Es reicht ein Blick auf Sprachbilder der Ökonomen, um zu verstehen, dass sich die Stimmung fundamental geändert hat. Vergessen ist die „Badewanne“ – also die lang gezogene Stagnation, bevor es wieder aufwärtsgeht –, seit die Statistiker für die deutsche Wirtschaft wieder ein kleines Wachstum errechnet haben. Von einer „Sitzbadewanne“ redet erst recht keiner mehr. Stattdessen träumen die Volkswirte wieder vom „V“, dem steilen Aufstieg nach dem Abschwung.

Doch Moment, war da nicht was? Es ist nicht einmal ein Jahr her, dass Regierungen weltweit Rettungsschirme in Milliardenhöhe gespannt haben – allein in Deutschland steht eine halbe Billion Euro auf dem Spiel. Die Abwrackprämie ist zum deutschen Exportschlager geworden. Und die Notenbankzinsen stehen so tief, dass es tiefer nicht mehr geht.

Es lässt sich nicht leugnen: Die Fiskal- und Geldpolitik steht weiter auf Krisenmodus – auch wenn die ersten Wachstumsblüten das allmählich verdecken. Einerseits ist das gut, denn Zuversicht ist dringend nötig, wenn es wieder dynamisch aufwärtsgehen soll. Andererseits treten damit die Probleme, die zum Desaster der vergangenen Monate geführt haben, in den Hintergrund. Bleibt es dabei, wird der Boden für die nächsten Krisen zwangsläufig bereitet.

Die Finanzwelt ist nur symptomatisch dafür. Rasant ziehen gerade die Preise für Aktien und Rohstoffe wieder an, einige Geldhäuser wie die Deutsche Bank erwirtschaften sogar wieder Milliardengewinne. Die Mechanismen dahinter sind oft die gleichen wie vor der Krise. Ein Großteil der Gewinne im ersten Halbjahr fiel bei den großen Investmentbanken an – und das vor allem, weil sie wie eh und je voll ins Risiko gegangen sind. Gerade bei Staatsanleihen konnten sie völlig erratische Märkte ausnutzen. Doch das ist – wie inzwischen fast jedes Kind weiß – riskant und nicht von Dauer.

Entsprechend schnell ging es auch wieder mit den Boni nach oben. Antworten darauf, wie sich dieser allzu forsche Wettlauf um die besten Köpfe und den schnellen Gewinn begrenzen lässt, sind kaum zu erkennen. In Deutschland soll die Bankenaufsicht eingreifen können, wenn von einem Vergütungssystem Risiken für das Gesamtsystem ausgehen. Doch die gesetzliche Basis ist schwach, sodass die Beamten wenig werden ausrichten können. Die Londoner Finanzaufsicht wiederum machte in dieser Woche einen Rückzieher und verkündete lasche Regeln, weil sie sonst um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Banken fürchtet. Einziger Hoffnungsschimmer sind harte Worte von US-Finanzminister Timothy Geithner, wobei auch das nur Lippenbekenntnisse sind.

Die Notenbanken müssen ebenfalls noch beweisen, dass sie dazugelernt haben. Sicher, die Niedrigzinspolitik war das richtige Rezept gegen die Rezession. Doch sie ist auch das Düngemittel für neue Auswüchse an den Finanzmärkten. Ob bei Staatsanleihen, auf den Rohstoff- oder den Aktienmärkten: Überall entstehen gerade neue Blasen. Doch werden die Zentralbanken weltweit den Mut haben, die Zinsen schnell zu erhöhen, wenn sich die Wirtschaft stabilisiert? Zweifel sind angebracht.

Die Bundesregierung kann sich dabei keinesfalls rühmen, ihre Hausaufgaben gemacht zu haben. Im Gegenteil: Ein Problem ist weiterhin das Bankensystem, das die Kanzlerin im vergangenen Herbst noch so stabil wähnte. De facto sind erhebliche Teile der mühsam erarbeiteten Exportüberschüsse der vergangenen Jahre von den Landesbanken zulasten der Steuerzahler auf dem amerikanischen Immobilienmarkt verzockt worden. Wenn sich jetzt der Bankenmarkt schnell erholen und das Ausmaß der Ausfälle hinter den Erwartungen zurückbleiben sollte, werden gesamtwirtschaftlich betrachtet weiterhin drittklassige Landesbanken Geld verjubeln, das zuvor die Industrie erwirtschaftet hat. Tragfähige Geschäftsmodelle sind jedenfalls nicht zu erkennen. Auch das ist deutsche Realität.

Die Beispiele zeigen: Das Ende der Krise kommt zu früh für eine engagierte Krisenprävention. Die nächste Bundesregierung hat große strukturelle Aufgaben zu lösen, die das alte Kabinett kaum angepackt hat. Sie muss im Ausland den Prozess der Finanzmarktreformen weiter antreiben und im Inland die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Konjunktur stärker vom Exportüberschuss profitiert. Je schneller aber die Wirtschaft jetzt wächst, desto kleiner wird die Chance für diese wichtigen Reformen.