimistisch. „Nach einem holprigen Start bleibt die Erholung robust, denn die Binnennachfrage wird im Verlauf des nächsten Jahres Zug um Zug an Stärke gewinnen“, sagt Hauptgeschäftsführer Michael Kemmer.

Deutschland wird nun für seinen Reformkurs der vergangenen Jahre belohnt. Die Lohnzurückhaltung hat die deutschen Unternehmen wettbewerbsfähiger gemacht. Außerdem haben sie geschickt und schnell die Märkte in Osteuropa und China erschlossen, und das in zukunftsträchtigen Branchen.

Schwellenländer wie China werden noch etliche Jahre auf Maschinen „Made in Germany“ angewiesen sein, um ihre Infrastruktur auszubauen und ihre Betriebe effizienter zu machen. Der nette Nebeneffekt: Die boomenden Exporte nach Asien machen die deutsche Wirtschaft unabhängiger von der in der Krise versinkenden Eurozone. Die größten Euro-Krisenländer – Irland, Griechenland und Portugal – fallen für die deutsche Exporteure ohnehin kaum ins Gewicht: Einer Statistik des Deutschen Industrie- und Handelskammertages nach entfallen auf die drei Krisenländer zusammen weniger als anderthalb Prozent der deutschen Ausfuhren.

China dagegen wird immer wichtiger für die deutschen Exporteure: Zwischen 2000 und 2010 stieg der Anteil der deutschen Exporte, die nach China (inklusive Hongkong) gingen, von zwei auf 6,1 Prozent. Damit ist China zum sechstwichtigsten Absatzmarkt aufgestiegen. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis die Volksrepublik die USA in der Rangliste der wichtigsten Absatzländer für deutsche Betriebe von Platz zwei verdrängt haben wird. Nur von Spitzenreiter Frankreich ist das Land noch ein gutes Stück entfernt. „Solange es den großen Schwellenländern gut geht, wird es Deutschland sehr wahrscheinlich auch gut gehen“, sagt Mayer.

Neben dem traditionell starken Export scheint sich derzeit der sonst schwächelnde private Verbrauch zu mausern. Die Stimmung unter den Verbrauchern ist so gut wie lange nicht mehr. Halten die Umfragen was sie versprechen, blüht dem Einzelhandel ein tolles Weihnachtsgeschäft. Der Grund für die plötzliche Konsumfreude: Die Arbeitslosigkeit fällt, inzwischen liegt sie unter drei Millionen. Deshalb sorgen sich die Deutschen weniger um den Verlust ihres Arbeitsplatzes und geben wieder mehr Geld aus.

Im dritten Quartal steuerte die Binnennachfrage 60 Prozent zum Wirtschaftswachstum bei, 2011 werden es nach Prognose des Sachverständigenrates 90 Prozent sein. „Wir treten in ein neues altes Zeitalter ein, in dem die Binnenwirtschaft eine größere Rolle spielt“, glaubt Dekabank-Experte Andreas Scheuerle. Befeuert wird der private Konsum – der 59 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes ausmacht – auch von der Aussicht auf steigende Löhne. In den Sommermonaten kletterten die Nettoverdienste bereits um 3,1 Prozent. Großunternehmen von Audi bis Siemens zahlen ihren Mitarbeitern freiwillig mehr Geld.

Doch einige Beobachter sehen genau diese Entwicklung mit großer Skepsis. „Der derzeit makellose Zustand wird nicht ein ganzes Jahrzehnt anhalten“, sagt David Kohl, Volkswirt bei Julius Baer. Zu hohe Lohnforderungen könnten die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft schwächen. Ökonomen fürchten, dass sich Deutschland auf den erzielten Erfolgen ausruhen und Reformen wieder zurückdrehen könnte, wie es zum Teil bei den Hartz-Reformen schon gesehen ist.

Unsicher ist auch, ob die deutschen Unternehmen künftig endlich mehr investieren. „Eine Belebung der Investitionstätigkeit, wie wir sie derzeit erleben, reicht nicht aus“, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz. Die Regierung müsse deshalb günstigere Rahmenbedingungen für Investitionen schaffen. Auch dürfte die Finanzkrise noch einige Zeit nachwirken. Sie hat das Wachstumspotential der deutschen Wirtschaft vorerst auf 0,75 Prozent gedrückt, schätzt die Bundesbank – der niedrigste Wert seit Bestehen der Bundesrepublik. „Für ein goldenes Jahrzehnt spricht daher wenig“, sagt Jürgen Pfister von der Bayern LB.

Schmieding kennt diese Einwände, glaubt aber, dass die Stärken der deutschen Wirtschaft überwiegen. Er rechnet damit, dass die deutschen Wirtschaft in diesem Jahrzehnt jährlich knapp unter zwei Prozent wächst. Zum Vergleich: Zwischen 1995 und 2005 waren es gerade einmal 1,3 Prozent. Ob die Prognose so eintrifft, ist zwar ungewiss, besonders, da sie einen so langen Zeitraum betrifft. Aber die Chancen dafür stehen gut. Auch, weil die Europäische Zentralbank (EZB) der deutschen Wirtschaft wohl Rückenwind verleihen wird. Sie wird die Zinsen aufgrund der Krise in den Euro-Peripheriestaaten kaum erhöhen können, womit die Zinsen für die starke deutschen Wirtschaft zu niedrig liegen dürften, sagt Oliver Holtemöller vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle: „Von einem goldenen Zeitalter zu sprechen, wäre mir dennoch zu hoch gegriffen. Aber im Vergleich zu viele anderen Staaten werden wir sehr gut dastehen.“